Am Donnerstag, 8. Juli und Freitag, 9. Juli 2010 veranstaltete die Universität Wien in Kooperation mit dem Renner-Institut eine internationale Tagung zur Regulationstheorie. Rund 70 WissenschafterInnen aus sechs Ländern diskutierten über das Potenzial dieses Ansatzes für aktuelle Krisenanalysen. Den Auftakt der Tagung bildete eine öffentliche Diskussionsveranstaltung im Juridicum, bei der sich die Politikwissenschafter Elmar Altvater und Frank Deppe sowie die Soziologin Brigitte Aulenbacher vor etwa 200 ZuhörerInnen mit der Wirtschaftskrise auseinandersetzten. |
Die Regulationstheorie wurde in den 1980er Jahren primär in Frankreich entwickelt und in der Folge im deutschsprachigen Raum breit rezipiert. Bekanntheit erlangte der Ansatz durch die Analyse der Nachkriegskonstellation der 1950er bis1970er Jahre, wofür sich der Begriff des "Fordismus" prägte. Die grundlegende theoretische Annahme des Ansatzes lautet, dass kapitalistische Ökonomien in eine Vielzahl institutioneller Formen und gesellschaftlicher Normen eingebettet sind und sich nur dadurch dynamisch entwickeln können. Seit den 1980er Jahren wird die Theorie herangezogen, um einsetzende Globalisierungsprozesse - samt ihrer stabilen Phasen und Krisen - besser zu begreifen.
Weiterentwicklung der Begrifflichkeiten
Die Diskussion der Regulationstheorie war das Schwerpunktthema der internationalen Tagung, bei der Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft die einleitende Arbeitshypothese formulierte: In vielen Forschungen werde die Theorie implizit verwendet, es komme aber kaum zu einer Weiterentwicklung der theoretischen Begrifflichkeiten. Genau das sei aber in der aktuellen Krise nötig, um das wissenschaftliche Potenzial auszuschöpfen. Bob Jessop von der Lancaster University identifizierte daraufhin mehrere innertheoretische Stränge sowie Entgrenzungen hin zu einer Vielzahl von Themen und anderen Theorien. Einige dieser Strömungen würden Gefahr laufen, zu eklektisch zu werden und den Ansatz zu banalisieren, merkte er an.
Neue Theorieanschlüsse finden
Der Feststellung entsprechend wurden Anschlüsse an andere Theorien diskutiert, um den Blick auf Krisendynamiken zu schärfen und auszuweiten. Birgit Sauer vom Institut für Politikwissenschaft entwickelte feministische Perspektiven und Christoph Görg vom Umweltforschungszentrum Leipzig verband die Regulationstheorie mit Überlegungen aus der politischen Ökologie, um so die ökologische Krise mit der Finanzkrise zu verbinden.
Dass ein Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Prozessen keine Besonderheit der Regulationstheorie sei, sondern etwa auch in den instiutionalistischen Ansätzen der "Varieties of capitalism" - einem interdisziplinären politökonomischen Ansatz - berücksichtigt werden, hob Dieter Plehwe vom Wissenschaftszentrum Berlin hervor. Die Regulationstheorie zeichne sich jedoch durch ihre kapitalismustheoretische Fundierung aus. Dieter Groh-Samberg von der International University Bremen und Jens Kastner, Universität für angewandte Kunst Wien, schlugen vor, an Begriffe des Soziologen Pierre Bourdieu anzuschließen. Fragen sozialer Normen und Praxen könnten so stärker berücksichtigt werden.
Analyse regionaler Integrationsprozesse in Lateinamerika
In mehreren Workshops wurden Krisendimensionen in der Arbeits- und Sozialpolitik und in den Geschlechterverhältnissen sowie die ökologische Krise und die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise detailliert diskutiert. So betonten etwa in der Arbeitsgruppe zu peripherer Staatlichkeit Andres Musacchio, Universidad de Buenos Aires, und Ngai-Ling Sum, Lancaster University, dass die Regulationstheorie für die Analyse Lateinamerikas und dortiger regionaler Integrationsprozesse sowie zur Untersuchung der Herstellung von Wettbewerbsfähigkeit in den chinesischen Wachstumspolen sehr produktiv sei.
Prozesse der kapitalistischen Globalisierung berücksichtigen
Die Qualitätssicherung der Hochschulen in Europa untersuchte Eva Hartmann von der Universität Lausanne aus einer regulationstheoretischen Perspektive und entwickelte in diesem Zusammenhang den Begriff des "evaluierenden Staates". Für Joachim Becker, Wirtschaftsuniversität Wien, liegt die Herausforderung darin, die Prozesse der kapitalistischen Globalisierung systematischer zu berücksichtigen - etwa den Aufstieg der Schwellenländer oder die Bedeutungszunahme der Finanzmärkte. Außerdem müsse sich die Theorie in der aktuellen Krise bewähren. Hier gäbe es bereits vielversprechende Forschungen. Joachim Hirsch, Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, wies darauf hin, dass wir heute eventuell den Übergang zu "stabilen Krisenphasen" erleben würden.
Wie nun mit solch einer komplexen Theorie umgehen, die immer wieder für ihre Schwachstellen kritisiert wird? Sonja Buckel, Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, und Alex Demirovic, Technische Universität Berlin, wiesen abschließend darauf hin, dass die vielfach diagnostizierten Lücken einer Theorie auch ein Beleg dafür seien, dass sie vielen WissenschafterInnen am Herzen liege und in ihrer Arbeit eine bedeutende Rolle spiele - nicht umsonst würden sie sich die Mühe machen, auf ebensolche Lücken hinzuweisen, anstatt sich anderen Ansätzen zuzuwenden.
Die Tagung erhielt finanzielle Unterstützung aus dem interfakultären Fonds für Workshops des Interdisziplinären Dialogforums "IDee". Interessierte am Programm, den Abstracts und Papers können sich an Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft wenden.
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