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Vielfalt im Fußball: Ivica Vastic (geboren in Kroatien) und Tosin Dosunmu (geboren in Nigeria). Foto: Fairplay/Kurt Wachter


Georg Spitaler erforscht Migration im österreichischen Fußball. Foto: P. Reidinger


Institut für Politikwissenschaftder Fakultät für Sozialwissenschaften
Migration im Fußball-Flutlicht
Forschungsprojekte
Peter Reidinger (Redaktion) am 19. Juni 2006

Der österreichische Fußball fristet während der Weltmeisterschaft ein Dasein im Abseits. Doch die Wissenschaft richtet das Scheinwerferlicht auf die österreichischen Ligen und die Nationalmannschaft, vor allem auf nicht in Österreich geborene Spieler. Georg Spitaler vom Institut für Politikwissenschaft untersucht in einem Projekt die Beziehung von Migration und Fußball und arbeitet damit 60 Jahre österreichischer Fußballgeschichte auf.

Der 9. Juni war ein guter Tag für Miroslav Klose. An seinem 28. Geburtstag hatte er mit zwei Toren entscheidenden Anteil am Sieg der deutschen Nationalmannschaft im WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Nach Ruhm, Blitzlichtgewitter und millionenschweren Verträgen sah das Leben des gebürtigen Polen vor 20 Jahren allerdings nicht aus. Gerade mit seinen Eltern über Frankreich nach Deutschland gezogen, hatte der achtjährige Miroslav mit der deutschen Sprache zu kämpfen und wurde in der Schule um zwei Klassen zurückgestuft. Probleme, mit denen tausende Migrantenkinder auch in Österreich täglich zu kämpfen hatten und haben. Manche von ihnen versuchen auch hierzulande über den Fußball den Sprung in ein besseres Leben. Mit diesen Menschen beschäftigt sich das FWF-Projekt "Migration im österreichischen Fußball seit 1945" unter der Leitung von Dr. Georg Spitaler.

Umfassende Datenbank


"Wir wollen das Thema Migration im Profi-Fußball erstmals umfassend für Österreich darstellen", fasst Spitaler, der als Lektor am Institut für Politikwissenschaften tätig ist, das Projektziel zusammen. Gemeinsam mit Migrationsexpertin Mag. Barbara Liegl vom Verein ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) und mehreren Kooperationspartnern wie der NGO Fairplay arbeitet er seit Dezember 2005 in einer ersten Projektphase an der Erstellung einer österreichischen Spieler- und Trainer-Datenbank von 1945 bis zur Gegenwart. Spitaler: "Wir wollen alle Fußballer mit Migrationshintergrund erfassen, die in den österreichischen Ligen oder für die Nationalmannschaft gespielt haben. Für die Zweite Republik gibt es dazu bisher keine lückenlose Darstellung. Als Basis für die weiteren Untersuchungen müssen wir wissen, welche Spieler es da überhaupt gab und gibt."

Die Erstellung der Datenbank stellte sich als schwierig heraus, erzählt Spitaler. Es gäbe zwar von den offiziellen Stellen wie dem ÖFB (Österreichischer Fußballbund) oder der Bundesliga Statistiken, die alle Spieler auflisten und sogar die Herkunftsländer anführen. "Vollständig gibt es solche Daten aber erst ab dem Jahr 1974", so Spitaler. Grundsätzlich gelte für die Forschungsarbeit deshalb: Je weiter in der Zeit zurück, desto schwieriger. Unterstützung bekam das junge Forscherduo vor allem durch Informationen "privater Spielerdaten-Sammler", wie Spitaler sie nennt. Gemeint sind damit überdurchschnittlich interessierte Anhänger einer Mannschaft, die auf eigene Faust ganze Listen mit Spielerdaten anlegen. Als Beispiel nennt er das Rapid-Archiv: "Dort haben Fans mit einer Erfassung der Rapid-Spieler begonnen, dann wurde die Liste immer weiter ausgedehnt. Solche Quellen waren für uns enorm wichtig."

