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Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien
Mozart im Spiegel des Musikjournalismus
Forschungsprojekte, Mozart-Jahr 2006
Dieter N. Unrath (Redaktion) am 29. Oktober 2004

Über das Musikgenie Mozart ist viel geschrieben und dokumentiert worden. Rechtzeitig vor Beginn des Mozartjahres 2006 untersucht das FWF-Projekt "Wolfgang Amadeus Mozart im Spiegel der Musikkritik bis 1830" unter der Leitung von o. Prof. Dr. Gernot Gruber, Vorstand des Instituts für Musikwissenschaft, wie die Musik und Persönlichkeit W. A. Mozarts (1756-1791) vom Musikjournalismus zur Zeit seines Wirkens und in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod rezipiert wurden.

Die Frage nach der frühen Rezeption Mozarts griff die Musikforschung bereits mehrfach auf, dabei kommen die bisherigen Studien allerdings nur zu lückenhaften Ergebnissen: Bisher wurde statt einer seriellen eine exemplarische Materialrecherche betrieben. Ziel des FWF-Projekts, das seit Juli 2003 läuft und im Dezember 2005 endet, ist nun die Herausgabe einer Edition und einer Online-Datenbank von veröffentlichten Artikeln über Mozart bis 1830, besonders von Werkrezensionen, Konzert- und Opernkritiken sowie biographischen Hinweisen. "Mozart konnte während seiner Wiener Zeit ? also in den 1780er Jahren - sehr viele Erfolge als Pianist und teilweise auch als Opernkomponist aufweisen. Aber dass er im Unterschied z.B. zu Joseph Haydn erhebliche Kritik erfahren hatte, ist wenig bekannt", konstatiert Gernot Gruber, seit vielen Jahren Mozartforscher und Autor des 1985 erschienen Buches "Mozart und die Nachwelt". Für die Fachleute zu komplex Von den Zeitgenossen wurde besonders kritisiert, dass Mozarts Musik zu komplex und schwierig, dass z.B. der Orchestersatz viel zu überladen und seine Musik insgesamt im Affekt sprunghaft sei. Selbst Experten mussten seine Musik mehrmals hören, um die Kompositionen zu verstehen. "Das Publikum aber hat Mozart immer gemocht. Probleme hatten die Musiker, weil seine Werke teilweise einfach zu schwierig waren. Auch die Herausgeber von Zeitschriften der damaligen Zeit kritisierten das Musikgenie: Sie empfanden, dass seine Musik nicht der aufklärerischen Einfachheit und Schlichtheit entsprach", fasst Projektmitarbeiter Dr. Rainer J. Schwob zusammen. So stellte beispielsweise ein Musikjournalist, der im Oktober 1791 eine Rezension im "Musikalischen Wochenblatt" über eine "Don Giovanni"-Aufführung in Berlin schrieb, fest: "Nie kann man in seinen Werken einen Gedanken finden, den man schon einmal gehört. (?) Unaufhörlich wird man ohne Ruhe und Rast von einem Gedanken zum andern gleichsam fortgerissen ?". In den 1790er Jahren und damit auch nach dem Tod Mozarts (1791) änderten sich die Beurteilungen der Fachpresse: "Wenn man die Kritiken ungefähr ein Jahrzehnt später betrachtet, dann sind sie überwiegend positiv. Mozart ist nun nicht mehr die Nummer zwei hinter Haydn, sondern er wird führend - und das Interessante dabei ist: Genau jene musikalischen Stileigenschaften, die zuvor kritisiert wurden, werden jetzt als besonders positiv hervorgehoben", bemerkt Gruber. Dieser Kritikwandel setzt zu jener Zeit ein, als sich zum ersten Mal in der europäischen Musikgeschichte ein Kanon von musikalischen Meisterwerken herausbildet und so etwas wie eine musikalische Öffentlichkeit entsteht. Tausende Artikel über Mozart Bisher hat Rainer Schwob etwa ein dutzend Zeitschriften, die er vor allem in der Österreichischen Nationalbibliothek und im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gefunden hat, durchgesehen und ist bei der Suche nach Mozart oft genug fündig geworden. "Trotzdem ist es bisher nur ein Bruchteil von dem, was zur Verfügung steht. Ich habe derzeit eine Datenbank mit 300 Einträgen. Wenn man alle Erwähnungen Mozarts bis zum Jahr 1830 sammelt, ergibt das wahrscheinlich bis zu 8000 Datensätze", erklärt Schwob. Von der Yellow Press thematisiert, von Salzburg ignoriert Führende Medien in der Zeit Mozarts und um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert waren u.a. die "Musikalische Monatsschrift" (hrsg. von Johann Friedrich Reichardt), das "Musikalische Wochenblatt" (Berlin), die "Allgemeine musikalische Zeitung" (Leipzig), die "Wiener allgemeine musikalische Zeitung" und die "Musikalische Eilpost" (Wien). Aber auch die damalige "Yellow Press" ? wie das "Journal des Luxus und der Moden" (Weimar) ? beschäftigte sich mit der Person Mozarts. "Oft sind solche nicht-fachspezifischen Publikationen interessanter, besonders in Bezug auf allgemeine Meinungen über Mozart", verdeutlicht Gruber. In Salzburg, der Geburtsstadt Mozarts, erschienen hingegen kaum Musikzeitschriften; in den wenigen Periodika wurde er ignoriert, schließlich war schon der Fürsterzbischof von Salzburg, Hieronymus Graf Colloredo-Mannsfeld, als aufklärerischer Herrscher kein großer Freund der Musik Mozarts gewesen.  Der Musikjournalismus, der in diesem Forschungsprojekt über Mozart im Mittelpunkt steht, trug wesentlich zur Schaffung eines standardisierten Werturteils über die vergangene und gegenwärtige Musikproduktion, zur Kanonbildung und zum Verständnis von Mozarts Musik bei. Schon damals gab es eine einflussreiche Musikkritik; Beethoven beispielsweise wurde in seinen ersten Wirkungsjahren oft vernichtend kritisiert. "Dabei wurde gerade dadurch Beethovens Ruhm später gefördert", so Gruber. Auch Mozarts Nachruhm hat die anfängliche Kritik offenbar nicht geschadet. (du)  

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