Sie haben schon einen Schutzheiligen und "Jahrestage", an denen sie auf die Straße gehen: Ob ihnen "San Precario" und der von den europäischen Gewerkschaften ausgerufene "Praktikanten-Aktionstag" am 1. April oder Demos am 1. Mai ("Euro May Day"-Parade am Tag der Arbeit) helfen, die Arbeitsbedingungen in einer globalisierten Welt zu verbessern, ist fraglich. Die Rede ist von den atypischen Beschäftigten, vom "Prekariat" als neuem Proletariat.
Wandel der Berufswelt: Anstieg der Arbeitslosigkeit ...
"Die Erwerbsarbeitswelt ist heutzutage pluriform und heterogen geworden", sagt Emmerich Tálos vom Institut für Staatswissenschaft. Seit Jahr(zehnt)en zeichnen sich zwei Trends ab: "Das Ansteigen der Arbeitslosigkeit und die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, vor allem was Arbeitsverträge und Arbeitszeitregelungen betrifft", stellen Sabine Blaschke und Eva Cyba vom Institut für Wirtschaftssoziologie im Sozialen Survey fest, in dem sie die Einstellung zu Arbeit und Beruf zwischen 1986 und 2003 untersuchten. Die Arbeitslosenrate ist in Österreich zwar im Vergleich mit den meisten EU-Ländern eher niedrig, steigt aber seit den 1980ern kontinuierlich an. "Immer mehr Personen machen zumindest einmal im Erwerbsleben Erfahrung mit Arbeitslosigkeit", so die Soziologinnen.
... und PatchWork: Abweichung von der "Normalbiografie"
Erwerbsbiografien verlaufen nicht mehr geradlinig. Die Arbeitswelt ist insgesamt seit Jahren im Umbruch, "die einzige Konstante ist die Veränderung", sagt der Psychologe Christian Korunka. "Immer mehr Menschen werden freiwillig oder unfreiwillig aus 'normalen' Arbeitsverhältnissen hinausgedrängt", so Susanne Pernicka vom Institut für Wirtschaftssoziologie. "Die klassische Erwerbsarbeit - der Nine-to-five-Job - ist ein Auslaufmodell, in Zukunft wird es vermehrt Patchwork-Biografien geben", meint auch der Sozialphilosoph Manfred Füllsack.
Immer mehr Menschen arbeiten - zumindest zeitweise - als "atypische Beschäftigte"; darunter fallen laut Blaschke und Cyba Teilzeitbeschäftigte (unter 34 Stunden/Woche), Projekt- und LeiharbeiterInnen, befristete oder geringfügige Beschäftigte, freie DienstnehmerInnen, WerkvertragsnehmerInnen, TelearbeiterInnen und (Schein)Selbstständige. Diese Formen der Erwerbsarbeit unterscheiden sich vom "Normalarbeitsverhältnis" der Angestellten im Hinblick auf Dauer, Kontinuität und geregelter Arbeitszeit. Für wenig Lohn müssen die flexibel Beschäftigten mit stets wechselnden Arbeitsverhältnissen rechnen. Sie genießen kaum Sozialleistungen und keinen Kündigungsschutz, auch wenn sie oft genauso viel leisten wie ihre fix angestellten KollegInnen.
