Immer verworrener, unübersichtlicher und chaotischer werden die Städte in der Frühen Neuzeit; es bedarf einer Reihe besonderer Einrichtungen, um sie für ihre BewohnerInnen und für fremde BesucherInnen benützbar zu machen. Denn die Adressen der Stadt, ihre Ressourcen bleiben Außenstehenden verborgen, wenn es nicht eine Einrichtung gibt, die damit beschäftigt ist, diese Adressen zu sammeln und aufbereitet Hilfesuchenden zur Verfügung zu stellen. Es braucht eigene Büros, um die Adressen zu verwalten und zu makeln: es braucht Adressbüros.
Das Pariser "Bureau d'Adresse" von Théophraste Renaudot
Das berühmteste Adressbüro ist das von Théophraste Renaudot in Paris eingerichtete "Bureau d'adresse", das von circa 1630 an existierte und 1643 den Großteil seiner Aktivitäten einstellen musste. Es diente unter anderem dazu, Menschen, die Informationen suchten, diese zu beschaffen: Wer Wegadressen oder eine Reisebegleitung brauchte, wer Namen und Wohnsitze wichtiger Personen wie Theologen, Ärzte und Advokaten in Erfahrung bringen wollte, konnte sich an das Büro wenden und auf eine Antwort hoffen. Darüber hinaus war es Verkaufs¬agentur und Arbeitsvermittlungsstelle, wobei die an das Büro kommenden Anfragen in einem Register notiert wurden. Das Büro gab in unregelmäßigen Abständen eine eigene Zeitung heraus, das "Feuille du Bureau d'Adresse", in dem Exzerpte dieser Registereinträge publiziert wurden. Selbst als wissenschaftliche Akademie beziehungsweise Volkshochschule wurde das Bureau d'Adresse verwendet: Einmal wöchentlich fanden dort Vorträge statt, die anschließend publiziert wurden.
Kulturtransfer nach London und Berlin
Andere vergleichbare Projekte folgten in Großbritannien: Zwar scheiterte Samuel Hartlib zunächst mit seinem Vorhaben, in London ein "Office of Publick Addresse" als umfassende Bildungseinrichtung einzurichten, doch gelang es seinem Mitarbeiter Henry Robinson, 1650 ein kurzlebiges "Office of Adress for Accomodations" zu installieren. Vierzig Jahre später war Berlin an der Reihe: 1689 wurde dort ein "Bureau d'Adresse" oder "Adress-Hauß" errichtet; es war in erster Linie ein Versatzamt, sollte aber auch Maklerdienste bei Verkauf oder Vermietung von Immobilien leisten sowie die Aufgaben einer Verkaufsagentur für bewegliche Güter übernehmen; 1830 ging diese Einrichtung im königlichen Leihamt auf.
Fragämter in der Habsburgermonarchie
Auch in Wien hätte es bereits im 17. Jahrhundert die Chance gegeben, ein Adressbüro nach Pariser Vorbild zu erschaffen, doch der Sprachlehrer Johannes Angelus de Sumarán scheiterte 1636 mit seinem Vorhaben einer "offentliche[n] fragstuben" am Widerstand der Theologischen Fakultät der Universität Wien. Es sollte schließlich bis zum Jahr 1707 dauern, bis ein derartiges Büro, "Frag- und Kundschaftsamt" genannt, gleichzeitig mit dem Versatzamt - dem heutigen Dorotheum - gegründet wurde. Es bestand bis ins 19. Jahrhundert und gab ab 1728 das so genannte Kundschaftsblatt, ein Annoncenblatt, vergleichbar dem heutigen "Bazar", heraus. Auch in Prag, Brünn, Pressburg, Budapest, Graz, Innsbruck und Lemberg existierten solche Fragämter.
Adressbüros als Vorläufer der Suchmaschine
All diese Einrichtungen, ob sie nun Fragämter, Adresscomptoirs, Berichthäuser oder Intelligenzbüros hießen, traten neben die traditionellen Beziehungsnetzwerke und übernahmen manche von deren Funktionen, wie zum Beispiel Arbeitsvermittlung, Informationsaustausch, Kreditvergabe oder Botendienste. Adressbüros können somit als Vorläufer der heutigen Suchmaschinen bezeichnet werden: Ähnlich wie Google und Co dienten die Adressbüros dazu, ein als unübersichtlich wahrgenommenes Netzwerk von Beziehungen und Warenangeboten überschaubar zu machen; sie liefern Orientierung in verworrenen Informationsmengen, indem sie ihren BenutzerInnen Verweise auf Adressen anbieten, an denen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse möglich ist. Das Forschungsprojekt reiht sich damit in die Folge jener Untersuchungen ein, die die Ursprünge der Wissensgesellschaft in der Frühen Neuzeit verorten und im speziellen die frühneuzeitlichen Informationstechnologien als Vorboten der durch den Computer ausgelösten medialen Revolution betrachten.
Mag. Dr. Anton Tantners FWF-Projekt "Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit" ist am Institut für Geschichte angesiedelt und auf drei Jahre bewilligt (Projektbeginn: 1.7.2007). Der Historiker beabsichtigt, sich mit diesem Projekt zu habilitieren und plant Archiv- und Bibliotheksrecherchen u a. in Prag, Brünn, Budapest, Berlin und London.
Erste Ergebnisse werden in Tantners Weblog "Adresscomptoir" präsentiert. |