Kommen unterschiedliche Materialien miteinander in Kontakt, interessiert PhysikerInnen besonders, was sich an der Grenze abspielt. "Neue Dinge passieren immer an der Grenzfläche", schlägt die Molekularbiologin Renee Schroeder die Brücke zu dem von ihr und der Sprachforscherin Ruth Wodak organisierten Symposium "Migration: Interdisziplinäre Perspektiven", das von 1. bis 3. Juli an der Universität Wien stattfindet. Geht es dabei doch einerseits um den Kontakt einander fremder Disziplinen, andererseits um den Kontakt einander fremder Menschen und Kulturen. |
Ruth Wodak und Renée Schroeder haben im Vorjahr das "Interdisziplinäre Dialogforum" (IDee) gegründet, um die interdisziplinäre und fakultätenübergreifende Vernetzung der WissenschafterInnen an der Universität Wien zu fördern. Das erste nach außen sichtbare Zeichen dieser Initiative, die von den Wittgenstein-PreisträgerInnen der Universität Wien, darunter Schroeder und Wodak, unterstützt wird, ist nun das Migrations-Symposium. Dabei sollen nicht nur die Auswirkungen von Sprachbarrieren, Stereotypen und Feindbildern aus politischer, historischer und kultureller Perspektive beleuchtet werden, sondern auch Migrationsprozesse aus naturwissenschaftlicher Sicht.
Viel Forschung, wenig Vernetzung
Ausschlaggebend für die Themenwahl war einerseits die Vielfalt laufender, aber nicht vernetzter Forschungen zum Thema an der Universität Wien, andrerseits aber auch der kommende Wiener Wahlkampf, von dem sich Schroeder erwartet, dass er noch "ungustiös" wird. "Daher wollten wir das Thema Migration auch von der wissenschaftlichen Seite her beleuchten. Es geht darum, den populistischen Strömungen eine rationale und differenzierte Debatte entgegenzuhalten", betonten beide Wissenschafterinnen.
Was Wodak bei der Interdisziplinarität wichtig ist, hat wohl auch beim Thema Migration seine Geltung: "Die Art und Weise, wie man einander begegnet und einander zuhört, die Offenheit und Neugier, etwas Neues zu lernen, halte ich grundsätzlich und auch in der Forschung für wichtig." Es gebe nach wie vor WissenschafterInnen, die kein Interesse an interdisziplinärer Arbeit hätten, in den Geisteswissenschaften beispielsweise seien die disziplinären Grenzen teilweise noch stark.
Ruth Wodak, die immer wieder zur Sprache von RechtspopulistInnen geforscht hat, findet es dagegen "sehr spannend", dass etwa beim Migrationsthema bestimmte mathematische Modelle aus den Naturwissenschaften auf einer sehr abstrakten Ebene auch für bestimmte sozialwissenschaftliche Vorgänge einsetzbar sein könnten.
Noch wenig gelebte Interdisziplinarität
Renée Schroeder hofft, dass aus dem "IDee" auch konkrete Projekte herauskommen, wofür allerdings noch geeignete Strukturen etabliert werden müssten: "Die Instrumente zur Umsetzung von Interdisziplinarität sind sehr mangelhaft." Eine Studentin der Molekularbiologie etwa, die zum Thema Ethik dissertieren wollte, habe große Probleme gehabt, weil eine Doktorarbeit auf zwei Fakultäten derzeit nur sehr schwer möglich sei. Auch bei der Begutachtung von Projektanträgen in der Forschungsförderung wären eigens für Interdisziplinarität geschulte GutachterInnen notwendig.
Einig sind sich die beiden Wissenschafterinnen, dass mehr Forschung zum komplexen Thema Migration notwendig ist. Es gebe zwar an der Universutät Wien eine Forschungsplattform zu dem Thema und vereinzelte Projekte, es fehle aber die Synergie. "Daher wäre", meint Wodak, "ein eigenes interdisziplinäres Institut für diesen Themenbereich wichtig." Schroeder würde dagegen die Einrichtung eines der geplanten Exzellenzcluster zum Thema Migration bevorzugen, der als Plattform die verschiedenen Aktivitäten vernetzt.
"Die Universitäten dürfen sich jedenfalls nicht diesem sozialpolitischen Thema verweigern", betonte Schroeder. Vor allem auch der Kontakt zur Politik sei wichtig, wobei sich Wodak wünscht, dass auch die Politik verstärkt "an uns ExpertInnen herantritt", dabei aber berücksichtigt, "dass gute Forschung Zeit braucht und unabhängig bleiben muss". (APA)
ID-Symposium: "Migrations - Interdisciplinary Perspectives" Donnerstag, 1. Juli bis Samstag, 3. Juli 2010 Campus der Universität Wien, Hörsaal C2 (Hörsaalzentrum), Hof 2.6 Spitalgasse 2-4, 1090 Wien Nähere Informationen Programm
Die Konferenzsprache ist Englisch.
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