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Historikerin Claudia Feller untersucht in ihrem Forschungsprojekt, wie die Menschen im Mittelalter über ihre Abrechnungen Buch geführt haben. Copyright: Südtiroler Landesarchiv


Institut für Österreichische Geschichtsforschung        
Vom Rechenbrett zur doppelten Buchführung
Forschungsprojekte
Marion Wittfeld (Redaktion) am 27. Januar 2009

Die doppelte Buchführung ist heute bei jedem Unternehmen gang und gäbe. Doch auch früher haben Menschen über ihre Abrechnungen Buch geführt. Die damaligen Rechnungsbücher unterscheiden sich jedoch wesentlich von der heutigen Buchführung. Wie sahen beispielsweise die Aufzeichnungen im Mittelalter aus? Dieser Frage geht die Historikerin Claudia Feller im Projekt "Adeliges Rechnen im Spätmittelalter" nach. Erfasst und untersucht werden adelige Rechnungsaufzeichnungen aus dem Raum Tirol, Südtirol und Trentino von 1250 bis 1500.

Während HistorikerInnen bisher primär die landesfürstlichen Tiroler Rechnungsbücher untersuchten, konzentriert sich das Projekt "Adeliges Rechnen im Spätmittelalter" unter der Leitung von Univ.-Doz. Dr. Christian Lackner vom Institut für Geschichte auf jene des nicht-fürstlichen Adels in der spätmittelalterlichen Grafschaft Tirol. "Dadurch ergeben sich spannende Fragen: Wie sah die Organisation und Verwaltungspraxis adeliger Grundherrschaft aus? Was waren ihre sozioökonomischen Grundlagen?", so Dr. Claudia Feller, Projektmitarbeiterin am Institut für Österreichische Geschichtsforschung.

Durch die möglichst vollständige Erfassung des Quellenmaterials in Landes- und privaten Adelsarchiven sollen die geographische Verbreitung, das zeitliche Einsetzen und die Entwicklung der adeligen Rechnungsaufzeichnungen bestimmt sowie der Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft untersucht werden.

Vom unauffälligen Äußeren …

"Um den Aufbau, die Art und den Entstehungskontext der Rechnungsbücher verstehen zu können, analysiere ich die Aufzeichnungen sowohl unter formalen als auch unter inhaltlichen Aspekten. Faktoren sind beispielsweise die Größe, der Umfang und Beschreibstoff sowie die Struktur der Quellen", erklärt Claudia Feller.

Die Rechnungsaufzeichnungen sind ausgesprochen heterogen: Ihr Aufbau ist zum einen abhängig vom Rechnungszeitraum - so können die einzelnen Rechnungslegungen eine Zeitspanne von einer Woche oder von mehreren Jahren umfassen -,, zum anderen ist auch entscheidend, wer mit wem "abrechnet": ein Amtmann mit seinem Herrn bzw. dessen Verwalter oder mit den Grundholden seines Amtes.

Trotz dieser Unterschiede hat Claudia Feller auch einige Gemeinsamkeiten entdeckt: "Die Rechnungsbücher sind überwiegend unauffällig, d.h. es handelt sich häufig um Hefte in Schmalfolio, die oft nur wenige Lagen umfassen und meist schmucklos geschrieben sind."

… zu spannenden Inhalten

Gemeinsamkeiten lassen sich auch bei den Einnahmen und den Ausgaben der nicht-fürstlichen Adeligen entdecken. Die Einkünfte ergaben sich primär aus der stark agrarisch strukturierten Grundherrschaft und bestanden deshalb häufig aus Naturalien wie Fleisch, Käse, Schmalz und Getreidesorten wie Roggen, Weizen, Hafer und Dinkel. Sie wurden zuweilen in einen Geldbetrag umgerechnet, dessen Summe dann mit den anderen finanziellen Einnahmen addiert wurde.
Fehlt dieser aktuelle Abgeltungsbeitrag jedoch, ist eine nachträgliche Erfassung des ungefähren finanziellen Werts der Naturalien oft mit Schwierigkeiten verbunden: "Wenn in Rechnungsbüchern nur die Naturalie selbst und nicht ihr finanzieller Gegenwert verzeichnet ist, können wir diesen aufgrund der damals regional stark differierenden Maß- und Gewichtsangaben nur schätzen. Wie rechne ich beispielsweise ein Fuder Heu um?", so Feller.
 
Bei den Ausgaben bildete oft die Besoldung der Bediensteten den größten Posten. Hinzu kamen Kosten für Bekleidung, Bauvorhaben, Gütertransporte oder den Ankauf von Gewürzen und anderen Naturalien, die man aus der eigenen Grundherrschaft nicht erwirtschaftete.

Mit Rechenbrett und Münzen

In einem spätmittelalterlichen Rechnungsbuch wurde nicht im eigentlichen Sinn gerechnet. Für den Rechenvorgang wurde ein Rechenbrett mit Linien verwendet, auf dem die einzelnen Beträge mithilfe sogenannter Rechenmünzen gelegt und je nach Rechenart verschoben wurden. "Erst die errechnete Summe wurde dann in römischen Zahlzeichen schriftlich festgehalten", erläutert Claudia Feller.

Das Rechnungsbuch des Heinrich von Rottenburg

Auch in ihrer Dissertation, die 2009 publiziert wird, beschäftigte sich Claudia Feller mit der Thematik des adeligen Rechnens. Die Historikerin promovierte über "Das Rechnungsbuch Heinrichs von Rottenburg", das aus dem beginnenden 15. Jahrhundert datiert.
 
Heinrich von Rottenburg war einer der reichsten Adeligen im spätmittelalterlichen Tirol, der über zahlreiche Ämter, Burgen und Gerichte verfügte und dementsprechend viel Personal besoldete. Aus diesem Grund unterscheidet sich sein Rechnungsbuch vor allem im Umfang von den Aufzeichnungen zahlreicher anderer Adeliger.

Aber auch die schlechten Zeiten sind in Rottenburgs Rechnungsbuch dokumentiert: Im Zuge einer Auseinandersetzung mit dem Tiroler Landesfürsten Herzog Friedrich IV. verlor der Adelige fast all seine Besitztümer: "Das Rechnungsbuch belegt die unruhigen Zeiten kurz vor seinem Sturz. Nur wenige Monate nach der letzten eingetragenen Rechnungslegung verstarb Heinrich von Rottenburg."

Einen Überblick über die jährlichen Einnahmen und Ausgaben eines Adeligen wie Heinrich von Rottenburg zu gewinnen, ist trotz des Umfangs seines Rechnungsbuchs schwierig.
"Die Aufstellung der Beträge im Rechnungsbuch sollte wohl eher der Kontrolle über bereits geleistete bzw. noch ausständige Zahlungen und Naturalleistungen dienen. Das ist sicher ein markanter Unterschied zur doppelten Buchführung heutzutage", sagt Claudia Feller. (mw)

Das dreijährige FWF-Projekt "Adeliges Rechnen im Spätmittelalter" startete am 1. Dezember 2006. Projektleiter ist Univ.-Doz. Mag. Dr. Christian Lackner vom Institut für Österreichische Geschichtsforschung.

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