Redaktion: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Dissertation im Südpazifik zu verfassen? Elisabeth Worliczek: Nach einem einjährigen Aufenthalt in Neuseeland hatte ich den Wunsch, im Rahmen meines Studiums in den Südpazifik zurückzukehren und dabei eine neue Sprache zu lernen. So verbrachte ich das Studienjahr 2006 in Neukaledonien, forschte für meine Diplomarbeit, folgte als erste ausländische Studentin dem Unterricht an der Université de Nouvelle-Calédonie (UNC), lernte Französisch und schloss anschließend in Wien mein Magisterstudium ab. Ende 2007 kehrte ich abermals in den Südpazifik zurück, weil mir ein Geologe der UNC einen interessanten Vorschlag für eine Dissertation gemacht hatte: Ihm ging es darum, die Rolle der lokalen Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Klimawandel besser zu verstehen, ihre Auffassung davon, was im Moment passiert und wie dabei die Interaktion Mensch-Umwelt in diesem speziellen kulturellen Kontext aussieht.
Redaktion: Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Doktorarbeit? Worliczek: Ziel meiner Dissertation ist es, Zusammenhänge zwischen der lokalen Wahrnehmung des Klimawandels, Adaptations-Strategien und einer sich verändernden Umwelt herzustellen. Meine Daten gewinne ich hauptsächlich durch qualitative Interviews mit der lokalen Bevölkerung auf verschiedenen Ebenen - vom Minister bis zum Fischer - und durch teilnehmende Beobachtung. Jedoch ist es auch wichtig, lokale und internationale Netzwerke und Institutionen in den globalen Prozess mit einzubeziehen. Meine Feldforschungen konzentrieren sich auf die beiden Inseln Wallis und Rangiroa, die sich geomorphologisch, aber auch in anderer Hinsicht voneinander unterscheiden.
Meine Hypothese ist, dass die lokale Wahrnehmung des Klimawandels mit der entsprechenden geomorphologischen, geografischen, politischen und sozialen Umwelt variiert. Ein großer Teil der lokalen Bevölkerung beider Inseln hat schon von dem "Konzept Klimawandel" und dem Anstieg des Meeresspiegels gehört, aber es wird nicht immer ein Zusammenhang mit den lokalen Gegebenheiten hergestellt.
Redaktion: Inwiefern kommt Ihrer Forschungsarbeit eine besondere aktuelle Bedeutung zu? Worliczek: Ich denke, dass meine Forschungen eine Kernproblematik unserer Zeit treffen. Die Menschen auf den Inseln des Südpazifiks gehören zu den ersten auf unserem Planeten, deren eigenes Leben durch den Klimawandel beeinflusst wird. Ich sehe es als meine Aufgabe, so viele Informationen wie möglich in die Öffentlichkeit zu tragen, ohne die BewohnerInnen der Inseln auf eine passive Opferrolle zu reduzieren.
Redaktion: Sie führen Ihr Dissertationsprojekt im Rahmen eines sogenannten Cotutelle-Verfahrens durch, das eine binational gestützte Promotion ermöglicht. Welche Besonderheiten ergeben sich dadurch für Sie? Worliczek: Zunächst einmal habe ich zwei Betreuer, die mich bei meiner Dissertation unterstützen: Hermann Mückler vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Michel Allenbach vom Labor Pôle Pluridisciplinaire de la Matière et de l’Environnement der UNC. Dazu verlangt das französische Universitätssystem noch ein Komitee bestehend aus zusätzlichen WissenschafterInnen, die für mich im weiteren Sinne zuständig sind und bei der Defensio anwesend sein sollten. Meine Dissertation verfasse ich auf Französisch.
Redaktion: Wie funktioniert diese zweifache Betreuung in der Praxis? Sind Sie gezwungen, des Öfteren zwischen Wien und Neukaledonien hin und her zu pendeln? Worliczek: Aufgrund der großen geografischen Distanz ist die Kommunikation mit Wien nur beschränkt möglich. Hermann Mückler unterstützt mich bei allen Ideen und Aktivitäten, sein Ratschlag für kurzfristige forschungsstrategische Entscheidungen fehlt allerdings manchmal im Alltag. Mein zweiter Betreuer in Neukaledonien, der Geologe ist, hilft mir vor allem im Bereich der Finanzierung meiner Feldaufenthalte und durch seine detaillierte Kenntnis des frankophonen Pazifiks.
Den Großteil des Jahres verbringe ich in Neukaledonien. Einmal pro Jahr komme ich für mehrere Wochen nach Österreich, um mich wissenschaftlich auszutauschen und meine Familie zu sehen. Außerdem verbringe ich jeweils wiederholt mehrere Monate auf den Inseln Wallis und Rangiroa, die ich für meine Feldforschungen ausgewählt habe.
Redaktion: War es schwierig, Ihre Dissertation in dieser besonderen Konstellation bewilligt zu bekommen? Worliczek: Die Schwierigkeiten lagen vor allem in der Aushandlung des Cotutelle-Vertrags zwischen den beiden Universitäten, die bis dato noch nie etwas miteinander zu tun hatten. Die Verhandlungen selbst fanden per E-Mail statt und dauerten elf Monate. Dazu kamen die üblichen Hindernisse wie "ohne Visum keine Inskription - ohne Inskription kein Visum" und die Frage der Finanzierung: In Neukaledonien sind die Lebenserhaltungskosten extrem hoch, eine Infrastruktur für StudentInnen ist nicht existent.
Redaktion: Sind solche binationalen Dissertationsprojekte nicht nur aus forscherischer, sondern auch aus menschlicher Sicht besonders interessant? Worliczek: So ein Vorhaben ist eine wichtige persönliche Bereicherung, da ich gelernt habe, mich zwischen der österreichischen, französischen, melanesischen und polynesischen Kultur zu bewegen. In jedem Kontext gelten andere gesellschaftliche Regeln, was die Wahrnehmung des eigenen kulturellen Umfelds schärft und Toleranz lehrt. Abgesehenen davon habe ich eine andere akademische Kultur und Sprachen gelernt und bekomme bei Beendigung meines Studiums den Abschluss von beiden Universitäten, was in der internationalen Forschungslandschaft nicht von Nachteil ist: In Europa wird ein Abschluss der Universität Wien geschätzt, und im Pazifik ist die UNC eine anerkannte Forschungsinstitution.
Redaktion: Welche Tipps würden Sie jemandem mit auf den Weg geben, der auch ein binationales Promotionsverfahren anstreben möchte? Worliczek: Interessierte sollten Zähheit, Ausdauer und einen eisernen Willen mitbringen - sowie eine konkrete Vorstellung davon haben, was sie wirklich machen möchten. Man sollte nicht darauf hoffen, dass sich die Dinge von selbst regeln. (ms)
Mag. Elisabeth Worliczek ist Research Fellow am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Ihr Dissertationsprojekt mit dem Titel "Climate Change in the South Pacific Islands: perception of the environment and a changing climate, adapting strategies and migrations of the local populations - an anthropological approach" läuft voraussichtlich noch bis Ende 2011.
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