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Die Soziologin Hilde Weiss beschäftigt sich mit religiösen Orientierungen von MuslimInnen im Generationenwandel.


Institut für Soziologie der Fakultät für Sozialwissenschaften
Religion und Integration
Forschungsprojekte
Daniela Hermetinger (Redaktion) am 31. Mai 2010

In Österreich leben rund 500.000 MuslimInnen. Sie kommen aus diversen Herkunftsländern, haben unterschiedlich starke religiöse Bindungen und befinden sich in verschiedenen Lebenssituationen. Dennoch werden sie von der Mehrheitsbevölkerung häufig als homogene Gruppe wahrgenommen. Die Soziologin Hilde Weiss versucht im Rahmen eines FWF-Projekts ein differenzierteres Bild zu zeichnen: Wie wirkt sich eine unterschiedlich starke Identifikation mit dem Islam auf den Lebensstil und die Integration von MuslimInnen aus?

"Im Projekt 'Religiöse Orientierungen von Muslimen im Generationenwandel' möchte ich untersuchen, wie die subjektiven Deutungen des Islam in Lebensmuster und Alltagspraktiken eingehen", erklärt Hilde Weiss vom Institut für Soziologie. Dabei interessiert sie sich insbesondere für den religiösen Wertetransfer innerhalb von Familien: "Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie erste und zweite Generation aufeinander einwirken. Wie und warum sich religiöse Bindungen im Generationenwandel verändern, steht daher im Mittelpunkt meiner Forschung."

Befragung von Familien

Familienkonflikte und Mechanismen der Vermittlung von religiösen Werten können nur aus einer intrafamiliären Perspektive heraus ermittelt werden. In der ersten Projektphase sind daher qualitative Interviews mit Eltern-Kind-Paaren geplant. Der Zugang wird unter anderem über ethnische Communities erfolgen, die die Vielfalt der Herkunftsländer (z.B. Türkei, Ex-Jugoslawien, Iran, Afghanistan) repräsentieren und ein breites Spektrum religiöser Orientierungen abdecken. Die Ergebnisse fließen in die Erstellung eines vollstandardisierten Fragebogens ein, der rund 400 Generationenpaare erreichen wird.

Frauenbild und Demokratieverständnis

Hilde Weiss' Forschung wird sich zunächst damit befassen, welche soziokulturellen Faktoren - wie etwa berufliche Positionen und Qualifikationen, Sprachkenntnisse oder die nationale Herkunft - Einfluss auf die religiöse Bindung von MuslimInnen in Österreich haben. In einem nächsten Schritt wird die Rolle der Religion auf Integrationsprozesse analysiert. Ins Licht rücken dabei beispielsweise Autoritätsstrukturen und Geschlechterrollen, die innerhalb einer Familie gelebt und vermittelt werden. "Wir interessieren uns für die Spielräume der Frauen, aber auch für das Demokratieverständnis und die Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen", erklärt die Soziologin. Dieses Wissen ist im Hinblick auf die Integration von MuslimInnen relevant. Es soll auch dazu beitragen, mögliche fundamentalistische Tendenzen zu verorten und diesen mit präventiven Strategien begegnen zu können.

Religiöser Fundamentalismus und Tendenzen der Abschottung prägen die Berichterstattung über MuslimInnen. Um diese sensiblen Themen umfassend erforschen zu können, baut die soziologische Studie auf ein Integrationskonzept mit drei Ebenen auf: Die "strukturelle Ebene" der Integration bezieht sich auf die soziale Lage der MigrantInnen, ihre kommunikativen Kompetenzen und Bildungswege. Hier fließen auch subjektive Wahrnehmungen - z.B. Zukunftsperspektiven - mit ein. "Soziale Integration" spricht darauf an, welche Kontaktkreise bestehen: Gibt es inter-ethnische Freundschaften? Welche Vorstellungen spielen bei der Partnerwahl eine Rolle? Wird in religiösen Communities partizipiert? Die dritte Ebene der "normativen Integration" beschäftigt sich mit jenen Normen, die für das familiäre und gesellschaftliche Leben maßgebend sind (z.B. Autoritäts- und Kontrollverhältnisse, Einstellung zu Gewalt).

Religiöse Identität oder die Frage nach dem "richtigen" Leben

"Eine in Holland durchgeführte Studie beobachtete ein besonders spannendes Phänomen", meint Hilde Weiss: "Es stellte sich heraus, dass in manchen Milieus die Identifikation mit dem Islam in der zweiten Generation deutlich stärker ist als in der ersten. Der Islam wird dann aber nicht als religiöse Tradition, sondern als kulturelle Gemeinsamkeit ausgelegt." Es zeigt sich, dass die junge Generation in einem Zwiespalt aufwächst. Auf der einen Seite werden die Traditionen der Eltern hinterfragt, die sich im Falle einer religiösen Lebensführung oft auf Rituale, Bräuche und Werte beziehen, die sie aus dem Herkunftsland mitgenommen haben. Auf der anderen Seite bleiben sie aber in einer gewissen Konfrontation mit dem Westen verhaftet, wo sie Diskriminierungen ausgesetzt sind. Wie sich die Situation in Österreich darstellt, sollen die Ergebnisse des FWF-Projekts zeigen. (dh)

Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Hilde Weiss forscht und lehrt am Institut für Soziologie der Fakultät für Sozialwissenschaften. Sie leitet das FWF-Projekt "Religiöse Orientierungen von Muslimen im Generationenwandel", das im Dezember 2009 begann und im November 2012 endet.

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