"Die Ergebnisse der Bioinformatik, einer Teildisziplin der Biologie, sind auf vielfältige Art und Weise von konkretem, praktischem Nutzen für die Allgemeinheit", stellt Thomas Rattei klar. Das konnte die junge Forschungsrichtung in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit Grippeepidemien bereits eindrucksvoll unter Beweis stellen: "BioinformatikerInnen waren schon wenige Wochen nach dem Ausbruch einer Erkrankungswelle in der Lage, die Erreger in Bezug auf ihre charakteristische Gefährlichkeit für die Gesellschaft auf molekularer Ebene zu charakterisieren und geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln."
Ob für die Medizin, Zoologie, Botanik oder Mikrobiologie - die molekulare Arbeit, bei der die Bioinformatik eine wesentliche Rolle spielt, liefert wichtige Antworten auf die unterschiedlichsten Fragestellungen. In Österreich muss sich die junge Wissenschaftsdisziplin aber erst etablieren. Mit der Gründung des Departments für Computational Systems Biology an der Universität Wien, das Rattei von Grund auf aufbaut, ist hier ein wichtiger Schritt nach vorne gelungen.
Heute ein Gen entschlüsselt, …
Im Zentrum der bioinformatischen Forschung steht heute vor allem die Beschäftigung mit biologischen Sequenzen wie DNA, RNA oder Proteinen: "Es geht im Grunde darum, Gene besser zu verstehen. Das Erbgut verschiedener Lebewesen zu entschlüsseln, war die große wissenschaftliche Herausforderung der letzten Jahre", erklärt der neue Professor. Sein Fachgebiet, die "In Silico"-Genomik, erfülle in diesem Zusammenhang die wichtige Aufgabe, neue Programme und Methoden, mit denen sich etwa anhand der Sequenz eines Proteins dessen Funktion und Struktur vorhersagen lässt, für die computergestützte Molekularbiologie zu entwickeln.
… morgen die ganze Zelle
Dass es den ForscherInnen heute überhaupt möglich ist, biologische Sequenzen zu bestimmen und zu entschlüsseln, ist dem enormen technologischen Fortschritt der vergangenen 15 Jahre zu verdanken: "Die Möglichkeit, DNA-Sequenzen schnell und einfach zu sequenzieren, hat die Bioinformatik in den 1990er Jahren stark wachsen lassen", so der gebürtige Deutsche: "Aufgrund der rasanten Entwicklungen der letzten Jahre ist zu erwarten, dass wir in wenigen Jahren nicht nur das Erbgut, sondern auch andere biologisch relevante Moleküle der Zelle verstehen."
Keine Bioinformatik ohne Experiment
Ein weiteres wichtiges Charakteristikum der Bioinformatik ist ihre enge Verzahnung mit dem wissenschaftlichen Experiment. Als Disziplin der Biologie steht sie stets im Kontext einer experimentellen Fragestellung. "In vielen Fällen ist es so, dass wir Theoretiker und Theoretikerinnen mit experimentell orientierten Gruppen zusammenarbeiten, die teilweise Daten in sehr großen Mengen gewinnen. Unsere Aufgabe ist es dann, diese Daten computergestützt zu ordnen", erläutert der Experte.
An der Forschungsspitze
Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass die Bioinformatik inhaltlich ein sehr breit gefächertes Forschungsspektrum abdeckt, keine Überraschung. "Die Disziplin bietet uns Kontaktflächen in alle Bereiche der Biologie hinein. Das eröffnet uns immer wieder Möglichkeiten zur Mitarbeit bei hochkarätigen Forschungsprojekten", freut sich der Bioinformatiker: "Dadurch können wir kontinuierlich neue Aspekte aus der Biologie in unsere Arbeit mit einfließen lassen."
Fokus auf Praxis und Nachwuchsförderung
Eine besondere Faszination hegt der gelernte Chemiker, der sich als "ungemein naturbegeistert" beschreibt, vor allem für Fragestellungen, die direkt für die humane Gesundheit oder die biotechnologische Forschung relevant sind: "Ich bin weniger der Mathematiker oder Programmierer, sondern jemand, der sich dafür interessiert, wo und auf welche Weise man unsere Forschungsergebnisse konkret anwenden kann."
Dieses Selbstverständnis möchte Rattei auch in seine neue Position mitnehmen: "Ich suche, wo möglich, immer die Nähe zum Experiment." Seine weiteren Ziele an der Universität Wien sieht er insbesondere im Aufbau einer stabilen Forschungstätigkeit, in der Ausweitung der bioinformatischen Infrastruktur an seinem neuen Arbeitsplatz sowie in der Ausbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Dabei kann Rattei auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz zurückgreifen: "Ich habe in den letzten Jahren während meiner Tätigkeit als Lehrender an der Technischen Universität in München einen sehr engen Kontakt zu den Studierenden gepflegt und durfte mithelfen, den Studiengang für Bioinformatik aufzubauen. Die frühzeitige Erkennung und Förderung von jungen Talenten sowie deren Einbindung in die Forschungstätigkeit ist ein Ziel, das ich auch in Wien weiterverfolgen möchte." (ms)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Thomas Rattei vom Department für Computational Systems Biology der Fakultät für Lebenswissenschaften zum Thema "Bioinformatik als Schlüsseldisziplin im Zeitalter der molekularen und systemorientierten Biologie" findet am Mittwoch, 30. Juni 2010, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.
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