Seit September 2007 ist Peer Vries, der bereits in den Niederlanden, England und China gelehrt und geforscht hat, Professor für Internationale Wirtschaftsgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Der Spezialist für vergleichende Wirtschaftsgeschichte forscht zur wirtschaftlichen Entwicklung Westeuropas im Vergleich zum ostasiatischen Raum. Am 30. April 2008 hält Peer Vries seine Antrittsvorlesung zum Thema "Zur politischen Ökonomie des Tees: Was uns Tee über die englische und chinesische Wirtschaft der Frühen Neuzeit sagen kann". |
"Meine leitende Forschungsfrage bezieht sich letztlich auf den Prozess des wirtschaftlichen Wachstums: Wie kommt es, dass gewisse Länder wirtschaftlich einen Sprung vorwärts machen, dass andere nachziehen und andere zurückbleiben?", fragt Univ.-Prof. Dr. Peer Vries. Er ist seit September 2007 "Professor für internationale Wirtschafsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Globalgeschichte" am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Der gebürtige Niederländer war lange in verschiedenen Funktionen am Institut für Geschichte der Universität Leiden tätig. Seinem ausgezeichneten Deutsch merkt man kaum an, dass es nicht seine Muttersprache ist. Auch Forschungs- und Lehraufenthalte jenseits der Niederlande sind Peer Vries nicht fremd: Der 54-Jährige verbrachte einige Monate zu Forschungs- und Unterrichtszwecken an der der "London School of Economics and Political Science" und als Gastprofessor an der "Nankai School of Economics" (Tjianjin, China) und ist international in vielen Gremien aktiv.
The West ...
Warum gibt es eine Kluft zwischen armen und reichen Ländern? Das ist eine brandaktuelle Frage, deren Antwort vor allem auch mit strukturellen wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen zu tun hat, so Peer Vries. Der Sprung in der modernen Wirtschaftsentwicklung erfolgte ungefähr zwischen 1750 und 1850. Auf jene Epoche konzentriert sich Peer Vries. Er geht in seinem wissenschaftlichen Ansatz davon aus, dass die unterschiedlichen Wirtschaftsentwicklungen der verschiedenen Weltregionen letztlich mit der Industrialisierung verknüpft sind.
Vorreiter England
Diese These prüft der Geschichtsprofessor beispielsweise in einem aktuellen Forschungsprojekt, in welchem er die Entwicklung der Wirtschaft Englands und Chinas in der Frühen Neuzeit vergleicht. "England war das erste und ziemlich lange auch das einzige industrialisierte Land", hält Peer Vries fest und ergänzt: "Warum war gerade England Vorreiter in der Industrialisierung und warum hat sich diese im heutigen westeuropäischen Raum ziemlich schnell ausgebreitet, während sie sich - abgesehen vom faszinierenden Fall Japan - lange Zeit nicht im Osten durchgesetzt hat? Warum ist nicht die ganze Welt gleichermaßen 'entwickelt'?"
... and the rest
Peer Vries, der sich als historischer Sozialwissenschafter sieht, ist bestrebt, die großen Fragen systematisch in kleinere zu unterteilen. "Dabei muss man analytisch unterschiedliche Fragen auseinanderhalten, wie zum Beispiel ob der Westen durch die Ausbeutung anderer reicher geworden ist und/oder ob der schon reichere Westen den 'Rest' davon abgehalten hat, reicher zu werden", gibt er zu bedenken. Generell wirkte sich eine Menge an Faktoren und Wechselbeziehungen - etwa der Beginn des Überseehandels in der Frühen Neuzeit, die Kolonialisierungen, das Entstehen von modernen Staaten in Westeuropa und nirgendwo anders - auf die Entwicklung der Weltwirtschaft aus.
Phasen der Globalisierung
Peer Vries' Professur hat den Zusatz "Globalgeschichte". Ob Globalisierung wirklich neu ist, ist eine in den letzten Jahren häufig gestellte und heftig debattierte Frage. "Globalisierung im Sinne einer weltweit spürbaren wirtschaftlichen Verknüpfung beginnt sozusagen post Columbus", meint Peer Vries dazu. "Von einer wirklich 'systematischen' Globalisierung kann man aber erst ab dem 19. Jahrhundert sprechen, als die Transportmittel effizienter wurden und die Wirtschaft wuchs."
Diese erste Phase der Globalisierung ist auch verknüpft mit einer Änderung der Wirtschaftspolitik, inklusive der Einführung niedrigerer Zölle oder offener Märkte. "Von 'der' Globalisierung zu sprechen, ist also fehlgeleitet", so der Historiker, "die heutige Globalisierung hat eine ganz andere Dynamik; wesentlich sind heute vor allem die immensen und raschen Kapital- und Informationsströme, während 'früher' fast ausschließlich Güter gehandelt wurden."
Analytik versus Ideologie
Viele WissenschafterInnen beschäftigen sich mit dem Unterschied zwischen arm und reich oder der Globalisierung. "Notwendigerweise", betont Peer Vries, denn alleine könnte man diese großen Fragen nie bearbeiten. Er selbst ist einer der Gründer des Global Economic History Network und Herausgeber des "Journal of Global History". An der regen Debatte zum Thema bedauert er lediglich, dass sie teilweise stark ideologisiert ist: "Es gibt viele Meinungen, aber zu wenig Analysen und Tatsachenkenntnisse."
Ihm ist wichtig, sich analytisch und systematisch mit der globalen Wirtschaftsgeschichte auseinanderzusetzen, ohne sofort Personen oder Staaten in gut oder böse einzuteilen oder Schuldzuweisungen zu machen. Das will er auch seinen Studierenden mitgeben: eine wissenschaftliche Herangehensweise, die auf Argumentation und Tatsachen beruht. (hh)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Peer Vries mit dem Titel "Zur politischen Ökonomie des Tees: Was uns Tee über die englische und chinesische Wirtschaft der Frühen Neuzeit sagen kann" findet am Mittwoch, 30. April 2008 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |