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Anatomische Wissenschaft in Wien 1938 - 1945 |
| Wissenschaft und Nationalsozialismus |
| Michaela Hafner (Redaktion) am 28. Mai 2003 |
Ein Senatsprojekt der Universität Wien untersuchte 1998 die Herkunft der Leichen des Anatomischen Instituts von 1938 bis 1945, die Person Eduard Pernkopf und seinen Anatomie-Atlas und nahm eine Überprüfung der Präparate in medizinischen Universitätsinstituten und -kliniken vor. DieUniversitaet.at im Gespräch mit Dr. Gustav Spann und Dr. Peter Malina vom Institut für Zeitgeschichte. |
Nachdem amerikanische und kanadische MedizinerInnen und auch die Gedenkstätte Yad Vashem seit den 1980er Jahren immer wieder Fragen betreffend die Herkunft und Entstehung der Abbildungen im Lehrbuch "Topographische Anatomie des Menschen" von Eduard Pernkopf ("Pernkopf-Atlas") stellten, beschloss der Senat der Universität Wien die Einrichtung eines Forschungsprojekts unter dem Vorsitz des damaligen Rektors Alfred Ebenbauers und des Dekans der Medizinischen Fakultät, Alfred Schütz. Das Projekt "Untersuchungen zur Anatomischen Wissenschaft in Wien 1938 - 1945" (1997/98) hatte die möglichst umfassende Aufklärung der erhobenen Verdachtsmomente zum Ziel: Wurden Opfer des NS-Regimes für die Herstellung von anatomischen Präparaten für Forschung und Lehre am Anatomischen Institut bzw. für das Verfertigen von Abbildungen des "Pernkopf-Atlas" verwendet? Weiters wurden die Präparatesammlungen der Uni-Institute und -Kliniken überprüft, der wissenschaftliche und politische Werdegang von Eduard Pernkopf sowie der Umgang mit sterblichen Überresten von NS-Opfern nach 1945 aufgearbeitet. DieUniversitaet.at sprach mit dem Projektleiter Dr. Gustav Spann und Dr. Peter Malina vom Institut für Zeitgeschichte über die Ergebnisse des Projekts sowie gegenwärtige ethische Probleme im Bereich der Anatomie. DieUniversitaet.at: Ein Ergebnis des Projekts war, dass mindestens 1377 Leichen von Opfern der NS-Justiz - darunter acht Personen jüdischer Herkunft - dem Anatomischen Institut zur wissenschaftlichen Forschung und für den Unterricht übergeben wurden ... Peter Malina: Der Großteil der Hingerichteten und der der Anatomie Übergebenen war in der Widerstandsbewegung aktiv oder des Hochverrats angeklagt. Es gibt auch Hinweise, dass die Gestapo auf dem Schießplatz Kagran Exekutionen durchführte - diese Leichen waren jedoch wegen der Schusswunden "unbrauchbar" und wurden bestattet. Gustav Spann: Über Gerichtsakten konnte rekonstruiert werden, wenn Juden etwas zur Last gelegt wurde, was damals die Todesstrafe bedeutet hätte, sind sie meistens nicht hingerichtet worden, sondern ins KZ gekommen oder ohne Verfahren umgebracht worden. Die acht jüdischen Opfer, die hier dabei sind, waren in der Widerstandsbewegung. Die Rekonstruktion der Fakten war teilweise schwierig, da die wichtigste Quelle zur Erfassung der an das Institut zugewiesenen Verstorbenen, das Leichenbuch, vermutlich durch einen Bombentreffer im Februar 1945 zerstört wurde. DieUniversitaet.at: Ein anderer Punkt des Projekts war, die Biographie von Eduard Pernkopf, der zunächst Dekan (1938-43) und dann Rektor (1943-45) der Universität Wien war, aufzuarbeiten. Malina: Über den Verfasser des Atlas wusste man relativ wenig. Bekannt war seine Nähe zum Nationalsozialismus. Interessant ist die Nachkriegsgeschichte: wie ein prominenter Wissenschaftsfunktionär (Dekan, Rektor) von seiner ungünstigen und belasteten NS-Vergangenheit loszukommen versucht hat. Hier gibt es viele ähnliche Biographien: Leute, die 1938 versuchten nachzuweisen, dass sie immer schon eine Affinität zum Nationalsozialismus gehabt hätten, um in die Partei reinzukommen, und dies 1945 mit Argumenten abstritten, die nicht plausibel waren - z.B. sagten, das Dienstmädchen hätte den Professor ohne sein Wissen angemeldet -, aber damals akzeptiert worden sind. Spann: Ich wüsste keinen, dem viel passiert wäre, nicht einmal Pernkopf selbst. Er wurde zwangspensioniert, konnte aber weiter an seinem Atlas arbeiten, teilweise mit den gleichen Mitarbeitern, und hatte ein Arbeitszimmer am Institut. Die Kollegenschaft hat ihn ganz gut drüber kommen lassen. DieUniversitaet.at: Gibt oder gab es ähnliche Projekte an anderen österreichischen oder deutschen Universitäten? Spann: Es gab Versuche, Projekte dieser