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Zum Nachlesen: "Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler".


Der Autor zum Buch: Michael Rohrwasser. Foto: privat


Institut für Germanistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Sigmund Freud: Wissenschafter abseits der Universität
Wissenschaft, 150. Geburtstag Freuds
Anna Kim (Redaktion) am 21. März 2006

Ein schlecht bezahltes Leben für die Wissenschaft oder eine gut gehende Privatpraxis? Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, Finder des Es und Über-Ichs und Vater der roten Couch, musste sich als junger Wissenschafter auch der Frage 'Geld oder Ruhm?' stellen. Zu welchem Schluss Freud gekommen ist, verrät der Germanist Michael Rohrwasser der "Universitaet-online.at" in einem Interview anlässlich des Psychoanalyse-Symposiums am 24. und 25. März 2006 im Großen Festsaal bzw. an der Medizinischen Universität Wien.

Eine kleine Hörerschaft, keine Anstellung als Professor an der Universität Wien, sondern bloß eine Titularprofessur ohne Aussichten auf eine fixe Stelle - so sah Sigmund Freuds Leben kurzzeitig aus. Sollte er, schlecht bezahlt, an der Universität und an den Universitätskliniken arbeiten und somit die traditionelle akademische Laufbahn einschlagen oder aber eine Privatpraxis gründen, die es ihm erlauben würde, seine Familie zu ernähren? Wie sich Freud entschieden hat, wissen wir. Dass aber hinter seiner Entscheidung der Plan stand, neue Wege zu finden, um als Wissenschafter tätig zu sein - nämlich außerhalb der Universität! - sagt Univ.-Prof. Dr. Michael Rohrwasser vom Institut für Germanistik. Am 24. und 25. März findet zu Ehren des 150. Geburtstages des Begründers der Psychoanalyse ein internationales Symposium statt, bei dem Prof. Rohrwasser zu "Sigmund Freud und die Alma Mater" sprechen wird.

Redaktion: Die Psychoanalyse wurde in ihren Anfängen sehr kontroversiell aufgenommen. Hat sie dazu beigetragen, dass das Verhältnis zwischen Sigmund Freud und der Universität Wien schwierig war?
Michael Rohrwasser: Gewiss hat sie ihn in der Medizinischen Fakultät nicht zum Liebling gemacht. Aber sie hat auch dazu beigetragen, dass ab 1900 - dem Erscheinungsjahr seines Hauptwerkes "Die Traumdeutung" - seine Hörerzahlen gestiegen sind. Jetzt kamen endlich ein paar Leute in seine Vorlesungen, und er war ein interessanter Mann. Ich denke aber, dass er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr an der Universität Fuß fassen wollte.

Redaktion: Trotz seiner Förderer wie Josef Breuer, der ihn mit dem Fall Anna O. alias Bertha Pappenheim bekannt machte?
Rohrwasser: Freud hatte starke Förderer an der Universität Wien, das ist richtig. Die entscheidende Paris-Reise zu Jean-Martin Charcot, Professor für Pathologische Anatomie am Hôpital Salpêtrière, wurde ihm durch universitäre Freunde ermöglicht, dennoch waren es einzelne Personen an der Universität Wien, die ihn unterstützten - und nicht die Universität als Institution.

Redaktion: Wie stand es mit dem Antisemitismus? War dieser der Grund für die geringe Zahl von Freuds Förderern?
Rohrwasser: Natürlich war der Antisemitismus im Parlament, in politischen Debatten und im Alltag präsent. Es wurde auch schon früh die Konnotation geschaffen, die Psychoanalyse sei eine jüdische Wissenschaft, von daher kann man mit Gewissheit sagen, dass der Antisemitismus eine wichtige Rolle spielte. An der Universität fand Freud freilich viele Lehrer wie Nothnagel oder Brügge, die die antisemitischen Tendenzen, die in den 1880er Jahren auch unter der Studentenschaft zunahm, mit Nachdruck bekämpften.

