Seit März 2010 hat Sigrid Schmitz die Professur für Gender Studies am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie inne. Erst vor kurzem in Wien angekommen, hält die gebürtige Deutsche am Mittwoch, den 19. Mai 2010, im Kleinen Festsaal ihre Antrittsvorlesung zum Thema "Neuro-Gender: eine Auseinandersetzung mit Geschlecht in der modernen Neurokultur". Hier beantwortet die Biologin spannende Fragen zu geschlechterspezifischen Ausprägungen des Gehirns und äußert sich zur umstrittenen Frage, inwieweit mögliche Unterschiede genetisch bedingt sind. |
Dass Sigrid Schmitz einmal als Professorin für Gender Studies tätig sein würde, mag in Hinblick auf ihr Studienfach überraschen. Zunächst befasste sich die promovierte Biologin und Verhaltensphysiologin mit zoologischen Phänomenen - ihre Diplomarbeit schrieb sie über das Lernverhalten von Entenküken. Bald jedoch verlagerte sich ihr Forschungsschwerpunkt auf den Menschen - aber auch hier interessiert sie sich vor allem für Verhaltensweisen: "Die Frage nach geschlechtsspezifischen Aspekten in der gesellschaftlichen Sozialisation hat mich immer fasziniert. Das Spannende ist, wie Gender im Gehirn sowohl konstruiert als auch sichtbar wird."
Neurowissenschaften gegendered
Indem sie gleichzeitig einen naturwissenschaftlichen und einen Gender-Blick auf die Neurowissenschaften wirft, eröffnet die Biologin einen äußerst spannenden Zugang auf geschlechterspezifische Verhaltensweisen. Mit einer fundierten Genderanalyse können methodische und interpretative Verzerrungen in der Hirnforschung aufgezeigt werden. Laut Schmitz können auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf neurologischer Ebene sichtbar werden.
Ein zentrales Element ihres Ansatzes ist aber die These, dass sich das Gehirn im Hinblick auf Strukturen und Vernetzung ständig verändert. Diese Veränderungen werden durch Erfahrungen ausgelöst - es findet laut Schmitz eine materielle Verkörperung von Erfahrung statt. "Das Gehirn überschreitet ständig die Grenze zwischen Natur und Kultur. Es gibt nicht das Männer- oder das Frauengehirn, jedes Gehirn ist einzigartig. Da in unserer Kultur geschlechterspezifische Unterschiede in der Sozialisation aber immer noch zum Alltag gehören, kann sich auch im Gehirn ein "messbares Gender" etablieren."
Der Körper als letzter Hort der Sicherheit
Neurologische Befunde belegen jedoch nicht, dass gängige Klischee biologisch determiniert sind. "Das populärwissenschaftlich verwendete Argument, dass im Gehirn - insbesondere im Kortex - sichtbare Unterschiede deshalb angeboren sein müssen, ist biologisch durch nichts gerechtfertigt", erklärt Professorin. "Das Gehirn ist ein konstruiertes und konstruierendes Organ. Für mich ist eine andere Frage viel spannender: Wieso suchen immer alle nach einer Schicksalshaftigkeit im Sinne von angeborenen Fähigkeiten? Es scheint, als wäre der Körper der letzte Hort der Sicherheit, auf den man sich beziehen will."
Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaft
Die neue Professorin für Gender Studies an der Universität Wien kann auf eine langjährige Erfahrung in Forschung und Lehre zurückgreifen. Nach ihrer Habilitation wechselte sie an die Universität Freiburg, wo sie die letzten zehn Jahre am Institut für Informatik und Gesellschaft als Hochschuldozentin zu „Mediatisierung der Neurowissenschaften und Genderforschung“ lehrte. Dort gründete sie mit einer Kollegin das Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaft. Zudem hatte sie bereits mehrere Gastprofessuren in Graz, Berlin und Oldenburg inne.
Großen Wert legt Sigrid Schmitz auf fachliche Expertise. Gerade in Kombination mit ihrer langjährigen inter- und transdisziplinären Erfahrung im Bereich der Gender Studies erfüllt sie in hohem Maß die Voraussetzungen, um Sozial- und Kulturwissenschaften mit den Natur- und Technikwissenschaften zu vernetzen. "Natürlich ist es wichtig, die Theorien der Gender Studies zu kennen, jedoch braucht es auch fundierte Kenntnisse aus fachverwandten Disziplinen - am besten in Form einer Doppelqualifikation."
Über den Tellerrand hinaus
Als neue Professorin an der Fakultät für Sozialwissenschaften ist es ihr Ziel, Studierende zu sensibilisieren, die eigene Disziplin kritisch zu verstehen und über den Tellerrand hinauszublicken: "Es ist wichtig, ein methodisches Repertoire zu entwickeln und sich darüber bewusst zu sein, wie Wissen konstruiert wird. Ebenso wichtig ist es aber auch, materielle Tatsachen mit einzubeziehen - gewissermaßen der realen Welt die Treue zu halten." Von der Universität Wien war Sigrid Schmitz positiv überrascht: "Die Studierenden, die ich bereits kennenlernen durfte, verfügen über eine hohe fachliche Kompetenz. Auch die herzliche Aufnahme durch FachkollegInnen hat mich begeistert."
Mit dem Fahrrad Wien entdecken
"Gerade erst in Wien angekommen, fiel ich praktisch mit halbausgepacktem Koffer in meine erste Vorlesung", scherzt die "Neu-Wienerin". Ein wenig von der Stadt konnte sie jedoch schon kennenlernen: "Für gewöhnlich erobere ich eine Stadt mit dem Fahrrad - abseits der Touristenperspektive. Dies funktioniert auch in Wien sehr gut: Ausgerüstet mit dem Wiener Bezirksblatt habe ich bereits viele schöne Winkel entdeckt." (il)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Sigrid Schmitz vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie zum Thema "Neuro-Gender: eine Auseinandersetzung mit Geschlecht in der modernen Neurokultur" findet am Mittwoch, den 19. Mai 2010 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.
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