![]() Das Grünloch bei Lunz am See in 1260 Meter See- höhe. Durchmesser der Doline: 500 Meter, Tiefe: 50 Meter. Fotos: IMGW ![]() Mit Helium gefüllte Fesselballonsonden messen die Temperatur in höheren Luftschichten. ![]() Meteorologen der Universität Wien beim Auslesen des Daten- speichers bei arktischen Bedingungen. Institut für Meteorologie und Geophysik |
MeteorologInnen auf der Spur des Grünloch-Phänomens |
| Forschungsprojekte |
| Roland Dreger (Redaktion) am 3. Februar 2005 |
Wissen Sie, wo der Kältepol Mitteleuropas liegt? Nein? Im Grünloch, einer Doline bei Lunz am See in Niederösterreich. Der Rekord liegt bei ?52,6 Grad Celsius, gemessen im Jahre 1932. MeteorologInnen der Universität Wien erforschen in diesem einzigartigen Freiluftlaboratorium die Bildung von Kaltluftseen in den Alpen, und das unter nahezu idealen Bedingungen. |
Im Jahr 2003 sank die Temperatur in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember immerhin auf 47,1 Grad Celsius unter Null, berichten o. Prof. Dr. Reinhold Steinacker, Vorstand des Instituts für Meteorologie und Geophysik (IMGW), und sein Kollege Ass.-Prof. Mag. Dr. Manfred Dorninger. Für diesen Winter stehen die Ergebnisse der Messungen noch aus. Die Bedingungen sind jedoch gerade in den letzten Tagen wieder gut: kalte, trockene Polarluft, klare Nächte. Einzig der lebhafte Wind könnte den MeteorologInnen noch einen Strich durch die Rechnung machen. Schneedecke steigert den Effekt Als Doline bezeichnet man eine kesselförmige Einbuchtung in der Landschaft. Und genau diese spezielle Geländeform des Grünlochs macht diese Temperaturrekorde erst möglich, erklärt Steinacker: "In Tälern kann die kalte Luft, die sich in klaren Nächten bildet, normalerweise abfließen. In der Doline ist sie wie in einem Topf gefangen. Ist im Winter noch dazu eine dicke Schneedecke vorhanden, die keinen Wärmefluss vom Boden her zulässt, führt dies in der folgenden klaren Nacht zu diesen extrem tiefen Temperaturen." Umkehr der Vegetationszonen Doch auch in klaren Sommernächten ist Frost hier nichts Ungewöhnliches. Diese deutlich tieferen Temperaturen als in der Umgebung haben in der Natur ihre Spuren hinterlassen. "Innerhalb von wenigen Metern ändert sich die Vegetation", so Dorninger, "und am Boden der Doline findet sich Tundrenvegetation." Hier wachsen Pflanzen, die es sonst nur im hohen Norden oder in Sibirien gibt. Und Bäume beginnen erst allmählich, an den Hängen oberhalb des Dolinenbodens zu wachsen. Wertvolle Langzeitdaten Schon Anfang der 1920er Jahre wurden WissenschafterInnen auf dieses Naturphänomen aufmerksam. Angeblich, so erzählt man, aufgrund eines vor einer Jagdhütte erfroren Hundes und der Angewohnheit der dort weidenden Kühe, sich jeweils am Abend vom Dolinenboden auf die umliegenden Hänge zurückzuziehen. Ob wahr oder nicht, die von da an durchgeführten Aufzeichnungen liefern der Forschung heute wertvolle Langzeitdaten dieser Region und machen diese Doline unter anderem so einzigartig. Internationale Kooperation Aufbauend auf diesen früheren Untersuchungen erforschen die MeteorologInnen des IMGW gemeinsam mit KollegInnen der Universität für Bodenkultur Wien und des Pacific Northwest National Laboratory (USA) seit dem Winter 2001/02 das Grünloch. Ziel ist es, die Vorgänge bei der Bildung und Auflösung von Kaltluftseen in Alpentälern und Becken besser zu verstehen. Weshalb die WissenschafterInnen auch Vergleiche mit unterschiedlich geformten Dolinen in der Nähe des Grünlochs anstellen. Schadstoffbelastung durch Inversion Die gewissermaßen im kleinen Maßstab gewonnen Erkenntnisse sollen letztlich zur Verbesserung der Prognosemodelle beitragen ? etwa zur exakteren Vorhersage, wie lange sich ein Kaltluftsee unter bestimmten Bedingungen hält. Denn die Folge der Inversion (Temperaturumkehr) kann mitunter eine massive Schadstoffbelastung der Luft in Bodennähe sein. Die Trennschicht zwischen der warmen Luft (oben) und dem Kaltluftsee (unten) unterbindet größtenteils den vertikalen Luftaustausch. Transfer der gewonnenen Erkenntnisse "Worauf es uns ankommt, ist ein Transfer des Wissens beispielsweise auf bewohnte Tallandschaften, um möglichst für jeden beliebigen Punkt in den Alpen oder anderen Gebirgen eine Aussage zu treffen, wie anfällig das Gebiet für Inversion und Kaltluftseen ist, bis hin zur Abschätzung, ob dort z.B. Industriebetriebe angesiedelt werden können oder nicht", bemerkt Steinacker. Wind räumt kalte Luft aus Und welche Geheimnisse gilt es, dem Grünloch in Zukunft noch zu entlocken? "Eine offene Fragestellung ist etwa das Limit der Abkühlung, diese ?40, ?50 Grad", meint Dorninger. "Warum sinkt die Temperatur nicht weiter?" Und näher untersuchen wollen die MeteorologInnen in den nächsten Jahren auch noch die Vorgänge bei einsetzendem Wind. Dieser befördert die kalte Luft aus der Doline, was wiederum innerhalb weniger Minuten zu einem extrem Temperaturanstieg führen kann. (ro) |



