Gallisch wurde nicht nur in "dem kleinen, uns wohlbekannten Dorf" gesprochen, sondern auch in Österreich. "Vor allem keltische Personennamen wie zum Beispiel Cenumarus oder Deuogna, die hierzulande auf vielen römischen Grabsteinen vorkommen, weisen eine große Ähnlichkeit mit jenen aus Gallien auf", erklärt Mag. Dr. David Stifter vom Institut für Sprachwissenschaft. Das ist ein stichhaltiges Indiz, dass auch hier Gallisch - eine von vielen keltischen Sprachen, die wiederum zur Gruppe der indogermanischen Sprachen gehören - gesprochen wurde. Ob auf dem Gebiet des heutigen Österreichs noch andere, eigene keltische Sprachen oder Dialekte, wie zum Beispiel Norisch, verwendet wurden, ist auch eine der Forschungsfragen in David Stifters FWF-Projekt "Die altkeltischen Sprachreste in Österreich".
Kelten in Österreich
Ab ca. 450 v. Chr. wanderten keltische Stämme, die vorwiegend aus Südwestdeutschland und Ostfrankreich kamen, nach Österreich ein. Nur zwei Jahrhunderte später schlossen sich 13 Stämme zum Königreich Noricum zusammen - dieser Bund gilt als das erste politische Gebilde auf österreichischem Boden. Mit der Expansion des römischen Reichs wurde Noricum 15 v. Chr. Rom unterstellt, doch die keltische Bevölkerung schien nur zu einem kleinen Teil abgewandert zu sein: Archäologische Funde belegen eine kulturelle Kontinuität über die Spätantike bis ins Frühmittelalter.
Mittelalterliches Wörterbuch
Generell sind - abgesehen von Orts- und Personennamen - schriftliche altkeltische Quellen in ganz Europa dünn gesät. Für KeltologInnen weltweit ist daher "Endlichers Glossar", das einzige existierende gallische "Wörterbuch", für sprachwissenschaftliche Untersuchungen unersetzlich. Dieses Glossar, das sich in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, stammt aus dem 9. Jahrhundert und wurde wahrscheinlich in Gallien (heutiges Frankreich) erstellt. WissenschafterInnen gehen aber davon aus, dass es einige Jahrhunderte älter ist und die Abschrift im Mittelalter angefertigt wurde. Die einseitige Handschrift besteht aus 29 Zeilen mit insgesamt 60 Wörtern. "Es wurde und wird viel über das Glossar geforscht, aber die letzte wirklich umfassende Betrachtung liegt hundert Jahre zurück", so Stifter: "Ich möchte die Neubetrachtung breit angehen und jedes einzelne Wort analysieren und etymologisieren."
"Ave Julius?"
Ein weiteres Forschungsziel von Stifter ist es, sowohl die Analyse von "Endlichers Glossar" als auch die österreichischen keltischen Sprachreste in eine gesamt-europäische Sprachgeschichte des Gallischen einzubauen. "Mangels schriftlicher Quellen ist heute noch sehr wenig über die Geschichte dieser Sprache bekannt. Die ländläufige Meinung, dass nach der Eroberung Galliens durch Cäsar nur noch Latein gesprochen wurde, stimmt nicht", so Stifter: "Latein war zwar die Verwaltungssprache, aber die lokale Bevölkerung hat sicher bis ins 5., 6. Jahrhundert n. Chr. Gallisch verwendet. Das lässt sich auch für den österreichischen Raum annehmen."
Inschriftliche Detektivarbeit
Derzeit existieren in Österreich drei Inschriften, die möglicherweise keltisch sein könnten. Diese untersucht Stifter im zweiten Teil seines Habilitationsprojekts auf ihre Authentizität. Nur bei einer Inschrift ist sich der Keltologe ganz sicher, dass sie echt ist. Dabei handelt es sich um ein Fragment eines römischen Dachziegels, der 1977 im Zuge von archäologischen Grabungen in Grafenstein (nahe Klagenfurt) entdeckt wurde.
Der Text auf dem Ziegel - auf das 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. datiert - ist in lateinischer Kursivschrift verfasst und daher problemlos zu lesen. "Darunter finden sich einige gallische Wörter, wie zum Beispiel 'ollo so', was 'das alles' bedeutet", sagt Stifter. Da auch Zahlen und Mengenangaben eingeritzt sind, vermutet der Keltologe, es könne sich um eine Art Rechnung handeln. "Das wäre ein Indiz, dass Gallisch in Töpferkreisen hierzulande auch während der römischen Besatzung noch gebräuchlich war."
Fälschungen auf der Spur
Bei zwei weiteren, angeblich keltischen Inschriften ist David Stifter skeptisch, was deren Echtheit angeht. Die eine stammt vom bekannten römischen Ausgrabungsort am Magdalensberg in Kärnten. Seit den 1950er Jahren wurden tausende Inschriften zu Tage befördert. Der damalige Grabungsleiter, Rudolf Egger, identifizierte einige davon als norisch oder keltisch. "Die meisten davon wurden fälschlich als keltisch eingestuft und sind damit für meine Forschungen unbrauchbar", so Stifter: "Es gibt einzig einen Teller, der Einritzungen enthält, die mit keiner bislang bekannten Schrift oder Sprache Ähnlichkeit haben." Leider gibt es keine naturwissenschaftlichen Möglichkeiten, um festzustellen, ob die Einritzungen erst Jahrhunderte später passiert sind. "Ich vermute, dass es sich um eine Fälschung, wahrscheinlich um einen studentischen Jux, handelt", meint der Keltologe.
Als "sehr mysteriös" bezeichnet David Stifter die dritte möglicherweise keltische Inschrift, die sich auf der sogenannten Dürrnberger Schreibtafel befindet. Der in Ton eingeritzte Text konnte bis heute nicht entziffert werden, und auch hier finden sich keinerlei Ähnlichkeiten mit bekannten Schriften. Der Fundzusammenhang im 3. Jahrhundert v. Chr. - Dürrnberg bei Hallein war in vorchristlicher Zeit eine keltische Siedlung, später kamen die Römer - ist zwar ein Indiz, dass die Inschrift keltisch sein könnte, irritierend findet Stifter allerdings zwei Kreuze, die jeweils am Textanfang und -ende eingeritzt sind. Da sich das Christentum und damit die Kreuzsymbolik erst einige Jahrhunderte später ausbreitete, vermutet der Forscher, dass es sich um eine mittelalterliche Inschrift handeln könnte, die nur durch Zufall in den Fundzusammenhang geraten ist. Eine Thermoluminiszenz-Untersuchung, mit der sich relativ exakt das Alter von Keramik bestimmen lässt, soll hierüber Aufschluss geben.
Vom Glossar zu Editionen bis hin zu Lehnwörtern
Dieses Jahr wird sich David Stifter intensiv mit "Endlichers Glossar" sowie den Inschriften befassen, zu denen er jeweils eine Edition herausgeben wird. Nächstes Jahr unternimmt Stifter sprachwissenschaftliche Untersuchungen zu keltischen Personennamen, die sich vorwiegend auf Grabsteinen befinden, sowie zu keltischen Lehnwörter in heutigen deutschen Dialekten. (td)
Mag. Dr. David Stifter vom Institut für Sprachwissenschaft begann das FWF-Projekt "Die altkeltischen Sprachreste in Österreich" im Sommer 2008. Die auf drei Jahre anberaumte Forschung ist gleichzeitig Stifters Habilitationsschrift. Für seine keltischen Forschungen in Österreich wurde David Stifter mit dem Theodor-Kery-Preis 2008 für Geisteswissenschaften ausgezeichnet.
Lesetipp: David Stifter, "Christian Wilhelm Ahlwardt, Stephan Ladislaus Endlicher und Johann Heinrich August Ebrard im Kontext der Keltologie des 19. Jhs.", in: Hans Hablitzel/David Stifter (Hg.): Johann Kaspar Zeuß im kultur- und sprachwissenschaftlichen Kontext (19. bis 21. Jahrhundert), Kronach 21.7.-23.7.2006, Keltische Forschungen 2, Wien: Praesens Verlag 2007, 209-253
Vorträge von David Stifter zum Thema:
"Einheimische Schrifttraditionen im Ostalpenraum?" im Rahmen der 3. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie Sonntag 16. November 2008 um 9 Uhr Oberösterreichisches Landesmuseum Linz Programm
"Eine einheimische Schrifttradition im Ostalpenraum?" im Rahmen der 36. Österreichischen Linguistiktagung Samstag 6. bis Montag, 8. Dezember 2008 Zentrum für Translationswissenschaft (Gymnasiumstraße 50, 1190 Wien) Programm (PDF) |