Vom Prager Frühling über Vietnamkriegs-Proteste bis zur "Uni-Ferkelei" in Wien: Das Jahr 1968 steht wie kaum ein anderes für das weltweite, zumeist friedvolle Aufbegehren gegen verknöcherte Strukturen, für Utopien von Frieden und der Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen ? und für deren reale Niederschlagung. In Österreich war 1968 weniger revolutionär und intensiv: Hierzulande stellt die Aktion an der Universität Wien das größte "revolutionäre Aufbegehren" dar. |
StudentInnen und KünstlerInnen standen hierzulande im Zentrum jenes Aufbegehrens, das von Flugblättern beim Opernball 1968 bis zur ruppigen Auflösung von Studentenprotesten bei den 1. Mai-Feiern reichte. Für den Höhepunkt des öffentlichen Aufsehens sorgte die Aktion "Kunst und Revolution" an der Universität Wien: Am 7. Juni 1968 im Hörsaal 1 des NIG (Neues Institutsgebäude) zeigten AktionskünstlerInnen wie Otto Muehl, Günter Brus, Peter Weibel oder Valie Export einiges, was wohl auch heute noch für Empörung sorgen würde: Brus sang die österreichische Bundeshymne, während er onanierte, neben Nacktheit wurde auch das Ergebnis von Verdauungsprozessen präsentiert.
Vom Häftling zum Preisträger
Die staatlichen Reaktionen auf die "Uni-Ferkelei" waren ebenso heftig wie die Aktion selbst: Muehl verbrachte einige Wochen in Untersuchungshaft, Brus wurde wegen "Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach zwei Monaten Haft und danach erwirkter Freilassung flüchtete er 1969 nach Berlin. Erst 1976 konnte erwirkt werden, dass seine Haft- in eine Geldstrafe umgewandelt wird. Die Aktion gilt heute als zentraler ? und abschließender ? Moment des Wiener Aktionismus. Und einige der ProtagonistInnen ? auch Brus ? haben inzwischen den Österreichischen Staatspreis bekommen.
Vietnamkrieg, Bürgerrechte und linke Gesellschaftskritik
Nicht zuletzt die ausgebliebene Thematisierung der Nazi-Zeit unterschied die österreichischen 1968er vom deutschen Pendant, wo in Folge auch der RAF-Terror aus den linksgerichteten Protesten entstand. In den USA kam es nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King am 4. April 1968 zu gewalttätigen Krawallen mit Dutzenden Toten, die Anti-Vietnam-Bewegung spaltete die Nation und in Frankreich legte der "Pariser Mai" und der folgende Generalstreik das Land für Wochen lahm. In allen drei Ländern zog die 68er-Bewegungen jedoch etwas nach sich, das nach Meinung vieler in Österreich fehlte: Nachhaltige Folgen. (APA/red)
Chronologie der Ereignisse im Jahr 1968
30. Jänner: Tet-Offensive in Vietnam Am 30. Jänner starten Vietcong-Partisanen ihre Tet-Offensive (benannt nach dem Beginn der Offensive im Monat Tet des vietnamesischen Kalenders) und stürmen Teile der US-Botschaft in Saigon. Erstmals scheint die Weltmacht USA verletzbar und die Kritik sowohl in den USA als auch weltweit an der amerikanischen Vietnampolitik nimmt zu.
16. März: Massaker von My Lai Am 16. März erschießen US-Soldaten in dem südvietnamesischen Dorf My Lai über 500 Menschen, darunter über 170 Kinder. Führende US-Offiziere versuchten das Massaker zu vertuschen. Erst 18 Monate nach dem Kriegsverbrechen erfuhr die Weltöffentlichkeit davon.
3. April: Brandanschläge in Frankfurt In der Nacht zum 3. April werden bei Studentenunruhen zwei Kaufhäuser angezündet. Zu den TäterInnen gehören unter anderem die späteren RAF-TerroristInnen Andreas Baader und Gudrun Esselin.
4. April: Ermordung von Martin Luther King Der US-Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King wird am 4. April in Memphis erschossen. Das Verbrechen löst in über 100 Städten Rassenunruhen und Krawalle aus, in deren Zuge 39 Menschen ums Leben kamen, 2.000 verletzt und 10.000 Personen verhaftet wurden. 11. April: Attentat auf Dutschke Am 11. April feuerte ein junger Hilfsarbeiter drei Schüsse auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke ab. Dutschke wurde bei diesem Attentat schwer verletzt und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. Das Attentat löst schwere Krawalle in Deutschland aus. Der Zorn richtet sich vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag.
3. Mai: Unruhen in Paris Am 3. Mai besetzen StudentInnen die Hörsäle der Pariser Universität Sorbonne, die daraufhin polizeilich geräumt und geschlossen wird. 574 Personen werden in Haft genommen. Am 10. Mai versammeln sich im Quartier Latin 20.000 Studenten zur "Nacht der Barrikaden" und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Die großen Arbeitergewerkschaften schließen sich der Protest-Bewegung an. Am 13. Mai rufen sie einen Generalstreik auf, über eine Million Menschen geht auf den Straßen.
5. Juni: Ermordung Robert Kennedys US-Senator Robert Kennedy, der Bruder von John F. Kennedy und aussichtsreicher Kandidat der Demokraten für die bevorstehende Präsidentenwahl, wird in einem Hotel in Los Angeles angeschossen. Kennedy stirbt einen Tag später.
7. Juni: ''Uni-Ferkelei'' In Österreich ist 1968 vergleichsweise harmlos. Für die größte Aufregung sorgt die Aktion "Kunst und Revolution" an der Universität Wien am 7. Juni. Künstler wie Günter Brus oder Otto Muehl sorgen mit öffentlicher Nacktheit und Notdurft für einen Skandal. Die Aktion ging als "Uni-Ferkelei" in die österreichische Geschichte ein.
21. August: Ende des Prager Frühlings In der Nacht vom 20. auf 21. August besetzen Truppen des Warschauer Pakts die Tschechoslowakei und beenden damit das von Parteichef und Reformator Alexander Dubcek eingeleitete Reformexperiment "Prager Frühling". Zehntausende Menschen fliehen aus dem Land. |