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Autorinnen zwischen NS-Euphorie und Widerstand
Wissenschaft und Nationalsozialismus
Simone Kremsberger (Redaktion) am 28. Mai 2003

NS-Begeisterung, Innere Emigration und Widerstand - die österreichischen Autorinnen Ingeborg Teuffenbach, Erika Mitterer und Veronika Rubatscher reagierten jede auf ihre Weise auf das politische System. DieUniversitaet.at befragte Dr. Karin Gradwohl-Schlacher über Arbeitsbedingungen und Reaktionsformen von Schriftstellerinnen in der "Ostmark".

Die Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen unter dem Regime des Nationalsozialismus ließen kaum Freiräume offen. Dr. Karin Gradwohl-Schlacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Graz, hat sich im Rahmen einer Hertha-Firnberg-Stelle des FWF mit den Reaktionsformen österreichischer Autorinnen im Nationalsozialismus auseinandergesetzt.

DieUniversitaet.at: Von NS-Euphorie bis zu Widerstand: Mit Ingeborg Teuffenbach, Erika Mitterer und Veronika Rubatscher bilden drei Fallbeispiele den Ausgangspunkt Ihrer Forschungsarbeit. Können Sie Biografie und Werk dieser Autorinnen kurz umreißen?

Karin Gradwohl-Schlacher: Die Kärntnerin Ingeborg Teuffenbach (1914 - 1992) kam aus dem Bund deutscher Mädel (BdM) und war mit einem hohen SS-Offizier verheiratet. Sie gehörte im Wien der NS-Zeit als einzige Frau zur literarischen Prominenz. Teuffenbach verarbeitete in ihren Werken dezidiert nationalsozialistisches Gedankengut, von Führergedichten (u.a. "Bekenntnis zum Führer") bis zu Durchhalteparolen (u.a. "Hymnus im Krieg"). Ein Großteil der Gedichte in dem 1938 von Baldur von Schirach herausgegebenen, repräsentativen Lyrikband "Das Lied der Getreuen" stammte von ihr. Erika Mitterer (1906 - 2001) stand dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber, verdankte ihren literarischen Aufstieg und ihre vergleichsweise hohen Einkünfte paradoxerweise gerade jenem System, gegen das sie opponierte. Mitterer verfasste mit dem Roman "Der Fürst der Welt" (1940) eine Parabel auf den Nationalsozialismus. Zunächst stand das Werk auf NS-Empfehlungslisten, bis ein Zensor die wahre Intention erfasste, daraufhin verschwand es vom Markt. Veronika Rubatscher (1900 - 1987), eine Südtirolerin, entschied sich für das "Dableiben" und hielt sich nach der Besetzung Südtirols bis Kriegsende auf entlegenen Almen versteckt. Rubatscher hatte als katholische Autorin in den 1930er Jahren eine Karriere in Deutschland gestartet. Im Dritten Reich veröffentlichte sie kein einziges Werk mehr, in der Schweiz erschien 1943 eine neue Auflage ihres Romans "Der Lusenberger". Da Rubatscher vom Schreiben lebte und alleinstehend war, verarmte sie in der Folge völlig. 1939/40 verfasste sie das Manuskript "Die Wahrheit über Südtirol", das erst ein Jahr vor ihrem Tod in Buchform erschien.

DieUniversitaet.at: Welche Vorbedingungen waren zu erfüllen, um in der "Ostmark" als SchriftstellerIn überhaupt publizieren zu können?

Gradwohl-Schlacher: Grundvoraussetzung für jede Art öffentlicher Betätigung im Dritten Reich war die "arische" Abstammung. Im Bereich SchriftstellerInnen erfolgte die systematische Erfassung des Berufsstandes über die Zwangsorganisation der Reichsschrifttumskammer (RSK). Jüdische, sogenannte jüdisch "versippte" AutorInnen (jüdische/r EhepartnerIn) sowie politisch mißliebige Personen waren wegen fehlender "Zuverlässigkeit und Eignung" (§ 10 Reichskulturkammer-Gesetz) von der Aufnahme ausgeschlossen. Dies bedeutete Schreibverbot - und in der Folge oft die Vernichtung von Existenzen. Vor dieser realen Bedrohung verloren moralische Kategorien jeden Wert und viele versuchten, in aufwendigen Prozessen eine vorgetäuschte uneheliche "arische" Abkunft glaubhaft zu machen, darunter die Autorin Vera Bern.

DieUniversitaet.at: Im Zusammenhang mit Erika Mitterer ist der Begriff "Innere Emigration" gefallen - ein vielumstrittener, oft schwammig gebrauchter Terminus. Wie definieren Sie ihn und was bedeutet "Innere Emigration" in der "Ostmark"?

Gradwohl-Schlacher: Innere Emigration setzt immer eine oppositionelle Haltung des Autors/der Autorin voraus, der konsequenteste Protest betrifft die Verweigerung jeder Publikationstätigkeit. Nur wenige AutorInnen konnten oder wollten sich im Dritten Reich den totalen Rückzug aus dem literarischen Leben leisten, was aber bedeutete, die Rahmenbedingungen in Kauf zu nehmen. Die Voraussetzungen für Innere Emigration waren in Österreich andere als in Deutschland. Die dort von 1933 bis 1937/38 gegebene relative Durchlässigkeit des Systems traf für die "Ostmark" nicht mehr zu. In Deutschland hatte sich die totalitäre Gleichschaltung sukzessive entwickelt, nach dem "Anschluß" konnte das deutsche System sofort übertragen werden.

DieUniversitaet.at: Wie unterschieden sich die Arbeitsbedingungen von Schriftstellerinnen unter dem NS-Regime von denen männlicher Kollegen?

Gradwohl-Schlacher: Der Nationalsozialismus war eine explizit frauenfeindliche Ideologie. Dem in der Weimarer Republik beziehungsweise der Ersten Republik geglückten Aufbruch der Frauen folgte eine radikale, vom Regime verordnete Kehrtwendung, deren Folgen teilweise noch heute zu spüren sind. Unterschiede sind bereits in den Zugangsmöglichkeiten zu verorten; so sind im Schriftsteller-Verzeichnis der RSK (1942) für die "Ostmark" 811 AutorInnen verzeichnet, darunter aber nur 181 Frauen. Erschwerte Arbeitsbedingungen gab es vor allem im Krieg, als die Versorgung der Familie immer größeren Energieaufwand erforderte und wenig Zeit zum Schreiben blieb. Verallgemeinern kann man dies jedoch nicht: Gertrud Fussenegger hat in der NS-Zeit drei Kinder geboren (ein viertes kam nach Kriegsende zur Welt) und dennoch als hoffnungsvolle Nachwuchsautorin reüssiert. Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir der Blick auf die ökonomische beziehungsweise familiäre Situation der Frauen. Alleinstehende Autorinnen, die ausschließlich vom Schreiben lebten wie Hilda Knobloch, waren in ihren Entscheidungen weniger frei als Frauen mit einem gesicherten finanziellen Hintergrund. (sk)

Dr. Karin Gradwohl-Schlacher ist Mitarbeiterin der Forschungsstelle Österreichische Literatur im Nationalsozialismus am Universitätsarchiv der Karl-Franzens-Universität Graz.

Das beinah abgeschlossene Projekt mit dem Arbeitstitel "Österreichische Autorinnen im Dritten Reich. Nationalsozialismus - Innere Emigration - Widerstand" umfasst mittlerweile zehn Autorinnen-Biografien.

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