Das immer wieder beklagte Artensterben im großen Stil kann der Populationsökologe Konrad Fiedler bestätigen, wenngleich nicht für alle Regionen und für alle Tiergruppen. "Ein Monitoring zur Abschätzung der Situation wäre jedenfalls dringend nötig, ist aber mangels ArtenforscherInnen kaum möglich", so der Leiter des Departments für Biodiversität der Tiere.
Besonders dramatisch nimmt sich die Situation in den Tropen aus. Hier wird nach wie vor Regenwald in gigantischen Dimensionen abgeholzt und in Plantagen - etwa Ölpalmen - umgewandelt. Damit wird einer der artenreichsten Lebensräume zu einem extrem artenarmen. In Regenwäldern findet sich die zehn- bis hundertfache Artendichte, verglichen etwa mit Wäldern in gemäßigten Zonen. Alleine in Costa Rica sind den BiologInnen über 3.000 Baumarten bekannt.
Spezielle Lebensräume besonders gefährdet
Deutlich komplexer, dafür aber weniger dramatisch, ist die Situation in gemäßigten Zonen wie in Mitteleuropa. Hier hat sich die Artenvielfalt in den vergangenen Jahrhunderten durch die Abholzung der Wälder und die Errichtung einer kleinräumig strukturierten Landwirtschaft teilweise sogar erhöht. Auch die Stadt steht in Sachen Artenvielfalt gar nicht so schlecht da. Als Landschaft ist sie vergleichsweise vielfältig. Nicht selten werden Gebäude als Ersatz für Felsen und Berge angenommen, Parks, Grünanlagen und sogar die Fugen zwischen Pflastersteinen können für besonders angepasste Gemeinschaften von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen attraktive Lebensräume darstellen.
Trist sieht es in unserer Region dagegen für ganz spezielle Lebensräume aus, wie etwa Moore oder auch Salzsteppen. Hier leben speziell an die teils extremen Verhältnisse angepasste Tiere und Pflanzen. Verschwinden diese Lebensräume, geht es auch den Spezialisten an den Kragen.
Bedrohte Inselarten
Dass Arten regional verschwinden, beobachten die WissenschafterInnen wesentlich häufiger als globales Aussterben. Wiederbesiedlungen sind in diesem Fall möglich.
Tragischer wird es, wenn sogenannte Inselarten bedroht sind. Als solche gelten Spezies, die tatsächlich nur auf einer Insel im Meer oder einem anderweitig isolierten Lebensraum existieren. So können zum Beispiel Berge als Insellebensräume gelten. Werden solche Lebensräume zerstört, können die darin lebenden Arten völlig verschwinden.
Um ein Aussterben von inselartig verbreiteten Arten in der Kulturlandschaft zu vermeiden, ist es laut den WissenschafterInnen wichtig, dass die einzelnen "Inseln" möglichst vernetzt sind. Völlig isolierte Lebensräume, wie Naturschutzregionen inmitten riesiger, intensiv vom Menschen genutzter Regionen, können bei der kleinsten Veränderung der Umweltbedingungen zum "Grab von Arten" werden.
Verarmung an Biodiversiät durch Homogenisierung
Ein Phänomen, welches die Artenvielfalt weltweit bedroht, ist die sogenannte Homogenisierung. Sie beruht auf der meist unbewussten Verschleppung von Tieren und Pflanzen mehr oder weniger über den ganzen Globus. Ein Beispiel dafür sind etwa Feuerameisen. Ursprünglich nur in Südamerika beheimatet, breiten sich die aggressiven Insekten seit Anfang des vorigen Jahrhunderts auch über Nordamerika aus und bedrohen dort heimische Arten.
Auch für Europa und Österreich gibt es zahlreiche Beispiele solcher sogenannten "Neobiota", so etwa die besonders bei GärtnerInnen verhasste Spanische Wegschnecke. Mangels natürlicher Feinde breiten sich die Arten in der fremden, aber passenden Umgebung aus und verdrängen die ursprüngliche Fauna und Flora. Global gesehen ergibt sich durch die weltweite Verbreitung einzelner Arten aber auch eine Verarmung an Biodiversität, indem regionale Unterschiede geringer werden.
Monitoring dringend notwendig
"Bei Vögeln sind die Veränderungen der Artenvielfalt zahlenmäßig relativ gut dokumentiert", berichtet Christian Schulze, Vogelexperte am Department für Biodiversität der Tiere. