Um zu ihrem Arbeitsplatz in den entlegenen Mineralölfeldern des russländischen Hohen Nordens oder Fernen Ostens zu gelangen, reisen tausende Arbeitskräfte monatlich bis zu 8.000 km per Zug oder Flugzeug. "Vakhtovyj Metod" - zu Deutsch Fernpendeln - ist in Russland weit verbreitet und umfasst mehrere Generationen. Im FWF-Projekt "Leben auf Achse" gehen die Sozialanthropologin Gertrude Eilmsteiner-Saxinger und die Historikerin Elena Aleshkevich unter der Leitung von Heinz Faßmann einem sozialen Umfeld auf den Grund, das von ständiger Mobilität geprägt ist. |
Etwa 64 Prozent der erwerbstätigen ÖsterreicherInnen erreichen ihren Arbeitsplatz in weniger als 30 Minuten. Während in Zentraleuropa ein Arbeitsweg von einer Stunde schon eine Seltenheit ist, reisen viele russische ArbeiterInnen über 30 Stunden zu ihrem Arbeitsplatz. Weil es mittlerweile zu teuer geworden ist, bei jedem neu erschlossenen Erdgas- oder Erdölfeld im dünn besiedelten Nordrussland eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen, lassen Konzerne wie Gazprom oder Lukoil ihre MitarbeiterInnen aus den bis zu 3.000 km entfernten Regionen wie Baschkortostan, Tschuwaschien oder Krasnodar nach Nordwestsibirien einfliegen, wo sich die derzeit größten Erdöl- und Erdgaslagerstätten befinden.
Eine solche Distanz macht tägliches Pendeln unmöglich: Die Angestellten bleiben mindestens einen Monat an ihrem Arbeitsplatz, um sich dann für die gleiche Zeitspanne in ihrer Heimat westlich des Urals zu erholen.
Freizeit rund um die Uhr
"Das Phänomen des Fernpendelns geht in unserer Forschungsregion schon auf die Generation der jüngeren PensionistInnen zurück", erklärt die Sozialanthropologin Eilmsteiner-Saxinger. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elena Aleshkevich vom Institut für Geographie und Regionalforschung möchte sie sich im FWF-Projekt "Leben auf Achse - Lives on the Move" dem Lebensstil der PendlerInnen nähern. Dieser ist von einer permanenten Mobilität bestimmt, die sich auf die soziale Organisation auswirkt. Letztere beeinflusst wiederum die Motivation der zukünftigen mobilen Arbeitskräfte für diese wachsende Branche. Narrative Interviews und teilnehmende Beobachtung ermöglichen dem Team, das vom Migrationsforscher Heinz Faßmann geleitet wird, tief in die Thematik einzutauchen.
"Das soziale Leben in der Heimatregion der ArbeiterInnen unterscheidet sich stark von unserem westeuropäischen. Zum einen ist ein Großteil der männlichen Bevölkerung ständig abwesend, zum anderen haben die Menschen - wenn sie sich dann in ihren Heimatstädten befinden - praktisch rund um die Uhr Freizeit", bestätigt die in Russland geborene Elena Aleshkevich. Viele gehen in dieser Zeit einem zweiten Beruf nach oder übernehmen die Kinderbetreuung und den Haushalt - Arbeiten, die die Frauen sonst alleine bewältigen müssen.
Pendeln und Gender
In mehreren Forschungsaufenthalten für jeweils mindestens einen Monat untersuchen die Wissenschafterinnen nicht nur die zentralrussischen Heimatregionen, sondern forschen ebenfalls in Nowy Urengoi, einer der wichtigsten Erdgasförderstädte Russlands. Auch auf der Reise von und zu den Arbeitsplätzen werden die beiden Forscherinnen die Betroffenen begleiten. "Besonders interessiert uns, wie sich das Pendeln - die jeweilige Ab- und Anwesenheit der Männer und Frauen - auf die Geschlechterrollen und -beziehungen auswirkt. Weiters schauen wir uns an, welches Bild von Nordrussland die ArbeiterInnen nach Hause bringen."
4.000 Kilometer mit dem Zug durch Sibirien
Auch Ungerechtigkeiten innerhalb des sozialen Umfelds der PendlerInnen interessieren die WissenschafterInnen. Denn nicht alle ArbeiterInnen haben das Glück, ein Flugzeug zur Anreise nutzen zu können. "Je nach Arbeitsverhältnis und Arbeitgeber kriegen die Angestellten den Flug zu den Förderstätten bezahlt - oder eben nicht. Viele müssen auf den Zug ausweichen. Wer 3.000 km mit der Bahn durch die Taiga und Tundra Sibiriens fährt, ist hin und zurück gut eine Woche unterwegs. Von vier Wochen Erholung bleiben dann nur noch drei, bezahlt werden viele dafür nicht", vermerkt Eilmsteiner-Saxinger.
Die Projektergebnisse werden auf Deutsch, Englisch und Russisch veröffentlicht. "Wir sind schon sehr gespannt, wie die Forschungen weiter verlaufen werden. Die Ergebnisse sind auch für ÖsterreicherInnen interessant, denn wer in Wien seinen Gasherd aufdreht, um sich Tee zu kochen, steht über die Jamal-Europa-Pipeline quasi in direkter Verbindung mit unserer Forschungsregion Nowy Urengoi", schmunzeln Aleshkevich und Eilmsteiner-Saxinger. (il)
Mag. Elena Aleshkevich und Mag. Gertrude Eilmsteiner-Saxinger vom Institut für Geographie und Regionalforschung erforschen im dreijährigen FWF-Projekt "Leben auf Achse - Lives on the Move " unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann, Dekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie, die Lebensbedingungen von russischen FernpendlerInnen. Das Projekt hat im März 2010 begonnen.
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