"Es gibt viele Forschungen zu Wissensdiskursen in der Literatur des 19. Jahrhunderts und nach 1945. Doch es fehlt der Zeitraum dazwischen. Diese Lücke möchten wir mit unserem Projekt schließen", erläutert der Projektleiter Doz. Dr. Roland Innerhofer vom Institut für Germanistik. So tritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Vorstellung eines sich selbst organisierenden und regelnden Systems in verschiedenen Diskursen auf. Diese Idee der Experimentalgesellschaft zieht sich u.a. durch die politische Theorie und Ökonomie, die experimentellen Wissenschaften, die Ingenieurswissenschaften und Medizin, die Verwaltungstechnik, die Prothetik und die Philosophie.
Wissensdiskurse und Literatur
Besonders in der Literatur treten diverse Theorien der Regulierung und Experimentalisierung auf. Diese Entwürfe von "möglichen Körpern" und "möglichen Räumen" und damit zusammenhängender Gewalt und Regierung spiegeln jedoch nicht nur reproduzierte Ideen wider, sondern zeigen auch einen kritischen Umgang mit den Thesen. "Die Literatur hat den Vorteil, dass sie durch Reflexion Gegenstände durchschauen und sichtbar machen kann. So werden die Ideen der Selbstregulierung mitunter in den Texten gebrochen und mögliche Gefahren herausgestellt", erklärt Roland Innerhofer.
Ziel des Projekts ist es, bekannte Autoren wie Franz Kafka, Robert Musil und Alfred Döblin in einen neuen Zusammenhang einzubinden und in der Geschichte des Wissens, der gesellschaftlichen Praktiken sowie der Geschichte der Technik neu zu positionieren. "Es geht uns hierbei nicht um den Anspruch, eine einzig gültige Interpretation der Autoren und ihrer Werke zu entwickeln, sondern wir möchten durch neue Sichtweisen erweiterte Erkenntnisse gewinnen. Die engen Grenzen der traditionellen Literaturwissenschaft sollen gesprengt werden, ohne ihre Kernkompetenz zu verleugnen", so der Germanist.
Franz Kafka: Zwischen Schriftstellerei und Beamtentum
Insgesamt untersuchen Roland Innerhofer und seine beiden Mitarbeiter neben diversen kulturwissenschaftlichen Texten die Werke von neun SchriftstellerInnen. Darunter sind neben Kafka, Musil und Döblin u.a. Rudolf Brunngraber, Thea von Harbou und Ernst Jünger.
Aus biographischer Sicht ist Franz Kafka ein besonders aufschlussreicher Fall, da er sowohl literarische Werke als auch Verwaltungsschriften geschrieben hat. Nach seiner Promotion 1906 zum Doktor der Rechte arbeitete Kafka ab 1908 14 Jahre in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen" (AUVA) in Prag. Kenntnisse der industriellen Produktion und der großbetrieblichen Technik waren daher unumgänglich. "Kafka ist ein gutes Beispiel dafür, dass Literatur nicht in irgendwelchen weltfremden Sphären schwebt. Kafka konnte - wie Musil beispielsweise auch - auf beiden Klaviaturen spielen. Dadurch ergibt sich eine hervorragende Durchlässigkeit zwischen den unterschiedlichen Textsorten", erläutert Innerhofer.
Aus der Geschichte lernen ...
Seit einigen Jahren werden die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägten Argumentationsmuster wieder aufgegriffen. Man spricht heutzutage von der Selbstregulierung der Individuen und Märkte, von Risiko und dynamischen Systemen, die neue Formen der Steuerung erfordern würden. "Die Finanzkrise zeigt jedoch, dass sich das liberale Konzept der Selbstregulierung der Planbarkeit entzieht. Dadurch kann es jederzeit zu einer destruktiven Dynamik kommen. Das, was heutzutage passiert, ist nicht neu. Da können wir aus der Geschichte lernen", resümiert Roland Innerhofer. (mw)
Das FWF-Projekt "Regulierungswissen und Möglichkeitssinn 1914-1933"unter der Leitung von Doz. Dr. Roland Innerhofer startete im Juni 2008. Das zweijährige Projekt findet in Kooperation mit Univ.-Prof. Dr. Claus Pias und Dr. Thomas Brandstetter vom Institut für Philosophie an der Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Joseph Vogl und Dr. Burkhardt Wolf vom Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie PD Dr. Christoph Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin statt.
GLOSSAR:
Kybernetik: Kybernetik setzt sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Steuerung, Regelung und Rückkopplung der Informationsübertragung und -verarbeitung in Maschinen, Organismen und Gemeinschaften auseinander. Zusätzlich werden dabei Theorie und Technik der Informationsverarbeitungssysteme untersucht. Als Begründer gilt der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener, der den Begriff in seinem 1948 erschienenen Buch "Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine" prägte.
Regulierungswissen: Das Regulierungswissen knüpft an den Foucault'schen Begriff der "Gouvernementalität" an. Es versteht Machtausübung nicht nach einem vorgegebenen Konzept, sondern die Gesellschaft wird als ein Mechanismus angesehen, den es mit möglichst geringem Energieaufwand zu optimieren gilt. Nicht durch einen äußeren Zwang, sondern durch eine innere Logik heraus soll so ein sich selbst regulierendes Kräftesystem entstehen.
Möglichkeitssinn: Entnommen aus Musils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienenem Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" bedeutet der Begriff "Möglichkeitssinn"- vereinfacht formuliert - eine Fähigkeit zum Gedankenexperiment. Man testet die Wirklichkeit, indem man aus existierenden Gegenständen oder Kräften und ihrer Neu- bzw. Umstrukturierung etwas hervorbringt, was noch nicht real ist. Der Ausgang ist dabei jedoch immer offen, denn es darf keine vorgegebenen Ziele geben. Oder: "Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist." (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 1978, S. 16)
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