Die Geomorphologie ist in der Geographie als Teilwissenschaft der Physischen Geographie fest verankert. Neben den klassischen Arbeiten der genetischen Geomorphologie über das Quartär, d.h. der letzten 1,8 Millionen Jahre, erlangte in den letzten Dekaden besonders die Prozessgeomorphologie eine besondere Bedeutung. Die auf der Erdoberfläche stattfindenden geomorphologischen Prozesse wie gravitative Massenbewegungen mit Steinschlag, Muren und Rutschungen, Bodenerosion, Schneelawinen sowie fluviale, äolische und litorale Prozesse werden in ihren Abläufen untersucht. |
Hierbei liegt in der Geomorphologie der Schwerpunkt auf der Interaktion zwischen den ablaufenden Prozessen und den sich bildenden und verändernden Formen sowie den jeweiligen Materialien. Der Raum und die Zeit sind von besonderer Bedeutung. Obwohl es auf den ersten Blick trivial erscheint, gilt es die Zusammenhänge zwischen der Größe des Untersuchungsobjektes, der Bildungs- und Existenzzeit der Oberflächenformen unbedingt zu beachten und die Untersuchungsmethoden entsprechend darauf abzustimmen.
Diese Zusammenhänge seien an einem Beispiel erläutert: Ein großer Felssturz blockiert ein Tal. Der Fluss verändert daraufhin seinen Lauf und unterschneidet einen Hang. Dieser kollabiert nach mehreren Jahren der Unterschneidung, was zu einer Veränderung des Flussnetzes führt. Dieses Beispiel verdeutlicht die direkten Zusammenhänge zwischen Einflüssen auf die Landoberfläche durch unterschiedliche Prozesse, die zwar in verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Magnituden ablaufen, aber sich doch gegenseitig nachhaltig beeinflussen. Raum und Zeit sind somit nicht untrennbar, sondern bedingen sich gegenseitig. Zwar können Raum und Zeit getrennt untersucht werden, müssen aber dennoch zwingend in einem Gesamtzusammenhang betrachtet und bewertet werden.
Risikoforschung
Die Geomorphologie kann wichtige Beiträge zur Risikoforschung geben. Neben vielen anderen Bereichen der Risikoforschung wird hauptsächlich zwischen sozialwissenschaftlichen Sichtweisen und natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bearbeitungen unterschieden. In den Sozialwissenschaften wird das Risiko u.a. als ein bewusst eingegangenes Wagnis bezeichnet, d.h. Untersuchungen der Wahrnehmung, der Kommunikation und des gesellschaftlichen Handelns sind zentral. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften wird das Risiko generell als eine Funktion aus der Gefahr und den Konsequenzen definiert. Letztere sind wiederum von den potentiellen Risikoelementen (z.B. Objekte wie Häuser oder PKW, Infrastrukturen wie Versorgungsleitungen oder Verkehrswege, Menschen, oder auch ideellen Gütern wie Kirchen oder Grabstätten) und deren Vulnerabilität gegenüber einem potenziellen schadenbringenden Prozess abhängig. Eine solche quantitative Risikoanalyse muss zusammen mit der Risikobewertung und dem eigentlichen Risikomanagement in einem übergeordneten Konzept der Risiko Governance eingebunden sein.
Raum-Zeit-Analysen und Risiko
Am Beispiel der gravitativen Massenbewegungen wurden in der Antrittsvorlesung unterschiedliche Optionen einer Koppelung der geomorphologischen Forschung und der Risikoforschung dargestellt. Lokale Untersuchungen fokussieren sich bei gravitativen Massenbewegungen auf Untergrunderkundungen, Untersuchungen der Oberflächenstrukturen und den auslösenden Faktoren. Ziel ist es, möglichst detaillierte Informationen über die Größe der bewegten Gesteinsmassen und deren Aktivitätsgrad zu erhalten. Entscheidend ist hierbei auch die Differenzierung der unterschiedlichen Einflussfaktoren. Vorbereitend für ein Hangversagen mag die Landnutzungsänderung (z.B. Entwaldung) sein. Ein auslösendes Ereignis initiiert das Abrutschen des inzwischen labilen Hanges und Faktoren wie Hangneigung und Wölbung kontrollieren dann den eigentlichen Bewegungsablauf. Zentral ist die Einbindung dieser Untersuchungen in Modellierungen, um auch potenzielle Auswirkungen zukünftiger Entwicklungen abschätzen zu können.
Unterschiedliche Massenbewegungen
Räumliche Untersuchungen gravitativer Massenbewegungen können mithilfe qualitativer oder quantitativer Methoden durchgeführt werden. Von besonderer Bedeutung für diese Analysen sind räumlich und zeitlich möglichst hoch aufgelöste Inventare für unterschiedliche Typen von Massenbewegungen. Klassische geomorphologische Kartierungen sind eine wichtige Grundlage zur Ausweisung unterschiedlicher Prozessbereiche. Detaillierte Aufnahmen im Gelände oder Datenerhebungen mithilfe der Fernerkundung sind eine hervorragende Datenbasis, entweder für weiterführende statistische Analysen, oder zur Überprüfung numerischer Ansätze. In lokalen und räumlichen Analysen werden folglich Aussagen zu einer Auftretenswahrscheinlichkeit potenziell Schaden bringender Ereignisse in einem bestimmten Raum, in einer vorgegebenen Zeitperiode und für eine bestimmte Größe der Massenbewegung getroffen. In Kombination mit den Lokalitäten und Charakteristika der Risikoelemente können die Aussagen zu geomorphologischen Prozessen erweitert werden hinsichtlich der potenziellen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dies ist besonders aufgrund einer sich kontinuierlich ändernden Umwelt von zentraler Bedeutung.
Geomorphologie, Risiko und Globaler Wandel
Ein wichtiges Thema in der Geomorphologie ist der Wandel der Geosphäre in Raum und Zeit. Bereits im Holozän (letzte 10.000 Jahre) fanden weit reichende Änderungen statt, die beispielsweise in Sedimentverfüllungen von Talauen nachzuweisen sind. Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich dieser Wandel in den letzten zwei Jahrhunderten verstärkt in den unterschiedlichsten Bereichen und Regionen vollzieht. Es sei nur auf den Gletscherrückgang in den Alpen und die direkten menschlichen Eingriffe durch Flussbegradigungen oder Anlagen von Stauseen hingewiesen. Aber auch die Gesellschaften haben sich massiv geändert. Beispielsweise nahmen die Bevölkerungszahlen zu, die Siedlungen expandierten und die Nutzung der Rohstoffe intensivierte sich um ein Vielfaches. Das natürliche Geosystem und das soziale System verändern sich räumlich und zeitlich kontinuierlich, somit ist auch das Risiko unter fortwährender Veränderung.
Thomas Glade hat seit Oktober 2006 die Professur für Physische Geographie an der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie inne. Die Antrittsvorlesung "Raum-Zeit-Analysen in der Geomorphologie - ein Beitrag zur Risikoforschung" fand am Montag, 15. Jänner 2007, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |