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Institut für Soziologieder Fakultät für Sozialwissenschaften European Volunteer Center Projekt "INVOLVE"    
Mit ehrenamtlichem Engagement zur Integration
Forschungsprojekte
Simone Kremsberger (Redaktion) am  3. Oktober 2006

Ehrenamtliche Tätigkeit ist eine Form, an der Gesellschaft teilzuhaben. Auch für MigrantInnen, die auf diese Weise einen Schritt in die Mehrheitsgesellschaft machen können. Das europäische Projekt "INVOLVE" beschäftigt sich einerseits mit dem Stellenwert von ehrenamtlicher Arbeit in migrantischen Milieus und zielt andererseits darauf ab, anhand von Modellprojekten das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Form der sozialen Partizipation zu verstärken. Der Soziologe Christoph Reinprecht leitet die Österreich-Studie.

"In der Integrationsdebatte werden immer Punkte wie Deutschkenntnisse, Arbeit, ausreichendes Einkommen etc. genannt", sagt Ass.-Prof. Mag. Dr. Christoph Reinprecht vom Institut für Soziologie. "Ein wichtiger Teil der Integration geschieht jedoch im Alltag - in der Nachbarschaft, im Wohnumfeld, in der Freizeit. Da kommt dem Ehrenamt große Bedeutung zu."

Feldstudie im Rahmen von "INVOLVE"

Ehrenamt, bürgerliches Engagement oder Freiwilligenarbeit bedeutet aktive Teilhabe an der Gesellschaft - also etwas, das in der Integration von MigrantInnen eine wesentliche Rolle spielt. Dieser Gedanke steckt hinter dem Projekt "INVOLVE", das vom European Volunteer Center geleitet wird. Im Partnerland Österreich wurde am Institut für Soziologie unter Reinprechts Leitung eine explorative Studie durchgeführt. Im Mai 2006 fanden ExpertInneninterviews mit 23 ehrenamtlich engagierten MigrantInnen in Wien statt. Ein Pilotprojekt, wie Reinprecht betont: Die Ergebnisse sollen als Grundlage für ein Folgeprojekt zur Einreichung im 7. EU-Rahmenprogramm dienen.

Freiwilligenarbeit als Beitrag zur Existenzsicherung

Über das Ausmaß von ehrenamtlichem Engagement unter MigrantInnen gibt es bislang keine Zahlen. Nach seinen Recherchen gibt Christoph Reinprecht eine Einschätzung ab: "Vor allem im informellen Bereich existiert ein hohes Potenzial von Selbsthilfe und Selbst-Empowerment." Allein in Wien gibt es rund 500 migrantische Vereine, viele Hilfeleistungen werden über Verein oder Moschee organisiert. "In vielen Fällen leistet die Freiwilligenarbeit, etwa bei der Pflege älterer Personen, einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Existenz", so der Soziologe.

Barrieren auf individueller und systemischer Ebene

Wie die Befragung zeigt, stoßen ehrenamtlich engagierte MigrantInnen jedoch auf Barrieren: "Ehrenamt ist teilweise unter MigrantInnen wenig anerkannt. Auch ist zu berücksichtigen, dass sich die traditionellen Geschlechter- und altersgruppenbezogenen Rollenerwartungen im Migrationsprozess verändern, die unterschiedlichen Erwartungen stehen dann miteinander in Konflikt." Die größte Barriere besteht aber auf systemischer Ebene, wie Reinprecht erläutert: "MigrantInnen leben oft in prekären ökonomischen Verhältnissen. Es gibt aber keine Struktur der Mehrheitsgesellschaft, die ehrenamtliche Tätigkeit von MigrantInnen unterstützt. Vereine bekommen zumeist Projekt-, aber keine Basisförderung, und Kosten für Miete und Telefon müssen oft von den Organisationen selbst getragen werden."

