Mehr Eigeninitiative, aber auch verbesserte Rahmenbedingungen für die "Humanities", also Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (GKS), in Österreich - das fordern die einzigen drei Wittgenstein-PreisträgerInnen im Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftsbereich, Ruth Wodak, Andre Gingrich und Walter Pohl. |
Die Linguistin Ruth Wodak, der Anthropologe Andre Gingrich und der Historiker Walter Pohl leiten die bisher einzigen Wittgenstein-Projekte im nicht-naturwissenschaftlichen Bereich und haben sich mit ihren MitarbeiterInnen kürzlich zu einem ersten gemeinsamen Workshop in Wien getroffen. Der Wittgenstein-Preis ist die höchste Wissenschaftsauszeichnung in Österreich und ist mit rund 1,5 Mio. Euro dotiert.
Die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak, karenziert von ihrer Professur am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und derzeit an der University of Lancaster (Großbritannien) tätig, erhielt 1996 den ersten Wittgenstein-Preis. Der Sozialanthropologe o. Univ.-Prof. Andre Gingrich, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und auch an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig, wurde 2000 mit dem Preis ausgezeichnet. Der Historiker Univ.-Doz. Dr. Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW und Dozent am Institut für Geschichte der Universität Wien, erhielt den Preis 2004. Die Auszeichnung hätten die drei ForscherInnen als "äußerst willkommene und ermutigende Unterstützung, aber auch Herausforderung" gesehen, die exzellente Forschungsprojekte auch im GKS-Bereich ermögliche.
Marginalisierung der GKS
Dass von den 17 bisher vergebenen Wittgenstein-Preisen erst drei an Vertreter der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gingen, werten Wodak, Gingrich und Pohl nicht nur als Zeichen der "anhaltenden Marginalisierung der GKS in vielen Teilen Europas". Dies zeuge auch vom "dringenden Nachholbedarf" der WissenschafterInnen in diesem akademischen Bereich in punkto Teamarbeit, internationale Kooperationsfähigkeit und Kompetenz bei der Akquirierung von Drittmitteln. Denn an den Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen liegt es nach Meinung der drei PreisträgerInnen nicht nur an infrastrukturellen und finanziellen Gegebenheiten, "sondern oft auch an den Vertretern der GKS selbst".
Austausch von Best-Practice-Modellen
Bei dem Workshop haben die drei WissenschafterInnen "zahlreiche positive Erfahrungen" in ihren eigenen Wittgenstein-Projekten gesammelt, die sie als "beste Beispiele" auch für eine zukünftige Nutzung empfehlen. Dazu zählen u.a. etwa internationale Beiräte, flache Hierarchien, internationale Netzwerke und Mobilität, Öffentlichkeitsarbeit und die Forcierung integrativer Teams aus fortgeschrittenen und Nachwuchs-ForscherInnen.
Wichtig für Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen
Gleichzeitig sollten sich die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften nicht von "kurzsichtigen ökonomischen und politischen Interessen in die Defensive drängen lassen", fordern Wodak, Gingrich und Pohl. Denn viele Themen der GKS seien nicht nur für eine breite Öffentlichkeit von Interesse, sondern wichtig für das Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen. (APA/red) |