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Interface des digitalen 3D-Faksimiles des Erdglobus von Gerhard Mercator aus dem Jahr 1541. Er ist eines der Prunkstücke unter den mehr als 400 historischen Exponaten des Globenmuseums der ÖNB. Fotos: IfGR


Bei der Überlagerung der Originalkonturen von Gerhard Mercator und dem digitalisierten Globus kamen zum Teil deutliche Abweichungen zu Tage.


Via Touchscreens erfahren die BesucherInnen mehr über Geschichte, Herstellung oder Anwendung von Globen im Laufe der Geschichte.


Veranschaulicht wird beispielsweise auch das Konstruktionsprinzip von Karten und Globen ? wie hier die Sternenprojektion auf die scheinbare Himmelskugel.


Institut für Geographie und Regionalforschung, Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie Globenmuseum der ÖNB Homepage von Andreas Riedl
Neuer 3D-Hyperglobus für das Wiener Globenmuseum
Forschungsprojekte
Roland Dreger (Redaktion) am 16. November 2005

Von reiner Dekoration keine Spur: Die Globen des 21. Jahrhunderts sind interaktiv und multimedial. Für das Globenmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, das am 1. Dezember neu eröffnet wird, entwickelten WissenschafterInnen der Universität Wien mehrere digitale Applikationen. Überraschende Erkenntnisse brachte die Begegnung von Alt und Neu auch für die Forschung.

Wer da geschlampt hat, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur, dass London im Meer liegt, der Ärmelkanal kurzerhand versetzt wurde und das östliche Mittelmeer gleich vollständig fehlt. Vieles auf dem Erdglobus von Gerhard Mercator aus dem Jahr 1541 ist nicht dort, wo es eigentlich sein sollte. Den Namensgeber dürfte hier allerdings keine Schuld treffen. In seinen originalen Schwarzweißvorlagen war noch alles am rechten Fleck. 3D-Faximile des Mercator-Globus Jetzt, im Zuge der Digitalisierung des weltbekannten Globus, traten die "kleinen Ungenauigkeiten" erstmals zu Tage. "Vorher sind sie eigentlich niemandem so wirklich aufgefallen", bemerkt Ass.-Prof. Mag. Dr. Andreas Riedl vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien (IfGR). Für das weltweit einzige Globenmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB), das derzeit ins Palais Mollrad übersiedelt, erstellten der Globenexperte und sein Team mehrere digitale Multimediaapplikationen ? darunter ein virtuelles Pendant des besagten Mercator-Globus. Abweichungen zu Originalvorlagen Um die Lesbarkeit an abgegriffenen Stellen zu erhöhen, griffen die WissenschafterInnen auf die im Original erhaltenen Schwarzweißdrucke des berühmten Globenbauers Gerhard Mercator zurück. Beim Übereinanderlegen in der digitalen Darstellung wurden die zum Teil deutlichen Abeichungen augenscheinlich. Wahrscheinlich dürften es die beauftragten Koloristen beim Ausmalen der Konturen am Globus nicht immer ganz so genau genommen haben, vermutet Riedl. Oder es waren Fehler missglückter späterer Restaurierungsversuche.  Mehr als ein digitales Abbild Die digitale Version des Mercator-Globus ist eines der multimedialen Highlights des neu gestalteten Globenmuseums in der Herrengasse. Er wird direkt neben seinem Vorbild aus dem 16. Jahrhundert zu finden sein. Und dieser so genannte Hyperglobus ist weit mehr als nur ein originalgetreues digitales Abbild und in seiner Art weltweit ein Unikat. Im Unterschied zum Original hinter der Vitrine ist hier Berühren ausdrücklich erwünscht. Mittels Zoomfunktion werden Details sichtbar, die am realen Globus ? wenn überhaupt noch ? nur mit Lupe zu erkennen sind. Überdies ermöglicht etwa eine virtuelle Überlagerung den direkten Vergleich von historischem und heutigem geographischen Wissensstand. Das multimediale Museum Zwei Jahre lang haben die WissenschafterInnen der Universität Wien gemeinsam mit MitarbeiterInnen der ÖNB an den digitalen Präsentationen des Globenmuseums gearbeitet. Das neue didaktische Konzept verspricht eine völlig neuartige Auseinandersetzung mit dem Thema Globus. Von der Welt zum Globus Je tiefer die BetrachterInnen in die Untermenüs der interaktiven Applikationen vordringen, desto tiefer können sie in die Materie einsteigen, erläutert Riedl: "Von allgemeiner Information für den Laien bis hin zum Spezialwissen für den Globenexperten." Erklärt wird beispielsweise, wie die Welt auf den Globus oder der Sternenhimmel auf eine ebene Karte gelangt. "Diese Konstruktionsprinzipien waren bei Führungen früher nur relativ schwer zu vermitteln." Auch die aufwändige Herstellung der historischen Exponate wird veranschaulicht. Reichlich Potential für die Forschung Neben der Wissensvermittlung steckt für Riedl in den neuen digitalen Techniken zudem noch jede Menge Potential für die Globenforschung. Vor allem der virtuelle Hyperglobus stellt für ihn "eine exzellente Forschungsplattform zur wissenschaftlichen Untersuchung historischer Globen" dar. Nach dem Mercator-Globus wäre es beispielsweise denkbar, weitere Globen für einen direkten Vergleich digital zu erfassen. Die nächste Globengeneration Derzeit planen die WissenschafterInnen des IfGR schon die nachfolgende Generation ? den taktilen Hyperglobus. Diese sind derzeit das Nonplusultra der modernen Globentechnik: ein digitales Abbild auf materiellem Globenkörper im realen Raum zum Beispiel mit einem sphärischem Display. Im Frühjahr 2006 beginnt ein diesbezügliches Forschungsprojekt am Institut. Im Prinzip spricht für Riedl nichts dagegen, in einem nächsten Schritt dann auch den Mercator-Hyperglobus zu einem taktilen zu erweitern. (ro) Das Projekt MUGL (MUltimedia GLobe Museum) wurde von der Österreichischen Nationalbibliothek finanziert und von 2004 bis 2005 durchgeführt. Anfang 2006 erscheint in der Fachzeitschrift "Cartographica Helvetica" eine ausführliche wissenschaftliche Publikation zum Projekt und zur Erstellung des interaktiven 3D-Faksimile des Erdglobus von Mercator.  Am 1. Dezember 2005 findet die Eröffnung des neu gestalteten Globenmuseums der ÖNB im Palais Mollrad in der Herrengasse in Wien statt. Literaturtipp:
Andreas Riedl: Entwicklung und aktueller Stand digitaler Globen. In: Kainz W., Kriz K., Riedl A. (Hrsg.): Aspekte der Kartographie im Wandel der Zeit. Wien, Institut für Geographie der Universität Wien, 2004 (Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie, Band 16) S. 256-263.  

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