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Von wegen stumm wie ein Fisch
Forschungsprojekte
Daniela Schuster (Redaktion) am 22. Dezember 2003

Seit der Zeichentrickfilm "Findet Nemo" im Kino die Massen begeistert, ist Univ.-Doz. ao. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Ladich vom Institut für Zoologie der Universität Wien ein gefragter Mann. Alle wollen von ihm wissen: Können Fische wirklich sprechen? Der Universitätszeitung gab er Antworten.

Sie träumen davon, einfach einmal abzutauchen und die Stille unter Wasser zu genießen? Träumen Sie weiter. Spätestens beim Schnorcheln dürfte Ihnen auffallen, was passionierte TaucherInnen, aufmerksame AquarienbesitzerInnen und erfahrene FischerInnen längst wissen: Selbst unter der Oberfläche der tiefsten Wässer ist es alles andere als still. Kein Wunder, schließlich „quatschen“ da viele Vertreter der 25.000 bekannten Fischarten (und natürlich auch zahlreicher Insekten und Krebsarten) eifrig miteinander. Da wird getrommelt und geknurrt, geschrien, gestöhnt, gegrunzt und geseufzt. „Wir gehen davon aus, dass bei einem großen Teil der Fischarten die Fähigkeit, Laute zu bilden und somit akustisch zu kommunizieren, ausgebildet ist“, erklärt Friedrich Ladich. Manche tun das sogar so laut, dass man es noch über den Wellen hören kann. „Jaraquis erzeugen beim gemeinsamen Laichen einen derartigen Lärm, dass Fischer in Amazonien sie ganz einfach orten und fangen können. Und das Knurren von um ihr Revier streitenden Guramis ist auch noch zwei Meter neben dem Aquarium zu hören“, erzählt Ladich. Fische sind Kommunikationsexperten

Von wegen also ?stumm wie ein Fisch?. Die meisten Fische sind genau genommen sogar Kommunikationsexperten: Während Säugetiere, Vögel und auch Frösche nicht besonders einfallsreich sind, was die Lautbildungsorgane betrifft ? ?sie bedienen sich des Prinzips, Luft über eine gespannte Membranen streichen zu lassen?, erklärt Ladich ?, sind Fische äußerst erfinderisch.

Der Rote Piranha versetzt mit seinen Trommelmuskeln die Schwimmblase in Schwingungen und erzeugt Brummtöne, v.a. wenn er gestresst (gefangen) wird. © F. Ladich

„Sie versetzen zum Beispiel ihre mit Luft gefüllten Schwimmblasen in Schwingung, in dem sie darauf trommeln, reiben ihre Flossen knarrend in Schultergelenken, knirschen mit den Zähnen oder zupfen an gespannten Sehnen wie an einer Gitarrensaite“, erzählt der Wiener Zoologe. In „Findet Nemo“ einen Animationsfilm mit Bildungsauftrag zu sehen, hält er dann aber doch für etwas übertrieben. „Die akustische Kommunikation zwischen Fischen verläuft ganz und gar nicht so wie im Film. Fische unterhalten sich nicht mit anderen Arten, sie erzeugen bestenfalls Abwehrlaute. Und schon gar nicht plaudern Knochenfische mit Haien und Elternfische mit ihren Jungen. Dies ist vermenschlichter Unsinn, der primär der Unterhaltung dient“, so Ladich. Vielleicht trägt „Findet Nemo“ aber wenigstens dazu bei, den Mythos von den „stummen Fischen“ ein für alle Mal zu begraben. Dass die meisten Menschen dies immer noch glauben, erklärt sich Friedrich Ladich so: „In unseren heimischen Gewässern gibt es kaum lautbildende Arten. Uns fehlt einfach die Erfahrung, die Tiere einmal gehört zu haben. Ein Mittelmeerfischer würde wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, von 'stummen Fischen' zu sprechen.“ Der Krieg als Vater der Erforschung der Fischkommunikation Fische „sprechen“ also – und nicht nur miteinander. Diese Erkenntnis mag für viele von uns neu sein, sie ist es aber nicht. Bereits Aristoteles hat um 380 v.u.Z. in seiner Naturgeschichte beschrieben, dass der Knurrhahn Drohlaute von sich gibt, wenn er aus dem Wasser genommen wird. Und auch die Technik des Unterwassermikrophons zur Belauschung tierischer „Gespräche“ ist keine Erfindung der letzten Jahre. Die umfangreichsten  Forschungen zu Lautäußerungen von Fischen stammen aus den Jahren 1947 bis 1960. „Wie so oft war der Krieg Vater und Antrieb der wissenschaftlichen Untersuchungen der Laute unter Wasser“, erklärt Bioakustiker Ladich. „Nicht nur U-Boot-Besatzungen waren daran interessiert zu erfahren, bei welchen Geräuschen sie es mit einem feindlichen Submarine zu tun hatten und wann mit einem Fischschwarm.“ Während der Gesang der Wale kaum Anlass zur Verwechslung gab, konnte die Brautwerbung der Pistolenkrebse oder das Knattern von Soldatenfischen nämlich schon für einige Verwirrung an Bord sorgen. Mit gespitzten Ohren
  

Die meisten Fische sind aber nicht nur hervorragende Redner, viele sind auch gute Zuhörer. Und dafür müssen sie nicht mal ihre vorhandenen Ohren sonderlich spitzen. ?Das Hörvermögen vieler Arten, zum Beispiel von Welsen oder Karpfen, ist mit dem unseren im unteren Frequenzbereich durchaus vergleichbar?, erzählt Ladich.

Der heimische Gründling, ein Verwandter der Karpfen und Goldfische, erzeugt bei kleinen Reibereien mit Artgenossen Knarr-Laute.

Warum einige Fischarten besser hören können als andere – sie besitzen trommelfell-ähnliche morphologische Strukturen zur Verbesserung ihres Hörvermögens –, erklärt sich Ladich so: „Es ist nicht etwa so, dass sie auch mehr kommunizieren – Clownfische sind zum Beispiel Quassler, hören aber schlecht. Sondern sie sind dort, wo sie leben, auf ihr Gehör angewiesen, um sich z.B. zu orientieren oder vor Fressfeinden zu schützen. Forellen etwa hören dagegen schlecht, in ihren sprudelnden Bächen würde ihnen ein besseres Gehör kaum etwas nützen.“ Und unsere Goldfische? „Haben ein exzellentes Gehör. Man darf also ruhig mit ihnen sprechen.“ Allerdings sollte man keine Antwort erwarten. Goldfische sind nämlich tatsächlich stumm. (dan) Institut für Zoologie
„Stummer Fisch? Tauber Fisch!“

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