Transnationale Räume entstehen im Zuge der weltweiten Migrationsbewegungen und stellen den Nationalstaat zunehmend in Frage. Mitten in Wien haben türkische MitbürgerInnen ihren eigenen Markt und sprechen Türkisch, wenn sie einkaufen. Überseechinesen feiern ihr Frühlingsfest in Wien, während immer mehr ÖsterreicherInnen zu chinesischen ÄrztInnen gehen, um sich im Sinne der traditionellen chinesischen Medizin behandeln zu lassen. Auf diese Weise entstehen neuartige Verflechtungen zwischen Österreich, Europa und dem Rest der Welt.
Im Zuge dieser Entwicklung geht die heutige Migrationsforschung davon aus, dass die MigrantInnen ihre Heimatkultur nicht vollständigen ablegen, sobald sie sich an ihrem neuen Lebensort eingelebt haben. Es gilt vielmehr die Annahme, dass sich MigrantInnen am Zielort in der Auseinandersetzung mit den jeweils örtlichen Gegebenheiten und zusammen mit anderen MigrantInnen einen spezifischen Lebensraum schaffen, der alle Charakteristika der Transnationalität trägt.
Transnationale Kommunikation: Forschungsfeld für KulturwissenschafterInnen
Genau an diesem Punkt setzen verschiedene Fachrichtungen an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät mit ihrer Forschung einen neuen Akzent. In verschiedenen Fächern wie in den Afrikawissenschaften, der Islamwissenschaft, der Turkologie, der Sinologie und der Slawistik nutzen WissenschaftlerInnen ihre Kenntnisse fremder Sprachen und Kulturen, um vor Ort die Entstehung transnationaler Räume zu erforschen.
Kommunikation ist das wichtigste Mittel der Konstruktion sozialer Räume. Die Vielfalt der Erst-, Zweit- und Drittsprachen, die Existenz von Internetforen, Wochenzeitungen, Radio usw., aber auch die Probleme der Kommunikation zwischen Staat und MigrantIn, zwischen ÄrztInnen und MigrantInnen oder zwischen SchülerInnen mit Migrationshintergrund und LehrerInnen prägen den transnationalen Raum - das Forschungsfeld - in positiver und negativer Weise.
Vortrag von Mark Terkessidis vom Institut for Studies in Visual Culture
Am Freitag, 21. Jänner 2011, 19.30 Uhr, hält Mark Terkessidis (geb. 1966) vom Institut for Studies in Visual Culture (Köln) am Campus den Vortrag "Das Programm Interkultur". Dabei erläutert Terkessidis, der als Publizist mit den Schwerpunkten Popkultur und Migration arbeitet, die Thesen seiner letzten Publikation, "Interkultur" (Suhrkamp, 2010): Terkessidis plädiert für eine radikale interkulturelle Öffnung. Alle Institutionen müssten darauf geprüft werden, ob sie Personen, egal welcher Herkunft, auch tatsächlich die gleichen Chancen auf Teilhabe einräumen. Nur so können die Potentiale einer vielfältigen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden.
Anschließend an den Vortrag findet eine Podiumsdiskussion mit Mark Terkessidis statt. Daran nehmen teil: Elisabeth Büttner (Filmwissenschafterin, Universität Wien), Andrea Riemenschnitter (Sinologin, Universität Zürich), Andrea Seidler (Finno-Ugristin, Universität Wien). Moderation: Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Dekanin der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Buchpräsentation mit Lesungen als Projekt-Zwischenbericht
Zur Eröffnung des wissenschaftlichen Workshops wird der Sammelband "Polyphonie - Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität" (herausgegeben von Michaela Bürger-Koftis, Hannes Schweiger und Sandra Vlasta, Wien: Praesens Verlag, 2010) am Donnerstag, 20. Jänner 2011, 19.30 Uhr, im Amerlinghaus (Stiftgasse 8, 1070 Wien) vorgestellt:
Mit der Publikation werden erste Ergebnisse des Forschungsprojekts "Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität" vorgelegt. Das Verhältnis von Mehrsprachigkeit und literarischer Kreativität wird aus Sicht der Biographie- und Mehrsprachigkeitsforschung sowie der Kognitions- und Literaturwissenschaft, der Neurolinguistik, interkulturellen und angewandten Linguistik sowie der Komparatistik von jeweiligen FachvertreterInnen dargestellt. Bei der Präsentation lesen die beiden AutorInnen Seher Çakır und Semier Insayif eigene Texte und diskutieren zum Thema Mehrsprachigkeit in der Literatur. Moderation: Hannes Schweiger (Germanist, Universität Wien)
Forschungsprojekt "Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität"
Im Rahmen des Forschungsprojekts "Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität" macht es sich die 2007 in Wien gegründete Forschungsgruppe, die sich größtenteils aus WissenschaftlerInnen aus Österreich, Deutschland und Italien zusammensetzt, zum Ziel, die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Mehrsprachigkeit und literarischer Kreativität (vorerst am Beispiel der deutschsprachigen "Migrationsliteratur") systematisch und aus interdisziplinärer Perspektive zu untersuchen. (vs)
Der Workshop wird vom Institut für Ostasienwissenschaften (Sinologie) und der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft organisiert.
Vortrag "Das Programm Interkultur" Freitag, 21. Jänner 2011, 19.30 Uhr Campus der Universität Wien, Hörsaal C2, Hof 2 Spitalgasse 2, 1090 Wien
Buchpräsentation "Polyphonie - Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität" Donnerstag, 20. Jänner 2011, 19.30 Uhr Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien
Programm und weitere Information
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