Er war der Inbegriff österreichischer Literaturwissenschaft. Wendelin Schmidt-Dengler, der am Sonntag, 7. September 2008 im Alter von 66 Jahren völlig überraschend an einer Lungenembolie starb, war vieles: bekannter, begeisterter und begeisternder Germanist, der Vorträge hielt, die Lust auf Literatur und aufs Lesen machten, streitbarer Intellektueller, Kritiker mit spitzer Zunge, Lehrender, der von seinen Studierenden als Professor und als Mensch sehr geschätzt wurde, Wissenschafter mit großen Verdiensten, durch seine Radiobeiträge und Rezensionen als Literaturvermittler auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt und nicht zuletzt einer der prominentesten Rapid-Fans und Fußballexperte.
Die Bandbreite seiner Funktionen im österreichischen Literaturleben und im Wissenschaftsbetrieb und die Begeisterung und Kompetenz, mit der er sie ausübte, war einzigartig groß. Ebenso wie die Lücke, die er hinterlässt.
"Wir verlieren nicht nur einen großartigen Wissenschafter, sondern auch einen Freund und einen Kollegen, der unser Institut und die österreichische Germanistik wesentlich geprägt hat", schreibt Michael Rohrwasser, stellvertretender Vorstand des Instituts für Germanistik, in der Nachricht über den Tod Wendelin Schmidt-Denglers.
"Die Universität Wien verliert einen ihrer bekanntesten Literaturwissenschafter, der weit über die Grenzen der Universität Wien hinaus wirkte. Prof. Wendelin Schmidt-Dengler begeisterte die Studierenden für sein Fach und vermochte diese Begeisterung für die Wissenschaft weit in die Gesellschaft hineinzutragen. Sein Wirken für die Germanistik, die Universität Wien und die Wissenschaft insgesamt bleibt unvergessen", so Georg Winckler, Rektor der Universität Wien.
Werner Welzig, langjähriger Kollege Schmidt-Denglers am Institut für Germanistik und von 1993 bis 2001 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, charakterisiert den Verstorbenen so: "Er war Hochschullehrer, Wissenschafter und Literaturkritiker." Seine Darstellung der Literatur sei so lebendig gewesen, "dass er viele Leute aus anderen Fächern angezogen hat, die sonst der Literatur eigentlich indifferent gegenübergestanden sind".
Klassische Philologie - und die Liebe zur Literatur
Am 20. Mai 1942 in Zagreb als Sohn eines Fabrikanten geboren, über die Steiermark nach Wien gekommen, wollte er trotz seiner Liebe zur Literatur zunächst nicht Germanistik studieren - eben um diesen Bereich für sich zu behalten. Er tat es schließlich doch, als Nebenfach, und promovierte 1965 an der Universität Wien in Klassischer Philologie über die "Confessiones" des Aurelius Augustinus. Die Liebe zu den Alten Römern und Griechen ist ihm geblieben: 1974 habilitierte er sich über die Wirkungsgeschichte antiker Mythologeme in der Goethezeit, ein Thema, das er auch in seinen Vorlesungen immer wieder aufgriff.
Dass er im Anschluss nicht als Lehrer ans Gymnasium ging, sondern ihm 1966 eine Assistentenstelle am Institut für Germanistik angeboten wurde, sei Zufall gewesen, sagte er einmal. Und so habe sich dann Chance um Chance ergeben: 1980 wurde er Außerordentlicher Professor, 1989 Ordentlicher Professor, später auch (wie zuletzt wieder) Institutsvorstand. Gastprofessuren führten ihn an die Universitäten in Stanford, Pisa, Neapel, Klagenfurt, Salzburg und Graz.
