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Verleihung des Michael-Mitterauer-Preises 2005
Wiener Adressen - Die Einführung der Hausnummern
Forschungsprojekte
Anton Tantner am 22. Juli 2002

Nicht als Hilfsmittel für die in der Stadt lebenden Menschen oder für Reisende, sondern zum besseren Zugriff auf künftige Soldaten wurde 1770 bis 1771 ein neues, auf numerischer Basis funktionierendes Adressierungssystem in Wien eingeführt.

Bereits im Mai 1753 war in Wien die Nummerierung der Häuser diskutiert worden, damals als begleitende Maßnahme zu einer Polizeireform. Der skeptischen Bevölkerung sollte die Hausnummerierung als Mittel zur Verbrechensbekämpfung angepriesen werden, ausgeführt wurde sie jedoch nicht. Erst Mitte der 1760er Jahre wurde sie wieder erörtert, diesmal zur Erleichterung der Steuereintreibung sowie der Rekrutierung. Die endgültige Entscheidung fiel schließlich im Jahr 1769: Als erster Schritt zu einem neuen Rekrutierungssystem sollte in den böhmischen und österreichischen Ländern der Habsburgermonarchie mit Ausnahme Tirols und Vorderösterreichs eine neue Volkszählung - eine sogenannte Seelenkonskription - stattfinden, gleichzeitig waren die Häuser zu nummerieren.  

Die Farbe Rot

Die Nummern waren ohne Verwendung eigener Schilder direkt an die Hausmauern oberhalb der Hauseingänge aufzumalen. Im Gegensatz zu den anderen Städten und Dörfern der Monarchie wurde in Wien dabei nicht schwarze, sondern rote Farbe verwendet, wie sich an manchen Häusern im ersten Bezirk (z. B. Ballgasse 8, Kohlmarkt 11) noch erkennen lässt. Die Durchführung dieses aufwändigen Geschäfts begann in Wien am 11. Oktober 1770, beendet wurde es im April 1771. Eine aus sieben Männern bestehende "Lokalkommission" durchstreifte in diesen Monaten die Stadt, nummerierte die Häuser, befragte deren BewohnerInnen und trug die Antworten in vorgedruckte Formulare ein. Kein leichtes Unterfangen, waren doch insbesondere manche Adlige und Gesandte keineswegs erfreut ob des Umstands, dass ihre Häuser genauso wie die der Untertanen staatlich erfasst wurden. Begonnen wurde die Beschreibung mit der Hofburg, der die Nummer 1 verpasst wurde; nach Abschluss der Nummerierung durchzog eine aufsteigende Zahlenkette die Residenzstadt. Das erste nach der Nummerierung veröffentlichte Häuserverzeichni?s gibt 1343 nummerierte Häuser an. Die hier abgebildete Nummer 1379 (Köllnerhofgasse 3) bekam ein in den Jahren 1792/93 errichteter Neubau.

Reterritorialisierung mittels Namen und Nummern

In unmittelbaren Zusammenhang mit der Nummerierung stand eine weitere Innovation: Der gesetzlich geregelte Zuname. Ein am 15. Dezember 1770 erlassenes Hofdekret verpflichtete nicht nur die HausbesitzerInnen dazu, die Hausnummern auch im Inneren der Häuser anzubringen, sondern verbot darüber hinaus den Untertanen, ihren bei der Geburt bekommenen Zunamen eigenständig abzuändern. Damit sollte eine Praxis eingeschränkt werden, die das Auffinden der in den Konskriptionstabellen erfassten Personen gefährdete.  Die Seelenkonskription zielte damit auf eine Reterritorialisierung von Subjekten ab, die nicht zuletzt durch die Erosion des Feudalsystems von ihrem Grund getrennt worden waren. Noch einmal verfeinert wurden diese Methoden im Jahr 1777 durch Einführung der Türnummern, die zeitgenössisch als "Familiennummern" bezeichnet wurden.

Hausschilder und Orientierungsnummern

Die Hausnummern waren keineswegs das erste Adressierungssystem, das in Wien Verwendung fand. Vor ihrer Einführung dienten insbesondere Hausschilder zur Identifizierung und Auffindung der Häuser. Diese hatten allerdings einen gravierenden Nachteil: Mit dem zunehmenden Wachstum der Stadt sowie der Vorstädte stieß der Einfallsreichtum bei der Motivwahl für die Schilder an seine Grenzen, auch Namenskreationen wie "Zum goldenen ABC" oder "Zum weißen Elephanten" konnten nicht verhindern, dass manche Bezeichnungen mehrfach vorkamen. So gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien samt Vorstädten 29 Häuser, die mittels ihres Schilds als Haus "zum schwarzen Adler" bekannt waren und somit verwechselt werden konnten. Mit Hilfe der Konskriptionsnummern wu?rden diese Uneindeutigkeiten beseitigt, eine dauerhafte Lösung waren sie jedoch nicht: Neubauten, Häuserzusammenlegungen und -abrisse brachten die durchgehende Zahlenreihe in Unordnung, 1795 und 1821 mussten Umnummerierungen vorgenommen werden. Die Stadterweiterung der folgenden Jahrzehnte sollte dieses Problem nur noch weiter verschärfen, und so wurde ab 1862 ein zusätzliches Adressierungssystem eingeführt, nämlich die heute noch gebräuchlichen straßenweisen Orientierungsnummern. Mitausgetüftelt hatte das System der Unternehmer Michael Winkler, dessen Schilderfabrik nicht nur die Hausnummerntafeln erzeugte, sondern auch die neuen Straßentafeln, die gleichzeitig an den Häusern angebracht wurden.

Die Beharrlichkeit der Nummern

Die Konskriptionsnummern, nunmehr auch als Grundbuch-Einlagezahlen bezeichnet, wurden in den Bezirken eins bis neun einmal noch, bei der Neuanlage der Grundbücher ab 1874 geändert und sind zuweilen bis heute im Inneren der Häuser angebracht. Eine besondere Beharrungskraft hatten die unter Maria Theresia eingeführten Konskriptionsnummern übrigens in der Tschechischen Republik: Dort sind sie in vielen Städten und Dörfern zusammen mit den Orientierungsnummern an den Häusern befestigt und werden für manche Verwaltungsabläufe immer noch herangezogen.

Weitere Informationen und Illustrationen finden Sie in der vom Autor eingerichteten Galerie der Hausnummern: mailbox.univie.ac.at/Anton.Tantner/hausnummern/ 

Der Autor ist Universitätslektor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Projektmitarbeiter am Institut für Geschichte der Universität Wien.

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