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Soziologe Anton Amann


Institut für Soziologie

Einleitender Artikel: "Alternsforschung an der Universität Wien
Anton Amann: "Falsche Altersbilder korrigieren"
Wissenschaft, Alte/r/n
Simone Kremsberger (Redaktion) am 28. Februar 2005

Zum Abschluss der Ringvorlesung zum Thema Altern im vergangenen Wintersemester findet am 2. März 2005 das Symposium "Älter werden in der Großstadt" im Wiener Rathaus statt. Organisator Univ.-Prof. Dr. Anton Amann vom Institut für Soziologie sprach mit dieUniversitaet-online.at über die Entwicklung der Gerontologie in Österreich und "schiefe" Altersbilder.

Redaktion: Seit wann ist Altern in der Forschung verstärkt ein Thema?
Anton Amann: Die Alternsforschung ist in Österreich und Deutschland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Den ersten Boom gab es in den 1970er und 80er Jahren, als man zur Kenntnis nahm, wie sich die demographischen Strukturen verändert haben und weiter verändern werden. In den letzten zehn Jahren wurde das Altern vor allem als Kostenfrage betrachtet. Der so genannte demographische Prozess zeigt einen Rückgang der Kinder und Jugendlichen und eine starke Zunahme der Älteren über 60 Jahren. Gleichzeitig wird die Erwerbsbevölkerung immer älter.

Redaktion: Gibt es in dieser Entwicklung Parallelen zu anderen europäischen Ländern?
Amann: Dieser Prozess gilt für alle Industriestaaten und ist unumkehrbar. Differenzen zwischen den einzelnen Ländern gibt es vor allem in den Konsequenzen im gesellschaftlichen Bereich, in Politik, Wirtschaft und der Gestaltung der Gesundheitssysteme. In Österreich und Deutschland ist die Altenpflege zum größten Teil in Pflegeheimen organisiert, daneben gibt es soziale Dienste. In Dänemark dagegen werden fast alle alten Menschen zuhause betreut, es gibt kaum Pflegeheime. In Zukunft wird man in Dänemark erhebliche Probleme beim Ausbau der sozialen Dienste und bei der Ausbildung von Pflegepersonal zu bewältigen haben.

In Österreich steht man nun vor der Situation, dass man eine Entscheidung treffen muss, wo investiert wird - in Pflegeplätze oder in mobile Dienste. Letztere scheinen auf den ersten Blick billiger, doch wenn ein schwer pflegebedürftiger Mensch nur zuhause betreut werden muss, kommt das genauso teuer wie ein Pflegeplatz.

"Alterslügen" im öffentlichen Diskurs

Redaktion: Welche sind die "Die großen Alterslügen", über die Sie im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht haben?
Amann: Erstens prägen falsche Alterbilder die öffentliche Diskussion: Einerseits wird die ältere Bevölkerung als Last und Bürde dargestellt, andererseits wird das Alter hochgejubelt. Beides ist falsch. Die zweite Lüge ist der so genannte Generationenkrieg. Es existiert kein nachweisbarer Krieg zwischen den Generationen. Was es aber gibt, sind Verteilungskämpfe um die Budgets. Dazu gehört beispielsweise die Debatte um die Krankenversicherungen, eine prozentuelle Anhebung würde die geringsten Einkommen am stärksten betreffen.

Eine dritte Lüge ist das "Pflegechaos", auch wenn es zunehmend schwierigere Bedingungen gibt, unter denen Pflege stattfinden kann. Die Gruppe der über 80-Jährigen wächst am stärksten an, damit treten auch typische Krankheiten wie Demenz und Altersdepression häufiger auf. Dem steht ein Mangel an Pflegepersonal gegenüber, hinzu kommt, dass die Verweildauer im Pflegeberuf sehr kurz ist. Die Politik müsste hier die Arbeitsbedingungen verbessern, um die Verweildauer zu erhöhen.

