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Institut für Osteuropäische Geschichteder Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Österreichisch-russische Grenze in der Ukraine erforscht
Forschungsprojekte
Peter Reidinger (Redaktion) am 10. Oktober 2006

Wenn als Resultat von Macht- und Expansionsgelüsten ganze Länder gespalten, Gebiete neu verteilt und Grenzen neu gezogen werden, hatte und hat das in erster Linie weltpolitische Bedeutung. Ein Projekt am Institut für Osteuropäische Geschichte untersuchte am Beispiel der ehemaligen österreichisch-russischen Grenze in der Ukraine die Auswirkungen auf geteilte Gebiete. Im Mittelpunkt standen drei Städtepaare - im österreichischen Galizien bzw. in Russland.

Im Zuge der vier Teilungen Polens von 1772 bis 1815 durchtrennte eine gemeinsame österreichisch-russische Grenzlinie einen bisher einheitlichen Raum. Ein FWF-Projekt am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien untersuchte die Auswirkungen dieser Teilungen, wie Projektleiter O. Univ.-Prof. Dr. Andreas Kappeler im Gespräch erläutert: "Gebiete, die vorher zu Polen-Litauen gehörten und wirtschaftlich, sozial, kulturell und religiös relativ einheitlich waren, wurden plötzlich getrennt. Auf dieser Trennung basieren die Untersuchungen des Projekts. Im Fokus steht dabei jedoch nicht die gesamte Grenzlinie, sondern drei Städtepaare, anhand derer wir die unterschiedlichen Entwicklungen im österreichischen Galizien und in Russland erforschten."

"Bisher schlecht erforschtes Gebiet"

Ziel des seit diesem Sommer abgeschlossenen Projekts war es, den Wandel der multikulturellen Gemeinschaften in den Städten Brody und Radyvyliv, Pidvoločys'k und Voločys'k sowie den beiden Teilen der Stadt Husjatyn von der Grenzziehung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 nachzuzeichnen. Für Projektleiter Kappeler ist es unverständlich, dass bei der Erforschung Galiziens noch Pionierarbeit geleistet werden kann: "Es ist paradox, dass in Österreich die Geschichte des größten österreichischen Kronlandes sehr schlecht erforscht ist. Es gibt kaum Monografien zu diesem Thema, die auf eigenständiger Archivrecherche fußen."

Die ProjektmitarbeiterInnen Mag. Paulus Adelsgruber, Mag. Börries Kuzmany und Dr. Laurie Cohen betraten also weitgehend wissenschaftliches Neuland, als sie im Sommer 2004 mit den Recherchen vor Ort begannen. Im Fokus standen dabei die Archive in St. Petersburg, Lemberg, Kiew und Wien. In den jeweiligen Archiven vor Ort wurde das Team von lokalen ForscherInnen unterstützt: "Ohne diese Vorarbeiten wären die Recherchen unmöglich gewesen", berichtet Adelsgruber.

Diebstahl und Umsiedlung erschweren Forschung

Die Bedingungen in Russland und der Ukraine waren teilweise problematisch, schildert Kuzmany: "Die Vorrecherchen waren von sehr unterschiedlicher Qualität. Das Lemberger Archiv war wegen eines Diebstahls längere Zeit geschlossen, und in Kiew hatten wir Probleme, unsere Quellen mit der Kamera zu digitalisieren." Bei der Arbeit an einem der wichtigsten Archive, dem Russischen Historischen Staatsarchiv, hatte das Team großes Glück, erzählt Kappeler: "Laurie Cohen und Paulus Adelsgruber konnten im letzten Moment noch fast alle projektrelevanten Daten sammeln, bevor das Archiv wegen einer Umsiedlung auf Jahre unzugänglich gemacht wurde."

