WWW-Cluster "Literatur im Kontext" |
| Forschungsprojekte |
| Simone Kremsberger (Redaktion) am 25. August 2004 |
Wie wird Elfriede Jelinek im Ausland rezipiert und ist Cees Nooteboom, Träger des Österreichischen Staatspreises für Literatur, auch in seiner niederländischen Heimat ein Star? Diese Fragen und viele mehr beantwortet das Internet-Tool "Literatur im Kontext", ein Projekt des Nederlandisten Univ.-Prof. Mag. Dr. Herbert Van Uffelen. Ausbau und Kooperation mit anderen Instituten der Universität Wien sind erwünscht. |
"Literatur kann man nicht ausschließlich national betrachten", davon ist Univ.-Prof. Mag. Dr. Herbert Van Uffelen, Leiter der Abteilung Nederlandistik am Institut für Germanistik der Universität Wien, überzeugt. "Viele Aspekte zeigen sich erst im Vergleich mit anderen Literaturen." WWW-Cluster zeigt Wechselbeziehungen Musste man bislang stapelweise Bücher wälzen, um Anhaltspunkte für Wechselbeziehungen zwischen AutorInnen und Literaturen zu finden, so genügen nun ein paar Mausklicks. Das Nederlandistik-Projekt "Literatur im Kontext", vom FWF und der Europäischen Kommission gefördert, präsentiert als flexibler WWW-Cluster europäische Literatur im Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts. Hauptaugenmerk liegt auf den Verbindungen von deutschsprachiger und niederländischer Literatur, im Teil "Literatur der Wende" finden auch ungarische, polnische, slowakische und slowenische Texte Berücksichtigung. Bewegliche Grenzen Die AutorInnen werden im geographischen, zeitlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und literarischen Kontext präsentiert. Bei jedem Autor und jeder Autorin sind Informationen zur Biographie, eine Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur, eine Beschreibung der Poetik, Informationen zu Briefkontakten, zur Rezeption im In- und Ausland, zum Einfluss auf in- und ausländische AutorInnen sowie Foto- und Textmaterialien abzurufen ? und das auf Deutsch, Englisch und Niederländisch. Die Texte und Dossiers zu "Literatur der Wende" sind auf Englisch, Niederländisch und in der jeweiligen Sprache des Autors zu lesen. "Das System generiert sich selbst, indem es einzelne Elemente in Beziehung bringt und selbstständig Verknüpfungen präsentiert, die auch für uns überraschend sein können", schildert Van Uffelen. "Damit hoffen wir, bewegliche Grenzen, Einflüsse und eine Dynamik aufzeigen zu können, die in der Einzelbetrachtung nicht sichtbar werden." Niederländische und österreichische Literatur im Kontext Eine wichtige Quelle für Daten zur niederländischen Literatur stellte die "Dokumentationsstelle zur niederländischen Literatur im Ausland" dar, die Van Uffelen in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. "Die niederländische Literatur ist im deutschen Sprachraum heute recht erfolgreich", stellt der Nederlandistik-Leiter fest. Ein Erfolgsbeispiel ist der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, dem kürzlich der Österreichische Staatspreis für Literatur 2003 verliehen wurde. Doch Erfolg im Ausland bedeutet nicht gleichzeitig Renommee im Herkunftsland: "Nooteboom ist in den Niederlanden immer noch nicht der Star ? im Gegensatz zu Harry Mulisch, den man in seiner Heimat hoch schätzt. Vergleichbares gilt für Connie Palmen, die international ein hohes Ansehen genießt, während sie in den Niederlanden längst nicht immer ernst genommen wird." Die deutschsprachige Literatur wiederum hat in den Niederlanden und Flandern immer einen hohen Status gehabt. "Doch die Selbstverständlichkeit, mit der man früher über die große deutsche Literatur gesprochen hat, besteht heute nicht mehr", merkt Prof. Van Uffelen an. Interessant ist, dass mit Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek gerade österreichische "Anti-Stars" der österreichischen Literaturszene in den Niederlanden punkten. Virtuelle Lehrveranstaltung an drei Universitäten Im September läuft die erste Phase des Projekts aus. Nächster Schritt ist ein Cluster zur Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) für deutschsprachige, englische, polnische, ungarische, tschechische, slowakische, slowenische und sogar spanische Literatur. Mit Beginn des Wintersemesters 2004/05 wird das System erstmals in der Lehre eingesetzt: Van Uffelen hat eine virtuelle Lehrveranstaltung zur niederländischen Literatur nach 1945 konzipiert, die gleichzeitig an den Universitäten Wien, Budapest und Debrecen abgehalten wird. Kooperation innerhalb der Universität Wien erwünscht Ziel des Nederlandistik-Leiters ist es nun, das Projekt innerhalb der Universität Wien weiter auszubauen: "Ich wünsche mir eine intensivere Kooperation mit mehreren Instituten, damit wir im eigenen Haus mit vereinten Kräften an diesem Cluster arbeiten können." Herbert Van Uffelen kann sich Kooperationen mit Instituten wie Slawistik, Skandinavistik, Romanistik, aber auch Geschichte oder Kunstgeschichte vorstellen ? "vielleicht in Form einer Forschungsplattform". Ein Erfolgsprojekt ist "Literatur im Kontext" mit bislang 500 präsentierten AutorInnen und cirka 15.000 Zugriffen pro Tag schon jetzt. (sk) Ein Band mit dem Titel "Literatur im Kontext" erscheint im Herbst bei Edition Praesens (Wien). |
