Um blinden und sehbehinderten Studierenden den Alltag zu erleichtern, setzt die Universität Wien ein Orientierungskonzept um. Bis 2013 sollen - entsprechend dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz - die begonnenen Schritte zur Realisierung der Barrierefreiheit abgeschlossen sein. Das Konzept, auf dem das Blindenleitsystem aufbaut, stammt von Wolfgang Nowak - Politikwissenschafter, Philosoph und Behindertenvertrauensperson der Universität Wien: Er hat das neue taktile Bodensystem für Blinde im Rahmen seiner Dissertation entwickelt. |
"Ein wichtiger Faktor für die Selbstständigkeit von sehbehinderten Studierenden ist die Mobilität", sagt MMag. Wolfgang Nowak, Behindertenvertrauensperson der Universität Wien. Der - selbst blinde - Politikwissenschafter und Philosoph entwickelte im Rahmen seiner Dissertation "Auf dem Weg zu einem tastbaren Universaljargon" ein neues Bodenorientierungssystem. Bei der Umsetzung dieses "Taktilen Bodensystems" wurde Nowak von einem technischen Berater - Ing. Günther Ertl - unterstützt.
Seit Februar 2009 wird das neue Leitsystem, das sich aus einzelnen Blindenstreifen zusammensetzt und an die Vorstellungen des österreichischen Philosophen Otto Neurath angelehnt ist, nun an der Universität Wien partiell installiert. Zu finden sind die Blindenstreifen bereits in der Aula, teilweise in den Aulagängen, im Hoch- und Tiefparterre des Hauptgebäudes der Universität Wien sowie im Erdgeschoss des Neuen Institutsgebäudes (NIG). "Unser Orientierungssystem für Blinde ist besonders innovativ", erklären die beiden Entwickler Nowak und Ertl: "Wir hoffen, dass es künftig auch von anderen Universitäten übernommen wird."
Einzigartiges Bodenleitsystem für Blinde
Das neue Leitsystem hat gleich mehrere Vorteile. Im Gegensatz zu den bisher vorherrschenden Blindenstreifen im U-Bahn-Bereich oder an öffentlichen Plätzen werden die Streifen in den Universitätsgebäuden nicht in den Boden gefräst, sondern mittels spezieller Folie aufgeklebt. So lässt sich der Abbau von Barrieren für Blinde auch mit dem Denkmalschutz, dem etwa das Hauptgebäude der Universität Wien unterliegt, vereinbaren.
Zudem ist die Folie rutschfest und absichtlich niedrig gehalten. Damit werden auch Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen nicht gestört. In diesem Zusammenhang meint ADir. Peter Haberler vom Raum- und Ressourcenmanagement: "Schon die Probestrecke für die Blindenstreifen, die bereits im Februar 2009 angebracht wurde, fand gleich volle Zustimmung von der Universität, den Betroffenen, der Bundesimmobiliengesellschaft und dem Bundesdenkmalamt."
Blindenstreifen weisen den richtigen Weg
Besonders ist auch der Aufbau der Blindenstreifen: Anhand Breite, Höhe und Abstand der maximal sieben Leitlinien pro Streifen kann sich der oder die blinde Studierende nicht nur im Gebäude zurechtfinden, sondern erfährt überdies, wohin der Weg führt. "In der U-Bahn erhalten Blinde beispielsweise nur die Information, ob sie gehen oder vor Hindernissen stehen bleiben sollen. Unser System hingegen gibt auch Auskunft darüber, ob man sich auf dem Weg zu einem Hörsaal, zu einem Institut oder zum WC befindet", so Ertl.
Eselsbrücke: rechte Hand
Damit man sich das System leicht merken kann, dient die rechte Hand als "Eselsbrücke": Generell setzt sich jeder Blindenstreifen aus bis zu sieben Leitlinien zusammen. Die Nummerierung eins bis fünf der einzelnen Leitlinien beginnt beim Daumen und endet beim kleinen Finger. Links vom Daumen befindet sich die sechste Leitlinie und rechts vom kleinen Finger die siebte Leitlinie. "Kenne ich diese Nummerierung, weiß ich als blinder Mensch sofort, wenn etwa die zweite und vierte Leitlinie höher sind, dass ich mich auf einem Rundgang befinde", erklärt Nowak die Funktionsweise des Systems.
In Arbeit: Orientierungsplan für blinde Studierende
Nun soll das neue Bodensystem für Blinde an der Universität Wien auch den betroffenen Studierenden vorgestellt werden. Zu diesem Zweck ist eine blindengerechte Broschüre in Planung. Sie soll an der Universität Wien erhältlich sein und das neue Leitsystem für blinde Studierende "tastbar" und damit überhaupt erst nutzbar machen. Denn wie man die Streifen richtig "liest", müssen die sehbehinderten Studierenden zuerst einmal lernen - dies sollte laut Nowak jedoch kein Problem darstellen: "Jene Studierenden, die nicht alle Einzelheiten des System verstehen wollen, können sich durchaus auch mit den Basisinformationen begnügen."
Egal wie sich der oder die sehbehinderte Studierende entscheidet, das System warnt auf alle Fälle vor Gefahrenzonen wie z.B. Treppenstufen und führt sicher durch das Universitätsgebäude. "Wir begrüßen dieses Maßnahmenpaket für blinde Studierende ", freut sich Mag. Birgit Virtbauer vom Diversity Management der Universität Wien über das Projekt. Sowohl die bereits gesetzten als auch die geplanten Maßnahmen stellen wichtige Schritte in Richtung barrierefreie Universität dar. (pp) |