Unsichere Arbeitsformen gibt es seit Jahrhunderten (etwa bäuerliche TagelöhnerInnen, DienstbotInnen und FabriksarbeiterInnen) und sind - global gesehen - beinahe die Regel. Zu erhöhter medialer Aufmerksamkeit schaffte es der "Prekarisierungsdiskurs" erst mit dem Buch "Les intellos précaires". 2001 entwarfen Anne und Marine Rambach das Bild einer gut ausgebildeten Mittelschicht, die sich in der widersprüchlichen Situation befindet, bei relativ hohem Sozial- und Bildungsstatus immer schlechter bezahlte und abgesicherte Jobs annehmen zu müssen.
Mobilmachung der "Lumpenintelligenz"
Neu dabei ist nicht der Umstand der unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnisse. Neu ist, dass nicht nur Randgruppen von der Prekarisierung betroffen sind. Dass die Debatte in der Mitte der Gesellschaft, der urbanen Mittelschicht, angekommen ist. Und diese jugendliche Avantgarde ist es auch, die bei den Protesten gegen den Ersteinstellungsvertrag in Frankreich bzw. beim May Day in der ersten Reihe marschiert - und nicht etwa McJobberInnen, Zeitungsverkäufer, schlecht ausgebildete Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Sexarbeiterinnen.
Ein Nebeneffekt der durch Arbeitslosigkeit und Flexibilisierung verunsicherten Verhältnisse: In den letzten Jahren stieg die Berufszufriedenheit leicht an, während sich die Ansprüche an den Beruf (hohes Einkommen, Aufstiegschancen, interessante Tätigkeit) reduzierten, fand die Studie Sozialer Survey heraus. "Die Ursache dafür könnte in der Verschlechterung der Arbeitsmarktlage liegen: man ist froh, überhaupt einen Beruf zu haben", schreiben Blaschke und Cyba.
Neue Anforderungen an ArbeitnehmerInnen
Auch die Akademikerarbeitslosenrate steigt seit Jahren - dennoch liegt das Risiko, als AkademikerIn arbeitslos zu werden, mit 2,8 Prozent weit unter dem Risiko für Menschen ohne Studienabschluss (7,2 Prozent). Bildung, Wissen oder gar ein abgeschlossenes Studium sind kein Garant mehr, einen Job zu bekommen - noch dazu, wo sich Wissen so schnell wandelt wie noch nie. Trotzdem wird ständige Weiter- und Fortbildung als Patentrezept für gute Chancen am Arbeitsmarkt empfohlen. Eine einzige Ausbildung, ein einziges Standbein scheint für junge Menschen nicht mehr genug. Zusatzqualifikationen sind notwendig, nicht nur für atypisch Beschäftigte - denn von den jungen ArbeitnehmerInnen heutzutage wird kaum jemand mehrere Jahrzehnte bei ein und derselben Firma beschäftigt sein, wie das bei der (Groß)Elterngeneration noch der Fall war.
Die ArbeitnehmerInnen müssen also enorm flexibel und mobil sein. "Immer wieder neue Qualifikationen zu erwerben, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen, ist eine irrsinnige Anforderung", gibt Emmerich Tálos zu bedenken, und: "Die Risiken werden auf das Individuum übertragen." Denn ist ein Werkvertrag zu Ende und noch kein neuer in Sicht, wird die Beschäftigungslücke nicht durch die Arbeitslosenversicherung gefüllt.
Arbeitswelt der Zukunft
Einmal Neuer Selbständiger, dann befristet beschäftigt, danach Teilzeitarbeiter. "Die Erwerbsbiografien werden noch diskontinuierlicher und pluriformer sein als heute", meint Tálos über die Zukunft der Berufswelt. Weiters werden als atypisch bezeichnete Formen der Erwerbsarbeit "in Zukunft typisch sein". Und Qualifizierung, Weiterbildung wird für (den Verbleib in) Beschäftigung immer wichtiger werden. Auch wenn das keine allzu rosigen Aussichten sind, würden diese Entwicklungen grundsätzlich mehr Wahlfreiheit als früher beinhalten: "Individuell öffnen sich mehr Spielräume", beispielsweise in der Zeiteinteilung. Dennoch: Das persönliche Risiko, die Selbstverantwortung wird zunehmend steigen. "Die kollektive Absicherung wird mit dieser Individualisierung immer mehr notwendig."
