"Die Altersforschung ist eine intensiv wachsende Disziplin, vielmehr ein Konglomerat von Disziplinen", meint O. Univ.-Prof. Dr. Josef Ehmer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. "Es wird allerdings kaum historische Altersforschung betrieben. Hier besteht Aufholbedarf, denn die historische Perspektive ist notwendig, um heutige Phänomene der alternden Gesellschaft zu verstehen." Abhilfe soll das dreijährige Projekt "Labor, Aging and the Elderly: Historical Variations and Trends" schaffen, das Ehmer gemeinsam mit Mag. Dr. Hermann Zeitlhofer im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunkts "Ethische und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns" durchführt.
Push-and-Pull-Effekt am Arbeitsmarkt
Im ersten Projektteil steht der Zeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart im Mittelpunkt. "Die Entwicklung der letzten 150 Jahre zeigt, dass Alter und Erwerbstätigkeit immer weiter auseinanderdriften", schildert Josef Ehmer: "Die Lebenserwartung steigt und die Menschen altern gesünder. Trotzdem scheiden ältere Menschen immer früher aus der Erwerbstätigkeit aus." Der Wissenschafter sieht einen "Push-and-Pull-Effekt": "Einerseits gibt es Faktoren, die die Leute vom Arbeitsmarkt wegziehen; das Pensionssystem ist anziehend für viele. Andererseits werden ältere Menschen vom Arbeitsmarkt verdrängt, vor allem aufgrund von negativen Stereotypen, die es über das Alter gibt." Bislang liegt keine genaue Aufstellung nach Beruf, Qualifikation, Geschlecht etc. vor, weshalb jemand aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet. In dem Projekt soll der Rückgang der Erwerbstätigkeit im Alter nach diesen Kriterien differenziert werden.
"Das Bild des Alters ist alt"
Im zweiten Projektteil werden weiter zurückliegende Perioden in der Geschichte einbezogen - bis zurück in die Antike. "Das Bild des Alters ist alt", sagt Josef Ehmer. "Altersbilder und Altersstereotypen, die aus der Antike stammen, prägen bis heute die Vorstellungswelt." Um diese Bilder zu rekonstruieren, zieht Ehmer literarische Texte (Homer, Komödien von Aristophanes, römische Literatur), philosophische, juristische und politische Texte heran. Darin findet er positive und negative Altersstereotype vor: "Alte sind überlegter, weiser, handeln nicht übereilt; das Alter ist aber auch die Phase des Verfalls, der Mensch nähert sich wieder der Kindheit an, Schönheit und sexuelle Attraktivität verblassen. Aufs Ganze gesehen überwiegen negative Stereotypen." Ehmers Schluss: "Im gesamten Altersdiskurs werden heute kaum Argumente genannt, die nicht damals bereits bekannt waren. Wir denken nicht sehr originell."
Arbeiten, solange es geht
Während das Bild des Alters in den Köpfen der Menschen weitgehend dasselbe geblieben ist, hat sich der Verbleib in der Erwerbstätigkeit durchaus geändert. "Vor dem 19. Jahrhundert arbeiteten die Menschen, solange es ging", weiß der Historiker. Der Rückzug aus der Arbeitswelt passierte graduell. "Ein Römer zog sich etwa aus der Stadtpolitik zurück und widmete sich der Leitung seines Landguts", nennt er ein Beispiel. Oder: "Ein Beamter in der Frühen Neuzeit, der seine Tätigkeit nicht mehr ausführen konnte, blieb formell bis zum Lebensende, suchte sich aber einen Nachfolger als Gehilfen und finanzierte ihn aus seinem Gehalt."
Entstehung des Pensionssystems
Im 19. Jahrhundert begann sich die staatliche Verwaltung zu rationalisieren, individuelle Lösungen wurden schwieriger. "Allmählich wurde es Regel, dass man zu einem kalendarischen Alter ausschied", erläutert Josef Ehmer. In Österreich besteht seit josephinischer Zeit das Modell der Beamtenpension, 1906 folgte eine Ausweitung auf Angestellte (damals Privatbeamte). Die Altersrente für Arbeiter wurde 1938 nach deutschem Modell von den Nationalsozialisten eingeführt und nach 1945 beibehalten.
Probleme der Gegenwart
Die offizielle Altersgrenze für den Pensionsantritt (65 Jahre für Männer, 60 bzw. 65 für Frauen) ist seither relativ stabil geblieben, doch die Realität sieht anders aus: Das faktische Pensionsantrittsalter ist - etwa durch das Instrument der Frühpensionierung - immer niedriger geworden. Hinzu kommt das Problem der Arbeitslosigkeit vor dem Rentenalter: "Dass Leute ab 65 Rente beziehen, bedeutet nicht, dass alle bis dahin Arbeit finden", so Prof. Ehmer. "Das ist ein internationales Problem, das Handlungsbedarf erfordert."
Ehmers Zukunftsutopie
Was die Zukunft der Erwerbstätigkeit angeht, hat Josef Ehmer eine Utopie entwickelt: "Ich fände es sinnvoll, die Möglichkeit für Erwerbstätigkeit im Alter ohne Zwang zu erhöhen und gleichzeitig eine vorgezogene Pensionsmöglichkeit in jüngeren Jahren zu schaffen: Man könnte nicht erst mit 65, sondern mit 30 oder 50 eine befristete Auszeit nehmen und z.B. mit Bildung füllen. Denn je intensiver Menschen gewohnt sind zu lernen, desto stärker ist ihre Lernfähigkeit im Alter." - All das, ohne die Lebensarbeitszeit zu erhöhen.
Doch Ehmer ist sich bewusst, dass die Aufteilung der Arbeit auf das ganze Leben - noch - ein gesellschaftliches Tabu darstellt: "Es herrscht die Ansicht vor: erst die Arbeit, dann das Spiel. Wenn man die Frage in den Raum stellt, das Spiel in die Arbeit zu integrieren oder die Reihenfolge umzudrehen, stößt man an eine Grenze des ethischen Denkens, die schwer zu durchbrechen ist." (sk)
O. Univ.-Prof. Dr. Josef Ehmer und Mag. Dr. Hermann Zeitlhofer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte führen das Projekt "Labor, Aging and the Elderly: Historical Variations and Trends" im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunkts "Ethische und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns" durch. Das Forschungsprojekt startete im Oktober 2006 und läuft bis Ende September 2009. |