"In meiner Forschungsarbeit geht es in erster Linie um die Auswirkungen der Politik Habsburgs - von 1740 bis Ende des 18. Jahrhunderts - auf die peripheren Provinzen, wie z.B. Transsylvanien", erklärt die rumänische Geschichtswissenschafterin Teodora Daniela Sechel ihr aktuelles FWF-Projekt. Darin zeigt sie am Beispiel der Gesundheitspolitik der Monarchie, wie die Integration entlegener Provinzen durch eine zentrale Politikgestaltung gefördert wurde. Die Gesundheitspolitik dieser Zeit ist besonders spannend, denn unter Maria Theresia begann eine völlig neue Epoche in der Sanitätsgesetzgebung und im medizinischen Unterricht.
Die Rumänin Teodora Daniela Sechel arbeitet und recherchiert vor allem in und von Wien aus. "In Ungarn und Rumänien finde ich bei weitem nicht so viel interessantes Material für meine Arbeit. Außerdem bieten die zahlreichen Vorträge und intellektuellen Debatten an den Instituten eine anregende Umgebung für JungforscherInnen", nennt die Historikerin die zentralen Motive für ihren Forschungsaufenthalt in der ehemaligen Kaiserstadt.
Wien als Zentrum der Wissenschaft …
Nachdem es der Kaiserin Maria Theresia gelungen war, den berühmten niederländischen Mediziner Gerard van Swieten als Leibarzt zu engagieren, änderte sich nicht nur am kaiserlichen Hof so einiges: "Gerhard van Swieten initiierte die Reformierung des österreichischen Gesundheitswesens und der medizinischen Hochschulausbildung sowie die Einführung des klinischen Unterrichts", erzählt Teodora Sechel. Zudem hat Van Swieten - ganz im Sinne der Aufklärung - Feldzug gegen den weit verbreiteten Aberglauben geführt: Im Jahr 1755 brach er im Auftrag Maria Theresias nach Mähren auf, um den Geschichten rund um Vampire wissenschaftlich auf den Grund zu gehen.
… und als Hochburg der modernen Medizin
Angezogen durch die neue medizinische Hochschulausbildung und Persönlichkeiten wie Van Swieten kamen verstärkt renommierte Professoren und Studenten aus ganz Europa nach Wien, deren medizinische Fakultät mittlerweile einen hervorragenden Ruf innerhalb Europas genoss. "Die in Wien ausgebildeten Jungmediziner brachten ihr Wissen nach dem Studium wieder in ihre Heimatregionen zurück: Auf diese Weise entwickelte sich ein breites - an Wien angebundenes - Gesundheitssystem innerhalb der Habsburger Monarchie", so Teodora Sechel. Als Beispiel nennt die Historikerin den Seuchenexperten Adam Chenot - ein Schüler Van Swietens - der nach seiner Rückkehr nach Transsylvanien erfolgreich gegen die Pest in seiner Heimat ankämpfte.
Integration durch Wissenstransfer
"Am Beispiel Chenots lässt sich auch gut erkennen, dass die Provinzen Habsburgs das Wissen aus Wien nicht nur passiv aufnahmen. Im Gegenteil, sie adaptierten es den lokalen Gegebenheiten entsprechend und generierten neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien, die dann wiederum in der Hauptstadt auf fruchtbaren Boden fielen", erklärt die Historikerin. Dieser dynamische Wissensaustausch zwischen Peripherie und Zentrum förderte zum einen die Integration der Provinzen in die Verwaltung der Monarchie und zum anderen eine Aufwertung der wissenschaftlichen Eliten in den Randgebieten Habsburgs. "Die Etablierung der Provinzen im wissenschaftlichen Bereich kompensierte auch auf eine gewisse Art deren fehlende politische Rechte." Als Herzstück ihrer Arbeit nennt Teodora Sechel den Augustinersaal in der Österreichischen Nationalbibliothek, wo sie vor allem am Anfang ihrer Recherchen viel Zeit verbrachte: "Die Deckenmalereien repräsentieren die Wissenschaften des 18. Jahrhunderts und sind somit bezeichnend für meine Arbeit", erzählt die Historikerin, die mit ihrer Forschungsarbeit zeigt, wie stark die Medizin - und die Wissenschaft im Allgemeinen - die Modernisierung in Zentraleuropa und in der Habsburger Monarchie beeinflusst hat. (ps)
Dr. Teodora Daniela Sechel vom Institut für Geschichte leitet das FWF-Projekt "Vienna and Transylvania: Center and Periphery", das im Dezember 2008 startete und bis Jänner 2010 läuft.
|