Grundsicherung zur Absicherung
Emmerich Tálos schlägt daher die bedarfsorientierte Grundsicherung vor, die Löcher in Erwerbsbiografien ausgleichen kann. Manfred Füllsacks Vorschlag geht in eine ähnliche Richtung: Den raschen Wandel des Wissens nimmt er zum Anlass, die Bindung von Einkommen an Arbeit neu zu überdenken. Er diskutiert in seinem jüngsten Buch "Globale soziale Sicherheit. Grundeinkommen - weltweit?" die Möglichkeit eines fixen Grundeinkommens für alle. "Das würde viel kreative Energie freisetzen", erklärt der Philosoph im Interview mit Thomas Mündle.
Arbeitsa(r)m
Ein Grundeinkommen könnte vielleicht auch die "Finanzmisere der Jungen" zwischen 18 und 40 Jahren lindern, von der - zuletzt in einer Studie der Universität Bristol - immer öfter die Rede ist. Schlechte Bezahlung, erhöhter Konsumdruck, teure Ausbildung und gestiegene Lebenskosten führen zu einer frühen Verschuldung. Der Wunsch nach einem eigenen Auto, nach privater Pensionsvorsorge oder nach Familiengründung muss oftmals verschoben werden - wer verspürt schon den Wunsch nach einer eigenen Familie, wenn er oder sie in ungewissen Arbeitsverhältnissen lebt?
"Interessenskonflikte und unterschiedlich hohe Löhne waren durch die Kollektivverträge nicht so stark ausgeprägt. Bei den freien Dienstnehmern, die über keinen Kollektivvertrag verfügen, gestaltet sich der Lohn nach dem Markt", erklärt die Wirtschaftssoziologin Pernicka. Ihr Kollege Franz Traxler untersucht zwei aktuelle Trends in der Lohnbildung: Einerseits die "Verbetrieblichung" (Dezentralisierung) der Lohnpolitik und andererseits die wachsende Verbreitung flexibler (leistungsbezogener) Entgeltsysteme (FES). Lassen sich die sozialpolitischen (Kollektivvertrag als Teil des "europäischen Sozialmodells") und die wirtschaftspolitischen Ziele (Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas) vereinbaren?, fragt Traxler. Er geht - indem er die Situation in Österreich, Norwegen und Großbritannien vergleicht - der Befürchtung nach, dass die FES zu einem Verfall der Kollektivvertragssysteme führen könnten, wie Peter Reidinger berichtet. (mh)
Lesen Sie hier den ersten Teil von "Schöne neue Arbeitswelt?".
Lesetipps: >> Manfred Füllsack (Hg.): Globale soziale Sicherheit. Grundeinkommen ? weltweit? Berlin: Avinus Verlag 2006. >> Sabine Blaschke/Eva Cyba: "Einstellung zu Arbeit und Beruf", in: W. Schulz/M. Haller/A. Grausgruber (Hg.): Österreich zur Jahrhundertwende. Gesellschaftliche Werthaltungen und Lebensqualität 1986-2004, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005, S. 235-270. >> Emmerich Tálos (Hg.): Atypische Beschäftigung. Internationale Trends und sozialstaatliche Regelungen. Europa. USA. Wien: Manz Verlag 1999, 480 Seiten. >> Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag 2006, 192 Seiten, 8,30 Euro. >> Kurt Biedenkopf: Die Ausbeutung der Enkel. Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft. Berlin: Propyläen Verlag 2006, 230 Seiten, 17,50 Euro. >> Sergio Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbstständigkeit. Graz: Verlag Nausner & Nausner 2005, 150 Seiten, 19,90 Euro. |