Art in Graz und Innsbruck zu machen. Malina: Man muss der Universität Wien zugute halten, dass das Projekt wirklich einmalig ist, weil zwei Jahre ernsthaft, nachdrücklich und sehr intensiv gearbeitet worden ist. Spann: Das Projekt wurde international sehr kritisch beobachtet, z.B. auch von CNN-Journalisten, wir haben daher völlige Offenheit versprochen und gehalten und nachher nur positives Echo geerntet, es gab auch keinerlei Kritik bezüglich der Methode. Uns war wichtig, die Identität der Leichen zu klären, was wir fast lückenlos rekonstruieren konnten. DieUniversitaet.at: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den medizinischen Instituten? Spann: Es gab Fälle, wo die Mediziner nicht wussten, was sie in ihren Präparatensammlungen haben. Gut, Mediziner arbeiten in der Gegenwart und sie haben in der Praxis wenig Interesse an wissenschaftshistorischen Exkursen. Viele Präparate sind erst nach wiederholtem Drängen gefunden worden. Viel an historischem Gedächtnis ist auch durch den Generationenwechsel an Wissenschaftern verlorengegangen. Jedes Präparat ist begutachtet worden; alle, die nicht identifizierbar waren oder wo wir Zweifel bei der Provenienz hatten, sind bestattet worden, teilweise auch wissenschaftlich sehr wertvolle Präparate. Die Leichen der NS-Opfer wurden verwendet für die Lehre und Übungen, für Präparate und den Pernkopf-Atlas. DieUniversitaet.at: Wie sah die Methode von Pernkopf aus? Spann: Die Maler der Atlas-Abbildungen hatten eine eigene Methode der vierfärbigen Darstellung, das war die Attraktion des Atlas. Auch die Präparationsmethoden waren beeindruckend, da nur am "frischen Material" gearbeitet wurde. Es wurde nicht konserviert, daher waren die Farben auch halbwegs original in den Abbildungen. Das macht bis heute die Attraktivität aus, heißt es einstimmig. Dennoch gibt es natürlich Diskussionen unter Ärzten, ob man den Atlas verwenden soll - von verbrennen war da die Rede bis hin zur pragmatischen Lösung, ihn zu verwenden, aber mit dem Hinweis auf das Zustandekommen. Inzwischen verlieren anatomische Atlanten ihre Funktion durch neue Methoden wie die Plastination Gunther von Hagens ... DieUniversitaet.at: ... die aufgrund der Inszenierung als Sensation und mit öffentlichem Sezieren vor zahlendem Publikum auch heftig diskutiert wird. Malina: Es stellt sich hier wieder die Frage, wo von Hagens seine Leichen herbekommt. Spann: Es gibt den Verdacht, dass es sich um Leichen aus der ehemaligen Sowjetunion handelt. Malina: Im Grunde sind das ähnliche Probleme über Jahrzehnte. Mediziner, Anatomen waren auf der Jagd nach "Material", nach den Körpern toter Menschen, ihnen war es egal, wie die Menschen gestorben waren. Das ist auch die Spannung beim Pernkopf-Atlas: Die Fachleute sagen, es ist ein sehr gut gemachtes Werk mit exzellenten Zeichnungen, heute zwar nicht mehr so wichtig, weil es andere Methoden gibt - und dann geht's immer um den Blick: wo schau ich hin? Und da hat jemand auf ein kleines Detail geschaut, auf die Signatur der Zeichner und ein Hakenkreuz entdeckt. Und wenn jemand dort hinschaut und überlegt, wie können Mediziner in dieser Zeit zu "erstklassigem" "Material" kommen, was ja nicht so leicht geht (vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es immer Leichenmangel), dann tun sich neue Fragen auf - auf die wir mit dem Projekt ansatzweise antworten konnten. Wissenschaftsgeschichtlich ist deutlich geworden, dass das Prinzip der Verwertung und der Zugriff auf Menschen absolut total war, bis nach dem Tod. Das war ein wichtiger Bestandteil der NS-Ideologie und -Praxis. Im Grunde ist die Anatomie politisch besetzt gewesen - das würde man nicht vermuten, weil man denkt, es ist ein "abgeschlossener" Bereich. Das Prinzip der Verfügbarkeit des Menschen ging über das Lebensende hinaus. Die Jagd nach Anomalien und Abweichungen von der Norm hatte zum Beispiel Auswirkungen auf die Lebenden, die nächsten Verwandten. Spann: Bei der Gehirnsammlung von Heinrich Gross ist auch ganz deutlich zu sehen, wo sein Forschungsinteresse lag. Malina: Meiner Meinung nach ist das noch nicht ganz aus, wie die von-Hagens-Geschichte zeigt: die Faszination, über Menschen und ihre Körper verfügen und zugreifen zu können. Die postmortale Medizin ist, denke ich, auch ein Problem der Gegenwart. (mh) Institut für Zeitgeschichte |
