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Die beiden Sprach-wissenschafter Joachim Matzinger und -


Stefan Schumacher untersuchen das Altalbanische, das eine zentrale Rolle im Balkansprachbund spielen soll.


Karte des albanischen Sprachraums. Quelle: Wikipedia


Institut für Sprachwissenschaft (Indogermanistik)der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät      
Wiener Linguisten erforschen Balkansprachen
Forschungsprojekte
Simone Kremsberger (Redaktion) am 27. Februar 2007

Mehr darüber zu erfahren, wie Sprache funktioniert - diese Motivation treibt die beiden Linguisten Stefan Schumacher und Joachim Matzinger in ihrer Forschungsarbeit an. Als Untersuchungsgegenstand ihres aktuellen FWF-Projekts haben sie sich mit dem Altalbanischen eine Sprache ausgesucht, die von der Wissenschaft bislang vernachlässigt wurde. Zu Unrecht: Denn das Albanische ist eine zentrale Sprache des Balkansprachbundes, lautet ihre These, und hat die Entwicklung der anderen Balkansprachen beeinflusst.

Mit ihrer Arbeit wollen PD Dr. Stefan Schumacher und Dr. Joachim Matzinger vom Institut für Sprachwissenschaft (Indogermanistik) an eine österreichische Forschungstradition anknüpfen. Die Albanologie, heute im deutschsprachigen Raum mit nur einer Professur in München vertreten, hatte in Österreich einen bedeutenden Vertreter: Norbert Jokl, Professor und Bibliothekar an der Universität Wien, gilt als "Vater der Albanologie". Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Jokl 1938 aus dem Dienst entlassen. 1942 wurde er deportiert und kam ums Leben. Seine wertvolle Privatbibliothek wurde beschlagnahmt und ging an die Österreichische Nationalbibliothek.

Traditionslinie der Albanologie weiterführen

"Seither war die Traditionslinie der Wiener Albanologie unterbrochen", schildert Joachim Matzinger. "Wir wollen sie mit neuen Forschungsmethoden weiterführen." In dem FWF-Projekt "Das altalbanische Verbum im balkanischen Kontext" untersuchen die beiden Sprachwissenschafter das Verbalsystem des Altalbanischen und widmen sich sowohl seiner synchronen Systematik als auch der diachron-etymologischen Perspektive.

Austausch zwischen Balkansprachen

Albanisch, das einen eigenen Zweig in den indogermanischen Sprachen darstellt, gehört mit Neugriechisch, Bulgarisch, Mazedonisch und Rumänisch zum Balkansprachbund. Diese Sprachen weisen gemeinsame Wörter und Strukturen auf. Matzinger: "Es ist viel Austausch passiert. An den multilateralen Beeinflussungen der Sprachen sieht man, dass die Sprecher viel miteinander zu tun hatten, etwa im Handel oder in der Weidewirtschaft."

Zentrale Rolle des Albanischen

Schumacher und Matzinger vertreten die These, dass das Albanische eine zentrale Rolle im Balkansprachbund spielt. Sie wollen zeigen, was am Albanischen typisch für die Balkansprachen ist. "Dass der bestimmte Artikel im Rumänischen, Bulgarischen und Mazedonischen nachgestellt wird, ist vermutlich vom Albanischen ausgegangen, wo der nachgestellte bestimmte Artikel seit der Antike vorhanden war", sagt Stefan Schumacher. "Vermutlich" deswegen, weil Albanisch erst im 16. Jahrhundert verschriftlicht wurde. Frühere Sprachstufen können zum Teil rekonstruiert werden.

Katholische Literatur

Die altalbanische Literatur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert - fast ausschließlich katholisch-religiöse Literatur - bildet den Textkorpus der beiden Wissenschafter. Rund 1500 Druckseiten der altgegischen Autoren Buzuku (1555), Budi (um 1620), Bardhi/Blanchus (1635), Bogdani (1685) sowie der beiden alttoskischen Autoren Matrënga (1592) und Variboba (1762) wurden digitalisiert.

Vernachlässigte Texte

Diese Texte wurden bisher kaum erforscht - denn alle Vorzeichen standen schlecht: "Es gab lange keine Beschäftigung mit alter Literatur. Nach dem Ende der italienischen Besatzung Albaniens (1939–944) war die römisch-katholische Kirche diskreditiert und katholische Literatur tabuisiert. 1944 kam der Kommunismus, unter dem Albanien 1967 zum atheistischen Staat erklärt wurde", erläutert Schumacher: "Erst seit Ende des Kommunismus 1991 herrscht ein liberaleres Klima und die Literatur wird wieder wahrgenommen; für die wissenschaftliche Beschäftigung ist aber weder das nötige Geld noch das Backgroundwissen über den Katholizismus vorhanden."

Untersuchung des Verbalsystems

So kommt es, dass sich nun die beiden Wiener Linguisten die Balkanliteratur vorgenommen haben. In den nächsten Arbeitsschritten werden sie aus den altalbanischen Texten die Verbalformen herausfiltern, mit ihren spezifischen Eigenschaften dokumentieren und nach Kategorien gliedern. Darüber hinaus wollen sie den Versuch einer etymologischen Bestimmung der Verben anstellen.

Erkenntnisse für alle Disziplinen der Sprachwissenschaft

Schließlich werden die Ergebnisse den Verbalsystemen der anderen Balkansprachen gegenübergestellt. "Was ist spezifisch balkanisch? Wo strahlt das Albanische in den Balkansprachbund aus?", nennt Schumacher die Leitfragen. Damit sollen die Erkenntnisse aus dem Projekt nicht allein der Albanologie, sondern auch der Indogermanistik und der Sprachwissenschaft insgesamt zugute kommen. (sk)


Das Forschungsprojekt "Das altalbanische Verb im balkanischen Kontext" wird vom FWF gefördert. Projektleiter Dr. Stefan Schumacher und Mitarbeiter Dr. Joachim Matzinger vom Institut für Sprachwissenschaft (Indogermanistik) haben ihre Forschungen im September 2006 begonnen, das Projekt läuft bis 1.9.2009.  

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