1935 kam es in Moskau zu einer besonderen Begegnung: Vertreter der europäischen Theater- und Filmelite, wie Bertolt Brecht, Sergej Eisenstein, Wsewolod Meyerhold und Edward Gordon Craig, trafen den Star der Peking Oper, Mei Lanfang, der sich gerade auf Europatournee befand und in Moskau an einem Theatersymposium teilnahm. Daniela Pillgrab - Teilnehmerin am Mentoring-Programm und Kollegiatin am IK "Sinne, Technik, Inszenierung: Medien und Wahrnehmung" - untersucht in ihrer Dissertation die Berührungspunkte von Sowjetrealismus, Peking Oper und europäischem Theater. |
Mei Lanfang gilt als der erste weltberühmte chinesische Schauspieler. Der für seine Darstellung von Frauen in der Peking Oper bekannte Künstler begeisterte in den 1920er und 1930er Jahren nicht nur das chinesische Publikum, sondern trat im Rahmen mehrerer Tourneen auch in der Sowjetunion, Europa, Japan und den USA auf. "China wollte sich mit seinem Star natürlich als modernes Land präsentieren", erklärt die Theaterwissenschafterin Daniela Pillgrab: "Das russische, europäische und US-Publikum war sicherlich auch neugierig auf einen männlichen Schauspieler, der Frauenrollen mit großer Überzeugung spielte." Mei Lanfang inspirierte mit seinen Darbietungen auch viele intellektuelle westliche KünstlerInnen, darunter Bertolt Brecht, Sergej Eisenstein, Wsewolod Meyerhold oder Charlie Chaplin.
Fernöstliche Inspirationsquelle
Das Zusammentreffen von Mei Lanfang mit russischen Intellektuellen und Künstlern sowie europäischen Theaterleuten 1935 in Moskau, ist für die Theatergeschichte ein herausragendes Ereignis. Die Avantgardisten hatten in den 1920er Jahren eine Entliterarisierung des Theaters und mehr Körperlichkeit in der Performance gefordert - all diese Elemente fanden sie in der Peking Oper, in der die pantomimische Ausdrucksweise im Mittelpunkt steht. Mit Brecht und der chinesischen Schauspielkunst setzte sich Pillgrab schon in ihrer Diplomarbeit auseinander; in ihrer Dissertation, an der sie seit Sommer 2006 arbeitet, konzentriert sie sich konkret auf das Zusammentreffen in Moskau 1935. "Mich interessieren die Berührungspunkte von europäischem bzw. sowjetischem Theater und der Peking Oper. Das verbindende Element ist die Körperlichkeit", erklärt Pillgrab.
Moskau 1935
In ihrer Dissertation "Inszenierte Körper zwischen Sozialistischem Realismus und Peking Oper: Mei Lanfang in Moskau 1935" analysiert die Theaterwissenschafterin den jeweiligen gesellschaftspolitischen Zeitgeist von 1935 in der Sowjetunion und in China, weiters die Konstruktion von Körperbildern in Kunst und Gesellschaft in den zwei höchst unterschiedlichen Kulturräumen, um anschließend mögliche transkulturelle Prinzipien von Körpertechniken in der Peking Oper und im Sozialistischen Realismus zu untersuchen. "Mir geht es vor allem auch um den kulturpolitischen Kontext. In der stalinistischen Sowjetunion existierte keine künstlerische Freiheit; die Avantgarde war vorbei, viele dieser Künstler wurden unter Stalin hingerichtet und der Sozialistische Realismus zur einzig zugelassenen Kunstform erklärt", so Pillgrab: "Vorstellung und Umgang mit dem, was den Körper eines neuen modernen Menschen im Sozialistischen Realismus auszeichnet, scheint in diametralem Gegensatz zur Darstellung der - noch dazu von einem Mann dargestellten - Frauenrollen in der Peking-Oper zu stehen. Gerade im Kontext des diktatorischen Regimes ist es verwunderlich, dass dieses künstlerische und intellektuelle Treffen in Moskau überhaupt stattfinden konnte."
Filmaufnahmen und Gesprächsprotokoll
Um herauszufinden warum sich sowjetische und europäische Künstler dennoch sosehr für die Peking Oper und Mei Lanfang interessierten, analysiert Pillgrab auch russische Zeitungsartikel von 1935 sowie Foto-, Bild- und Filmmaterial. So hat Sergei Eisenstein verschiedene Szenen mit Mei Lanfang in Moskau gefilmt - heute sind nur noch Ausschnitte davon erhalten. Ein besonders wertvolles Dokument für Pillgrabs Arbeit ist ein Gesprächsprotokoll vom Zusammentreffen Mei Lanfangs mit sowjetischen Künstlern. Es ist der Theaterwissenschafterin wichtig zu betonen, dass sie mit ihrer Arbeit keinen Vergleich zwischen Peking Oper und europäischem bzw. sowjetischem Theater anstrebt. Vielmehr ist sie an den Gemeinsamkeiten wie der Körperbetontheit und deren unterschiedlichen - kulturellen - Wurzeln interessiert.
Betreut wird Daniela Pillgrab von Monika Meister, der Vorständin des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Als Zweitbetreuer konnte die Dissertantin Shen Lin von der Zentralen Theaterakademie in Peking gewinnen. "Das freut mich besonders, da ich durch ihn einen besonderen Zugang zum chinesischen Theater bekomme", so Pillgrab, die selbst schon zwei Mal zu Forschungszwecken in China war. (td)
muv4: "Engagiertes Mentoring" Mag. Daniela Pillgrab nimmt im Rahmen ihrer Dissertation auch am mittlerweile vierten Mentoring Programm der Universität Wien, muv4, teil. Ihre Gruppe - vier Mentees und eine Mentorin, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Pia Janke vom Institut für Germanistik - trifft sich seit Oktober 2008 rund einmal pro Monat um sich auszutauschen, zu vernetzen und beraten. "Die Mentoring-Treffen sind mir sehr wichtig und helfen mir auch wirklich in meiner Arbeit weiter", so Pillgrab: "Unsere Mentorin ist extrem engagiert. Derzeit arbeiten wir zudem an einer Tagung, die im Jänner 2010, also zum Abschluss der Mentoring-Runde, zum Thema "Inszenierung von 'Weiblichkeit’ - zur Konstruktion von Körperbildern in der Kunst" stattfinden wird." Gleichzeitig ist Pillgrab Kollegiatin am IK "Sinne, Technik, Inszenierung: Medien und Wahrnehmung" Initiativkolleg Sinne-Technik-Inszenierung.
|