Redaktion: Was also war der Grund, dass sich Freud von der Universität abwandte?
Rohrwasser: Das ist schwer zu sagen. Um sein Verhältnis zur Universität Wien im Detail aufzugreifen, wäre Archivarbeit notwendig. Mich interessiert mehr, wie Freud später mit seiner nicht-universitären Position umgegangen ist; das spiegelt sich in seinen Schriften, beispielsweise in "Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva'" wider, ein Buch, in dem er den Roman eines Bestsellerautors seiner Zeit hernimmt und eine Gegenüberstellung versucht: auf der einen Seite die 'alte', auf der anderen Seite die 'neue' Wissenschaft, die sich mit dem Volk und dem Aberglauben verbündet und außerdem eine junge, lebensbejahende schöne Frau findet, Zoë. Zoë wird für Freud zur Kronzeugin der neuen Wissenschaft, der Psychoanalyse. Die alte Wissenschaft, womit die etablierte Psychiatrie gemeint ist, ist gekennzeichnet mit dem garstigen Bild einer alten Vettel mit ledernen Brüsten. Diese Gegenüberstellung ist, was Freuds Positionierung betrifft, ziemlich aufschlussreich - Vielleicht steht auch im Hintergrund, dass quasi die Trauben zu hoch hängen, weswegen er sich von der Alma Mater abwenden muss, aber ganz gewiss ist es auch so, dass hier die neue Wissenschaft jenseits der Universität ihre Position findet.

Redaktion: Wie kann man sich die "neue Wissenschaft" vorstellen?
Rohrwasser: In Form einer Schule, eines Anhängerkreises, das im Bündnis mit den Dichtern, dem Aberglauben und dem Volk steht. Freud schuf gewissermaßen ein internationales Forum jenseits der Universität, und das mit Erfolg: Er hatte Schüler in Berlin, Zürich und Budapest. Der allererste Lehrstuhl für Psychoanalyse ist für ein paar Wochen, während der ungarischen Räterepublik, in Budapest mit Ferenczi, einem von Freuds wichtigen Schülern, besetzt worden - er wurde allerdings bald wieder abgeschafft.

Redaktion: War Freud der Ansicht, dass Wissenschaft besser funktioniert, wenn man beispielsweise die Literatur miteinbezieht?
Rohrwasser: In der Dynamik der Etablierung der Psychoanalyse gab es eine Phase, in der man davon sprach, dass man andere Gebiete erobern, beeinflussen und mitbearbeiten müsse, zu denen die Literaturwissenschaft gehörte - was von der Literaturwissenschaft selbst nicht sehr begeistert zur Kenntnis genommen wurde. Das Verhältnis Literaturwissenschaft und Psychoanalyse ist schwierig gewesen und geblieben - Freud hat immer seine Befürchtungen gehabt, dass sich hinter dem Lob, er sei ein großer Literat, ein Giftpfeil verbirgt, nämlich: "Der Literat kann nicht gleichzeitig Wissenschafter sein." Das hat er sicher zu Recht als subtile und weniger subtile Attacke gegen den Wissenschaftlichkeitsanspruch der Psychoanalyse verstanden.

Redaktion: Ihr Verhältnis als Literaturwissenschafter und Germanist zu Freud ist aber weniger schwierig?
Rohrwasser: Freud würde es nicht gerne hören, aber ich halte Psychoanalyse tatsächlich für eine wichtige literaturwissenschaftliche Theorie. Man bewegt sich nicht weg von der Literatur, wenn man Psychoanalyse und Literatur untersucht, sondern man beschäftigt sich mit einem ausgesprochen literaturwissenschaftlichen Thema. Das merkt man daran, wie sehr die Bilder, die Freud in seinen Texten benutzt, und die Texte als solche von literarischen Einflüsse geprägt worden sind: Immer dann, wenn er beginnt, den psychoanalytischen Konnex zu entwickeln, wird Literatur bedeutungsvoll für ihn und fließt immer wieder ein. (ak)


Michael Rohrwasser ist Professor für Neuere Deutsche Literatur. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen neben der Romantik und dem Komplex Psychoanalyse - Literatur - Film in der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Anlässlich des heurigen 150. Geburtstages von Sigmund Freud veranstaltet die Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien am 24. und 25. März 2006 an der Universität Wien und im AKH das international besetzte Symposium "Heimliche Beweggründe", das sich etwa mit "Psychoanalyse und weibliche Sexualität" auseinander setzt. Am Freitag, 24. März, wird um 18.45 Uhr der erste Teil des Symposiums mit dem Rahmenthema "Psychoanalyse und Universität" im Großen Festsaal von Rektor Georg Winckler eröffnet. Im Anschluss daran hält Prof. Dr. Michael Rohrwasser vom Institut für Germanistik einen Vortrag zum Thema "Sigmund Freud und die Alma Mater".

Literaturhinweis:
Michael Rohrwasser: Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Gießen: Psychosozial-Verlag 2005, 405 Seiten, 38 Euro. [ISBN 3-89806-094-2] 

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