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Die Hertha-Firnberg-Stipendiatin Annemarie Steidl erforscht die Migrationssysteme in den Ländern der Ungarischen Krone von 1870 bis 1914. Foto: td


Die Migrationen innerhalb der Länder der Donaumonarchie überstiegen die Auswanderungen in die USA bei weitem. Quelle: D. H. Lange, "Volksschul-Atlas" (1898)


Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichteder Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
"Nomaden" der k.u.k.-Zeit
Forschungsprojekte, Hertha-Firnberg-Programm
Theresa Dirtl (Redaktion) am 13. März 2007

Die Österreichisch-Ungarische Monarchie war nach Russland flächenmäßig der zweitgrößte Staat Europas. Als Vielvölkerstaat wurde er von einer hohen Mobilität seiner BewohnerInnen geprägt - und das nicht nur in die USA. Die Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Annemarie Steidl untersucht in einem aktuellen FWF-Projekt die unterschiedlichen Migrationsmuster anhand des ungarischen Teils der Habsburgermonarchie.

"Ich möchte mit dem Mythos der USA-Emigration brechen. Im Habsburgerreich herrschte insgesamt eine hohe Rate an Wanderungen. Die Auswanderung nach Übersee machte dabei nur einen Bruchteil aus", erklärt die Hertha-Firnberg-Stipendiatin Mag. Dr. Annemarie Steidl, die die "Migrationssysteme in den Ländern der Ungarischen Krone" von 1870 bis 1914 untersucht: "Landläufig wird Migration stark mit dem Beginn der Industrialisierung verknüpft. Es herrscht der Glaube, dass die Bevölkerung davor statisch an ihrem Platz blieb. Das stimmt nicht. Menschen waren nie sesshaft."

Reichsmigration lange unterschätzt

Ende des 19. Jahrhunderts war die etwa sieben bis zehn Tage dauernde Überfahrt an die Ostküste der USA sicher sehr aufregend. Ein Abenteuer. Vielleicht wird dieser Auswanderung deshalb bis heute soviel Bedeutung beigemessen. "Rund um 1880 ist der Mythos vom 'Land der unbegrenzten Möglichkeiten' bis in die Donaumonarchie vorgedrungen. Und nicht wenige versuchten ihr Glück. Doch dabei wird oft vergessen, dass etwa 40 Prozent der so genannten Auswanderer wieder zurückkamen", erklärt Steidl: "Die übrigen Wanderungen abseits Übersee stehen völlig im Schatten. Dabei bestimmten diese viel mehr den Alltag der Menschen in der Donaumonarchie."

Bergbau und Zuckerrübenernte

Gerade die unterschiedlichen Ethnien der k.u.k.-Monarchie - dazu zählten Bewohner der heutigen Staaten Tschechische und Slowakische Republik, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Teile von Rumänien, Polen, Italien, Serbien und der Ukraine - entwickelten aus ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Situation eigene Migrationsmuster heraus. Diesen geht Annemarie Steidl seit Jänner auf den Grund. Zu Projektstart steht die Datensammlung im Vordergrund. "Ich bin auf der Suche nach Volkszählungen und Statistiken jeglicher Art. Von Österreich und Ungarn gibt es ausreichend Daten, aber über die Grenzen hinaus wird es schon schwieriger. Hier könnten auch Kirchenarchive helfen", meint die Sozialhistorikerin.

Von Feld zu Feld

Die saisonalen Wanderungen, etwa zu Erntezeiten, sind dabei besonders schwierig zu verorten. Doch gerade diese machten einen Großteil der Migration innerhalb Europas aus. Zur Zuckerrübenernte reisten vorwiegend Frauen über den gesamten Kontinent von Feld zu Feld. Es gibt Aufzeichnungen von polnischen Arbeiterinnen, die sogar bis nach Skandinavien reisten, um Geld bei der Erntearbeit zu verdienen. Die Männer hat es eher in den Bergbau verschlagen. Gerade im "boomenden" Ruhrgebiet herrschte eine große Nachfrage an Arbeitern.

Junge Reisende und soziale Netzwerke

Schon jetzt kann Steidl sagen, dass es "für die Migration immer mehrere Gründe gab. Der Entschluss zur Wanderung verlief damals nicht nach dem Muster 'von armen Gebieten in reiche Regionen'." Doch gewisse Tendenzen lassen sich festmachen: So waren vor allem viele junge Frauen aus der ländlichen Unterschicht unterwegs, die zumeist als Erntehelferinnen arbeiteten. "Diese Frauen wären aber zu Hause nicht verhungert. In ihrer Heimat, ob Ungarn oder Galizien, hätten sie nur einfach weniger verdient", betont Annemarie Steidl. Soziale Netzwerke vor Ort, etwa der Bruder oder eine Freundin, erleichterten den Entschluss zum Aufbruch oftmals.

Ein Schiff wird kommen

Auch das reale Ausmaß jenseits des Mythos der USA-Emigration ist Teil des Forschungsprojekts. Dazu wertet Annemarie Steidl die Schiffslisten von 22 Dampfern aus, die von deutschen Häfen in die Vereinigten Staaten aufbrachen. "Auffallend ist hier der hohe Frauenanteil. Im Gegensatz zu den Männern, die oft nach wenigen Jahren zu ihrer Familie zurückkehrten, ist die Rückkehrrate bei diesen - am Hinweg - allein stehenden Frauen sehr gering", analysiert Steidl erste Ergebnisse. Viele junge Frauen aus der Donaumonarchie blieben in New York, um in der dortigen Textilindustrie oder in Haushalten zu arbeiten.

Angst vor Kaiser und Papst

Im "Land der Freiheit" waren die EmigrantenInnen aus dem Osten plötzlich mit Xenophobie konfrontiert. Das gängige Vorurteil der WASP (White Anglo-Saxon Protestants) lautete: Diese Menschen haben einen Kaiser und einen Papst, daher sind sie nicht zur Demokratie fähig. "Die Ungarn wurden 'Hunkies' genannt. Die ganze Situation damals erinnert stark an die Angst, die derzeit im Westen gegenüber dem Islam herrscht", meint Steidl: "Daher kehrten sicher viele wieder in ihre Heimat zurück. Genaueres über die Hinter- und Beweggründe der Wanderbewegungen werde ich bei Projektabschluss in drei Jahren sagen können." (td)


Das FWF-Projekt von Mag. Dr. Annemarie Steidl "Migrationssysteme in den Ländern der Ungarischen Krone" im Rahmen eines Hertha-Firnberg-Stipendiums startete im Jänner 2007 mit einer Laufzeit von drei Jahren.

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