Doch welche Daten und Quellen waren für das Projekt von Bedeutung? Adelsgruber: "Außer Brody sind die untersuchten Städte alle sehr klein. Da kann man nicht bei jeder Stadt aus Bergen von Material aussuchen. Daher waren primär fast alle Quellen von Bedeutung." Kuzmany fügt hinzu: "Statistiken zu kleinen Städten gibt es praktisch nicht. Wir mussten vor allem auf wirtschaftliche Aufzeichnungen wie Zollbestimmungen zurückgreifen. Darüber hinaus haben wir Daten zu Bevölkerung, Religion oder Sprache gesammelt. Vom sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansatz aus sind die Schtetl, die bis auf Brody nur zwischen 1500 und 5000 Einwohner hatten, am besten zu fassen."

Aus den bisherigen Untersuchungen lassen sich klare Unterschiede in den Entwicklungen der Städtepaare ausmachen, sagt Adelsgruber: "Die Differenzen zeigen sich einerseits im wirtschaftlichen Bereich und andererseits in der Verwaltung. Besonders prägend waren aber die unterschiedlichen politischen Systeme." Kappeler präzisiert: "Während es auf österreichischer Seite seit den 1860er Jahren eine Verfassung und festgeschriebene Menschen- und Bürgerrechte gab, hat man solche Dinge in Russland noch nicht gekannt."

Antisemitismus

Antijüdische Tendenzen habe es vor allem in Russland gegeben, wo sich die Ressentiments zudem gegen die polnische Bevölkerung richteten. "Antisemitismus wurde von oben zwar geschürt, im Alltagsleben der Schtetl, die ja zu 50 Prozent und mehr aus jüdischer Bevölkerung bestanden, dürfte es aber nicht ganz so große Probleme gegeben haben. Der Charakter der alltäglichen Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen ist jedoch aus den Quellen nur schwer zu erschließen", erläutert Adelsgruber. Dennoch sei es beispielsweise 1881 in Voločys'k zu einem antijüdischen Pogrom gekommen, bei dem örtliche Bauern und Eisenbahnarbeiter die Rädelsführer waren.

Sogar Auswirkungen auf heutige Wahlen

Die ehemalige Grenze, die heute ganz auf ukrainischem Gebiet verläuft, stelle auch gegenwärtig noch eine "Mentalitätsgrenze" dar, wie Kuzmany erklärt: "Die ehemals österreichischen Gebiete sind auch heute noch sehr westlich orientiert, auf der 'anderen Seite' tendiert man eher zu Russland." Dies zeige sich beispielsweise bei Wahlen. "Fast in allen Gebieten, die früher in Galizien waren, wurde beim letzten Urnengang für Juschtschenko gestimmt. Weiter östlich gaben die Menschen eher Timoschenko oder Janukowitsch die Stimme."

Derzeit arbeitet das Team an der Publikation der Forschungsergebnisse. Zwei wissenschaftliche Aufsätze zu den drei Städtepaaren und zur Geschichte der Grenze sind in Begutachtung bzw. in Arbeit. Außerdem wurde eine Datenbank erstellt, die für nachfolgende Projekte zur Verfügung stehen wird. Teil der Datenbank sind beispielsweise eine umfassende Bibliografie zum Thema sowie digitalisierte Aufnahmen der Archivquellen. Im Juni fand ein Workshop in Lemberg statt, bei dem die ProjektmitarbeiterInnen gemeinsam mit lokalen ForscherInnen über die Ergebnisse diskutierten. Das Team zeigt sich zufrieden mit der bisherigen Arbeit: "Wir haben so viel Material gefunden, dass wir noch ein paar Jahre weiterforschen könnten." (pr)


Das FWF-Projekt "Multikulturelle Grenzstädte in der Westukraine" unter der Leitung von Andreas Kappeler lief seit 1. Juli 2004 und endete diesen Sommer. Das Nachfolgeprojekt "Imperiale Peripherien: Religion, Krieg und die Szlachta" wurde Anfang Oktober 2006 vom FWF bewilligt. 

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