Saisonal, befristet oder teilzeitbeschäftigt
Die Bandbreite der betroffenen Berufe ist groß, die Lage der mit ihrer Arbeit Unzufriedenen äußerst uneinheitlich: wenig (aus)gebildete ErntehelferInnen, Bauarbeiter, und SupermarktverkäuferInnen und die neue Massenberufsgruppe der 'Call Center Agents' stehen hoch qualifizierten, aber gering entlohnten PraktikantInnen, JungakademikerInnen, ErwachsenenbildnerInnen oder TrainerInnen genauso gegenüber wie FreiberuflerInnen, Kulturschaffenden, JournalistInnen und ArchitektInnen. Auch wenn atypische Beschäftigungsformen in Österreich noch einen kleinen Teil der Erwerbstätigen ausmachen, handelt es sich dennoch "um eine andauernde und wachsende Tendenz", so Blaschke und Cyba. Tálos hebt das strukturelle Problem dahinter hervor: Gerade Frauen müssten oft Teilzeitstellen annehmen, um Kinderbetreuung und familiäre Arbeit vereinbaren zu können. Atypische Beschäftigung, vor allem Teilzeit bzw. geringfügige Beschäftigung, ist primär "Frauenbeschäftigung", betont Sabine Blaschke. Über weitere Ergebnisse einer Studie zur Einstellung der Geschlechter zu Arbeit und Beruf berichtet Anna Kim.
Neue Selbstständige
Meist männlich ist der typische Neue Selbstständige, der auf Basis eines Werkvertrags arbeitet und zugunsten persönlicher Freiheiten oftmals auf soziale Absicherung verzichtet. Die Zahl hat sich laut ÖGB seit 1998 von etwa 7700 auf rund 35.000 erhöht. In Österreich macht die Gruppe der Neuen Selbständigen zwar erst zwei bis drei Prozent aller Beschäftigten aus - wenig im internationalen Vergleich -, "die Tendenz ist aber stark steigend", sagt die Wirtschaftssoziologin Susanne Pernicka. Sie untersucht in einem aktuellen Projekt (siehe Forschungsnewsletter Dezember 2005), wie und ob die Neuen Selbstständigen - oft Unternehmer und Arbeitsnehmer in einer Person - von den Gewerkschaften vertreten werden können und sollen.
Überraschendes Ergebnis einer Studie im Auftrag des BMWA (2005), an der der Politologe Emmerich Tálos mitgearbeitet hat und die Heidrun Huber vorstellt: Aus der Sicht der Betroffenen halten sich die Vor- und Nachteile dieser Beschäftigungsform die Waage, die Selbsteinschätzung fällt positiver aus als bei anderen atypisch Beschäftigten wie freien DienstnehmerInnen oder LeiharbeiterInnen.
Viele Arbeitslose stehen heute auch vor der Wahl, sich selbstständig zu machen - oder arbeitslos zu bleiben. Die Zahl derer, die mehr oder weniger unfreiwillig in einer selbstständigen Tätigkeit landen, hat in den letzten Jahren zugenommen, stellt Christian Korunka vom Institut für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation fest. Einen weiteren Trend ortet der Psychologe im immer stärker verlangten unternehmerischen Denken von MitarbeiterInnen in bestehenden Unternehmen (Intrapreneurship). Darüber und inwieweit SchülerInnen in Österreich auf die berufliche Selbstständigkeit vorbereitet werden, sprach er mit Roland Dreger. (mh)
Lesen Sie hier den zweiten Teil von "Schöne neue Arbeitswelt?".
Lesetipps: >> Manfred Füllsack (Hg.): Globale soziale Sicherheit. Grundeinkommen - weltweit? Berlin: Avinus Verlag 2006. >> Sabine Blaschke/Eva Cyba: "Einstellung zu Arbeit und Beruf", in: W. Schulz/M. Haller/A. Grausgruber (Hg.): Österreich zur Jahrhundertwende. Gesellschaftliche Werthaltungen und Lebensqualität 1986-2004, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005, S. 235-270. >> Emmerich Tálos (Hg.): Atypische Beschäftigung. Internationale Trends und sozialstaatliche Regelungen. Europa. USA. Wien: Manz Verlag 1999, 480 Seiten. >> Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag 2006, 192 Seiten, 8,30 Euro. >> Kurt Biedenkopf: Die Ausbeutung der Enkel. Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft. Berlin: Propyläen Verlag 2006, 230 Seiten, 17,50 Euro. >> Sergio Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbstständigkeit. Graz: Verlag Nausner & Nausner 2005, 150 Seiten, 19,90 Euro. |