"1945 erinnern" ? Schreiben über das Kriegsende und die Jahre danach |
| 1945-55 |
| Michaela Hafner (Redaktion) am 4. Juli 2005 |
Die Kriegszeit und die Zeit zwischen 1945 und 1955 hat bei allen, die sie erlebt und überlebt haben, Spuren hinterlassen. Solche Spuren aufzuspüren ist Ziel des Projekts "1945 erinnern" der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. |
"1945 war in den Texten, die die 'Doku' seit über 20 Jahren sammelt, immer schon ein gewichtiges Thema. Doch zum Teil sind es sehr ähnliche, stereotyp abgeflachte Geschichten, die überliefert werden. Wir glauben nicht, dass das alles ist, was es über die Nachkriegszeit zu erzählen gäbe", fasst Mag. Günter Müller von der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" die Intention des Projekts zusammen. "Wir möchten die Erinnerungen an diese Zeit vertiefen, bisher tabuisierte Geschichten an die Oberfläche holen." Broschüre mit Tiefgang Zum Schreiben ermutigt werden sollen ältere Menschen durch eine Broschüre, die Ende Juli erscheinen wird. Dafür wurden besonders pointierte, eindrucksvolle Textausschnitte aus der Sammlung und vor allem Themen ausgewählt, die im gegenwärtigen Diskurs nicht so geläufig sind, erzählt Mag. Müller: Verlust oder jahrelange Trennung von Angehörigen, die Problematik der Heimkehr in eine oft fremd gewordene "Heimat", Spannungen zwischen Nachbarn, zwischen ehemaligen politischen Gegnern, zwischen Tätern und Opfern des NS-Regimes usw. Ein bisher wenig erforschtes Thema sind auch die karitativen Kinderverschickungen ab Herbst 1945, durch die mehr als 100.000 Kinder für Monate von ihren Angehörigen getrennt Erholungsaufenthalte in verschiedenen europäischen Ländern verbrachten. "Verschickt in die Schweiz. Kriegskinder entdecken eine bessere Welt" wird eine in wenigen Monaten erscheinende Veröffentlichung in der von emer. Prof. Michael Mitterauer begründeten Reihe "Damit es nicht verloren geht ... " heißen, die sich dieses Themas annimmt. Alltag im Ausnahmezustand Durch die Broschüre sollen andere angeregt werden, lebensgeschichtliche Erinnerungen aufzuschreiben. Besonders interessiert ist die Sammlung an Erzählungen, die nicht am dramatischen äußeren Geschehen haften bleiben, sondern auch den persönlichen "Alltag im Ausnahmezustand", den konkreten Umgang mit Ausnahmesituationen und die individuellen, familiären oder gemeinschaftlichen Formen ihrer Bewältigung sichtbar machen, über Flucht, Vertreibung und andere erzwungene Ortswechsel, erlittene oder zugefügte Gewalt, aber auch Veränderungen in Familienbeziehungen berichten. "Wie hat sich der aus dem Krieg bzw. aus der Gefangenschaft heimkehrende Vater/Ehemann seiner Familie gegenüber verhalten? Wie sind ehemalige NS-Mitglieder, Verfolgte und Kriegsopfer in ihr soziales Nachkriegsumfeld integriert worden bzw. miteinander umgegangen?", stellt Müller einige Fragen in den Raum. Darüber gebe es kaum schriftliche Dokumente oder Erzählungen. "Ansprechen möchten wir vor allem jene Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen in den Medienberichten rund um das 'Jubiläumsjahr' 2005 nicht ausreichend vertreten sehen", so der Historiker Dr. Gert Dressel, Hauptträger des Projekts "1945 erinnern", das vom Staatssekretariat für Kunst und Medien gefördert wird. Die Medienberichte würden oft an der Oberfläche bleiben und die konkreten Alltagserfahrungen vieler Menschen nicht ausreichend berücksichtigen. "Daneben bleibt vieles im Dunkeln, manches ist bis heute unaussprechlich, weil gesellschaftlich tabuisiert." "Papier ist geduldig ..." Natürlich sei es schmerzvoll, sich unangenehme Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen, gibt Müller zu bedenken. Doch es seien gerade solche Erinnerungen, die bis heute nachwirken und umso mehr ins Bewusstsein drängen, je mehr man sie zu unterdrücken versucht. Eine Methode, um schmerzhafte Erinnerungen zu verarbeiten, ist, das Erlebte aufzuschreiben. Viele Personen, die jahrelang Tagebuch schreiben oder aber erst im Alter mit der Niederschrift ihrer Lebenserinnerungen beginnen, berichten über die große Erleichterung, sich etwas "von der Seele zu schreiben". "Der Großteil der Menschen hatte nach 1945 nicht die Gelegenheit, die Fülle an nicht-alltäglichen Erlebnissen in Erfahrungen umzuwandeln. Das lebensgeschichtliche Schreiben und die kommunikative Weitergabe an andere kann ein Stück weit bei der Bewältigung von traumatischen Erlebnissen helfen", so Mag. Müller. Erwachsenenbildung und Internetseite Neben dem Sammeln und Archivieren der eingelangten Texte organisiert die "Doku" Veranstaltungen in mehreren Bundesländern, die jene Menschen zusammenbringen sollen, die ? aus beruflichen oder privaten Gründen ? Interesse daran haben, sich über die Zeit von 1945 auszutauschen. Eine Website wird ausgewählte autobiographische Texte für den Schulunterricht aufbereiten. Im Herbst wird eine "Radiokolleg"-Reihe auf Ö1 über "1945 erinnern" ? ein gemeinsames Projekt der "Doku", des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität Linz, der Abteilung Kultur- und Wissenschaftsanalyse der Wiener IFF (Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Universität Klagenfurt) sowie des Österreichischen Instituts für Erwachsenenbildung in St. Pölten" ? berichten. (mh) Wenn Sie Aufzeichnungen über die Nachkriegszeit, aber auch über andere Lebensabschnitte, gemacht haben bzw. vorhaben, welche zu machen, können Sie sich an die "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" wenden. Kontakt: Dr. Gert Dressel, Mag. Günter Müller (Tel.: (01) 4277-413 06) Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien E-Mail: doku.wirtschaftsgeschichte@univie.ac.at Radiotipps: Am Dienstag, 5. Juli 2005, sind emer. Prof. Michael Mitterauer und Dr. Gert Dressel zu Gast in "Von Tag zu Tag" (Ö1, 14.05 Uhr) und berichten über das Projekt "1945 erinnern". Bereits diese Woche kommen AutorInnen der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" auf Ö1 zu Wort: Von Montag bis Donnerstag berichten einige von ihnen in "Moment ? Leben heute" (17.10 bis 17.25 Uhr) über die letzten Kriegstage und die Nachkriegszeit. Buchtipps: Anton Partl, Walter Pohl (Hg.): Verschickt in die Schweiz. Kriegskinder entdecken eine bessere Welt. Band 57 der Reihe "Damit es nicht verloren geht ...". Wien/Köln/Weimar: Böhlau (geplant für Herbst 2005) Irene Riegler, Heide Stockinger (Hg.): Generationen erzählen. Geschichten aus Wien und Linz, 1945–955. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2005 |