Analysiert: Die Reaktion auf Migration


In einem zweiten Schritt wird das Projekt eine Medienanalyse zum Thema Fußballmigration in Österreich liefern. Im Vordergrund stehen dabei Printmedien, aber auch die Inhalte elektronischer Medien (beispielsweise des ORF) nimmt das Projektteam unter die Lupe. "Wir wollen herausfinden, wie zu unterschiedlichen Zeiten über Migration im Fußball geschrieben und diskutiert wurde", erläutert Spitaler und nennt ein Beispiel. "Die damalige Sportministerin Susanne Riess-Passer hat vor einigen Jahren gefordert, dass junge österreichische Spieler anstatt der Legionäre spielen sollten. Das hat gut zum Programm der FPÖ gepasst und über die Grenzen des Fußballs hinaus eine bestimmte Haltung gegenüber Spielern mit Migrationshintergrund erzeugt." Neu sei diese Diskussion nicht. "Bereits Anfang der sechziger Jahre wurde in Sportmedien vor einer 'Invasion von Legionären gewarnt'". "In den 1980er Jahren, als viele österreichische Spieler selbst für große europäische Klubs spielten, wurden die Legionäre hingegen offenbar freundlicher aufgenommen", ergänzt Barbara Liegl.

Schon vor den 1990er Jahren, als Spieler aus den EU-Ländern durch das EuGH-Urteil freien Zugang erhielten, spielten fast immer Migranten in heimischen Teams. In den 1950er Jahren waren ausländischen Spieler vor allem aus Ungarn und Jugoslawien, geben die gesammelten Daten Auskunft. Anfang der 1990er, als verstärkt MigrantInnen aus Osteuropa nach Österreich kamen, sei dieser Trend auch im Fußball bemerkbar gewesen, so Spitaler. Heute sind im österreichischen Fußball Spieler aus allen Kontinenten vertreten.

Mehr als nur ein Spiel


Spitalers These ist, dass der "scheinbar unpolitische Fußball auch Auswirkungen auf gesamtgesellschaftliche Bereiche haben kann." Wenn beispielsweise in einer Nationalmannschaft zwei oder drei Spieler mit Migrationshintergrund zu Publikumslieblingen avancieren, könne das indirekt Einfluss auf die Meinung der Menschen zu Migration im Allgemeinen nehmen. Bestimmte Wechselwirkungen zwischen Fußball und der generellen politischen Situation, etwa ob die Anzahl der Legionäre im österreichischen Fußball in einwanderungsstarken Zeiten zunimmt, sollen durch die Auswertung der Spielerdatenbank untersucht werden. Wie sich die Spieler selbst in Österreich und seiner Fußballkultur zurechtfinden, wollen Spitaler und Liegl mit Hilfe von biografischen Interviews über Migrations- und Karriereverläufe herausfinden.

Ergebnisse vor EM 2008


Die Ergebnisse des Projekts werden Ende 2007, rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, in einem Workshop präsentiert. Daran werden FußballforscherInnen aus ganz Europa teilnehmen, um die Schlussfolgerungen des Projekts mit ähnlichen Arbeiten zu anderen Ländern vergleichen zu können. Im Hinblick auf das Fußballfieber während der Europameisterschaft überlegen Spitaler und Liegl, den Projektbericht auch in Buchform zu veröffentlichen. Dass ein Spieler mit Migrationshintergrund bei der EM '08 im eigenen Land zu einem Star à la Klose in der österreichischen Nationalmannschaft wird, ist eher unwahrscheinlich. Zwar spielen in Österreichs Nachwuchsmannschaften sehr viele Migrantenkinder, beispielsweise aus der Türkei. "In den höheren Spielklassen wird der Anteil aber immer geringer", sagt Spitaler, "das wäre eine interessante Frage für ein Nachfolgeprojekt." (pr/red)


Das FWF-finanzierte Projekt "Migration im österreichischen Fußball" läuft seit Dezember 2005 in Zusammenarbeit mit der Organisation Fairplay (Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit). Kooperationspartner sind daneben der Fußballforscher Roman Horak und verschiedene Migrationsforscher. Die Laufzeit des Projektes beträgt zwei Jahre.

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