Die vierte Fehlannahme ist, dass eine Gesellschaft der Älteren die Jungen "erdrückt". Die Älteren seien rigide und nicht innovativ, die Jungen zukunftsorientiert. Das stimmt nicht. Und fünftens ist in den letzten 20, 30 Jahren die Vorstellung entstanden, dass ältere Menschen, wenn sie aus dem Erwerbsprozess ausscheiden, keinen unmittelbaren "Nutzen" für die Gemeinschaft hätten. In vielen Gesellschaftsbereichen, sozialen Vereinen, Ämtern sind aber Ältere tätig. - Das alles sind schiefe Sichtweisen, die ich in dem Buch korrigieren möchte.

Redaktion: Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Erkenntnissen für Politik und Gesellschaft?
Amann: Die Aufgabe der Politik ist es vor allem, die Rahmenbedingungen für ein würdiges Altern zu schaffen.
Die älteren Menschen hingegen müssen beginnen, selbst mehr in die Hand zu nehmen und in die Gesellschaft hinauszugehen. Wichtig ist die so genannte Selbstaufmerksamkeit.
Daneben muss man über die Medien die Öffentlichkeit informieren. Vorurteile werden oft durch die Medien produziert, etwa jenes über das "Pflegechaos". Es wurde intensiv über die Skandale in Lainz berichtet. Man sollte nicht solche Fälle brauchen, um über Pflege in der Öffentlichkeit zu diskutieren.

"Älter werden in der Großstadt"

Redaktion: Sie organisieren das Symposium "Älter werden in der Großstadt", das am 2. März als Abschluss der Ringvorlesung an der Universität Wien zum Altern stattfindet. Was wird im Mittelpunkt der Diskussion stehen?
Amann: Der Wandel der Urbanität wird oft zu stark wirtschaftlich und politisch gedacht, die sozialen und kulturellen Aspekte werden vernachlässigt. Wir fragen: Was ist das Besondere am Altern in der Großstadt? Zu den Vortragenden zählen unter anderem Univ.-Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, die am 16. Februar den "Wiener Preis für humanistische Altersforschung 2004" der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie erhalten hat, und Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Seidl, die die Professur für Pflegewissenschaft an der Universität Wien innehat. Im Anschluss an das Symposium spricht Prof. Günter Dux, ein emeritierter Professor und eine Größe der Soziologie aus Deutschland, über Moral im Hinblick auf das Altern.

Redaktion: Wie stehen Sie persönlich zum Älterwerden? Wird die persönliche Angst davor durch Ihre intensive wissenschaftliche Beschäftigung damit verstärkt oder reduziert?
Amann: Angst vor dem Älterwerden habe ich nicht. Ich beobachte mein Älterwerden und übe Selbstaufmerksamkeit ? und merke, dass sich Möglichkeiten und Perspektiven auftun, über die ich mit 40 nicht nachgedacht habe. (sk)

Univ.-Prof. Dr. Anton vom Institut für Soziologie der Universität Wien hat gemeinsam mit dem Österreichischen Roten Kreuz die Ringvorlesung "Alter(n): Aufbruch in die Zukunft" im Wintersemester 2004/05 initiiert und ist Autor des Buchs "Die großen Alterlügen".

Symposium: Älter werden in der Großstadt
Mittwoch, 2. März 2005, 13–9 Uhr
Festsaal des Wiener Rathauses (Lichtenfelsgasse 2, Feststiege I)

Mit Univ.-Prof. Dr. Anton Amann, Univ.-Doz. Dr. Hubert Ehalt, Univ.-Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Seidl, Univ.-Prof. Dr. Jens Dangschat (TU Wien), ao. Univ.-Prof. Dr. August Österle (WU Wien), Mag. Alice Grundböck (Dachverband Wiener Pflege- und Sozialdienste), Dr. Katharina Heimerl (Universität Klagenfurt), DSA Brigitte Papst (Forschungsinstitut des Wiener Roten Kreuzes)

Vortrag: Die Moral im Verständnis der Moderne. Der Platz der Alten (19.30 Uhr) - Wiener Vorlesung von Univ.-Prof. Dr. Günter Dux (Universität Freiburg)

Literaturtipp:
Anton Amann: Die großen Alterslügen: Generationenkrieg, Pflegechaos, Fortschrittsbremse? Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2004

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