Im Zentrum seiner Arbeit stand die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, die österreichische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Wirkungsforschung der Antike. Der Nestroy-, Heimito-von-Doderer- und Thomas-Bernhard-Spezialist erhielt im Laufe seiner langen wissenschaftlichen Laufbahn zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1968 den Theodor-Körner-Preis, 1978 den Förderungspreis der Gemeinde Wien, 1994 den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik, 1997 den Preis für Sozial- und Geisteswissenschaften der Stadt Wien. Schmidt-Dengler veröffentlichte einige Monographien (etwa zur österreichischen Literatur, zu Thomas Bernhard, zu Ernst Jandl, zu J. N. Nestroy) und hunderte wissenschaftliche Aufsätze und Essays.
Volle Hörsäle, Engagement in Uni-Politik
Seit den 1960er Jahren war die Universität Wien seine Heimat: Schmidt-Dengler war nicht nur ein Garant für volle Hörsäle, sondern auch für launige Bemerkungen und engagiertes Handeln in der Uni-Politik. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten war er seit Juni 2006 Mitglied des Senats, "für dessen Anliegen er sich, trotz seiner vielfältigen anderen Verpflichtungen, mit großem Engagement eingesetzt hat", schreibt Senatsvorsitzender Gerhard Clemenz in Reaktion auf Schmidt-Denglers Tod.
Tausende Germanistik-StudentInnen hat er über die Jahrzehnte mit profunder Sachkenntnis, sichtbarer Begeisterung und kurzatmigem Vortrags-Stakkato mit der Vielfältigkeit der österreichischen Literaturlandschaft vertraut gemacht. Wie wichtig ihm eine fundierte Ausbildung der Studierenden war, zeigt sein Engagement bei zwei laufenden Doktoratsprogrammen an der Universität Wien: dem Initiativkolleg "Kulturen der Differenz" sowie dem Doktoratskolleg "Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe".
Was ihn bei Studierenden und in der Öffentlichkeit gleichermaßen beliebt machte: Seine Fähigkeit, die aktuelle Relevanz der Literatur - der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit - für jeden sichtbar zu machen. Nicht zuletzt für diese Fähigkeit wurde er im Jänner als "Wissenschafter des Jahres" ausgezeichnet. Nicht zuletzt dafür hätte er bei der heurigen Frankfurter Buchmesse den "Preis der Kritik" erhalten sollen.
Dass er neben seiner herausragenden akademischen Karriere auch ein öffentlichkeitswirksamer Literaturkritiker war, der Beiträge fürs Radio mitgestaltete und Rezensionen für Zeitschriften schrieb, erklärte er einmal damit, dass man als Assistent nicht viel verdient habe und er sich mit Rezensionen etwas dazuverdienen konnte.
Literaturarchiv
1996 übernahm er die Leitung des damals neu gegründeten Literaturarchivs an der Österreichischen Nationalbibliothek, das er zu einer der bedeutendsten Literaturinstitutionen im deutschen Sprachraum ausbaute. Er betreute die Vor- und Nachlässe vieler österreichischer Schriftsteller, gab Werke von Herzmanovsky-Orlando bis Albert Drach heraus, seit 2003 auch die auf 22 Bände angelegte Werkausgabe von Thomas Bernhard (Suhrkamp). 2009 wollte Schmidt-Dengler die Leitung des Literaturarchivs abgeben, als Universitätsprofessor emeritieren und die Werke von Joseph Hammer-Purgstall neu herausgeben. Auch die Einrichtung eines Literaturmuseums in der Nationalbibliothek konnte er nicht mehr zu Ende führen.
Wendelin Schmidt-Dengler hinterlässt seine Frau Maria, langjährige Mitarbeiterin der Dienstleistungseinrichtung Forschungsservice und Internationale Beziehungen an der Universität Wien, drei erwachsene Kinder und Enkelkinder. (mh/APA)
Die Trauerfeier für Wendelin Schmidt-Dengler findet am 18. September 2008 statt. Der Verstorbene wird um 14 Uhr in der Aufbahrungshalle 2 des Wiener Zentralfriedhofs eingesegnet. Anschließend findet die Beerdigung statt. Die Heilige Messe wird im Dom zu St. Stephan (Wr. Neustädter Altar), am Samstag, 20. September 2008, um 9 Uhr gelesen.
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