Etablierte Organisationen öffnen

Ein weiteres Hindernis ist die Unzugänglichkeit von etablierten Wohlfahrtsorganisationen der Mehrheitsgesellschaft. "Eine wichtige Herausforderung ist es, Wohlfahrtsverbände und migrantische Organisationen zu vernetzen", meint Reinprecht. Profitieren würden beide Seiten: "Wohlfahrtsverbände sind zunehmend mit migrantischen Zielgruppen konfrontiert - als MitarbeiterInnen, hauptsächlich aber als KlientInnen. Wenn sich eine Organisation wie das Rote Kreuz gezielt öffnet und mehr Personen mit migrantischer Herkunft in ihre Struktur integriert, würde sie sich nach innen hin bereichern, zugleich könnte sie effizienter Angebote setzen."

Motive: Berufseinstieg und Anerkennung

MigrantInnen würden ebenfalls profitieren. "Der Zugewinn durch ehrenamtliches Engagement ist vielschichtig. Es können Kenntnisse über den neuen Lebensmittelpunkt erworben werden. Freiwilligenengagement kann aber auch eine Strategie darstellen, dem Risiko der Entwertung von beruflichen Qualifikationen, von dem Migrationsverläufe häufig begleitet werden, entgegenzuwirken", sagt Reinprecht. Ein weiterer Beitrag zur sozialen Integration besteht im Zugewinn an gesellschaftlicher Anerkennung. "MigrantInnen sind in der neuen Gesellschaft häufig mit Benachteiligungen und Ablehnung konfrontiert. Ehrenamtliches Engagement kann zu einem Mehr an Anerkennung beitragen, und Anerkennung ist eine zentrale Ressource für Integration. Deshalb ist es auch wichtig, etablierte Domänen der Freiwilligenarbeit - vom Roten Kreuz bis zur Freiwilligen Feuerwehr - für MigrantInnen zu öffnen."

Mehr Partizipation

Die Förderung des Ehrenamts darf laut Reinprecht nicht mit dem Ruf nach einem Rückzug des Staates verwechselt werden. "Aber gerade in Österreich, wo Erwartungen und Bedürfnisse traditionell an den Staat gerichtet werden und ein geringes Maß an Selbstregulationsbereitschaft besteht, muss die Partizipation der BürgerInnen massiver werden." Erfolgreiche Beispiele gibt es, so Reinprecht, genug. Etwa ein Parkbetreuungsprojekt des Wiener Vereins "Zeitraum" im 15. Bezirk, wo man aufgrund von Nutzungskonflikten im Park ältere Personen mit und ohne Migrationshintergrund für die Gestaltung des Miteinander gewinnen konnte: "Es funktioniert. Es gibt die professionelle Parkbetreuung, aber daneben auch aktive Partizipation." Ein anderes Beispiel von besonderer Aktualität wäre das Thema Pflege: "Pflege kann nicht zu 100 Prozent professionalisiert werden, daneben gibt es auch den semi-professionellen Bereich, z.B. Begleitung und einkaufen gehen, und eine informelle Dimension, z.B. Kommunikation und soziale Einbindung. Beim Ehrenamt geht es ganz besonders um den letzten Bereich." Reinprecht ist überzeugt: "Es braucht formale Strukturen, aber erst die Partizipation füllt die Struktur mit Leben aus. Und dabei sollen sozial benachteiligte Gruppen aktiv einbezogen werden." (sk)


Die explorative Studie "Ehrenamtliches Engagement von Migranten und Migrantinnen" wurde unter der Leitung von Ass.-Prof. Mag. Dr. Christoph Reinprecht vom Institut für Soziologie im Mai 2006 im Rahmen des Projekts "INVOLVE" durchgeführt.
"INVOLVE" (Involvement of Third Country Nationals in Volunteering and Civic Activities as a Means of Better Integration) ist ein europäisches Projekt unter der Koordination des CEV (European Volunteer Center) im Rahmen von INTI, einem Finanzierungsprogramm der Europäischen Kommission für Maßnahmen zur Förderung der Integration von Drittstaatsangehörigen. Partnerländer sind Deutschland, die Niederlande, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Ungarn und Österreich.

Literaturtipp:
Christoph Reinprecht: "Nach der Gastarbeit: Prekäres Altern in der Einwanderungsgesellschaft." Wien: Braumüller 2006

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