Ao. Univ.-Prof. Dr. Peter Michor biegt das Blatt Papier vor sich auf dem Schreibtisch zu einem Bogen. "Das Blatt ist nicht wirklich gekrümmt", sagt er. "Man kann es wieder flach hinlegen, ohne es zu verzerren." Ganz im Gegensatz zu einer Kugelkalotte - diese weist eine interne Krümmung auf, wie der Mathematiker erläutert. Ein bekanntes Problem etwa in der Geodäsie und Kartografie: Wie wird aus der gekrümmten Erdoberfläche eine flache Karte? Genau hier, in der Kartenprojektion, liegt auch eine der ersten Anwendungen der klassischen Differenzialgeometrie. Sie ist ein Teilgebiet der Mathematik, in deren Zentrum die Berechnung von gekrümmten Flächen und mehrdimensionale Räume stehen.
Interdisziplinär im Einsatz
Anwendungen der modernen Differenzialgeometrie finden sich bei Optimierungsproblemen oder in der Geometrie. Und vieles spielt sich an der Schnittfläche zwischen Mathematik und Physik ab - beispielsweise in der Quantentheorie und vor allem der Allgemeinen Relativitätstheorie. "Ein großer Teil der Theoretischen Physik bedient sich differenzialgeometrischer Hilfsmittel", bestätigt Michor. Ähnlich gelagert ist es im Fall des zweiten Schwerpunktes des Doktoratskollegs, den "Lie Gruppen". Sie dienen insbesondere in der Analysis, Geometrie und Physik zur Beschreibung von Symmetrien und haben Transformationen in mehrdimensionalen Räumen zum Thema.
9 Stellen für DissertantInnen
Im Rahmen des Initiativkollegs "Differenzialgeometrie und Lie Gruppen" werden von der Universität Wien neun halb beschäftigte Stellen für DissertantInnen finanziert. Die TeilnehmerInnen werden dabei eng mit den bestehenden Forschungsgruppen an der Fakultät für Mathematik zusammenarbeiten. Sie sind zum Großteil direkt in vom FWF finanzierte Projekte mit eingebunden. Die Studierenden haben zudem Gelegenheit, Kontakte zu namhaften WissenschafterInnen zu knüpfen und an internationalen Konferenzen teilzunehmen, nennt Michor einen wichtigen Punkt für ihre spätere Berufslaufbahn. Fünf der KollegassistentInnen kommen aus Österreich, die anderen vier aus Belgien, den Niederlanden, der Tschechischen Republik und Bolivien. Im Zentrum ihrer Ausbildung im Rahmen des Kollegs steht ein gemeinsames Seminar.
Standort Wien noch attraktiver
Peter Michor sieht in der nunmehrigen Finanzierung der DoktorandInnen vor allem "ein Nachziehen an internationale Gepflogenheiten." Das Studium der Mathematik an der Universität Wien hatte international schon bisher einen guten Ruf, ist der Wissenschafter überzeugt. Gegenüber anderen großen Universitäten wird der Standort Wien jedoch seiner Ansicht nach dadurch in Zukunft noch attraktiver werden.
Positive Auswirkungen schon jetzt merkbar
Und gebracht hat das Initiativkolleg schon jetzt etwas, sind sich Michor und seine Kollegen einig. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen wurde "besser unter einem Hut gebracht" und intensiver, als sie bisher schon war. Die Lehrenden neben Peter Michor sind die Mathematiker Privatdoz. Univ.-Ass. Dr. Dietrich Burde, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Andreas Cap, Univ.-Ass. Mag. Dr. Stefan Haller, Ao. Univ.-Prof. MMag. Dr. Michael Kunzinger, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Roland Steinbauer und der theoretische Physiker Ao. Univ.-Prof. Dr. Robert Beig. (ro) |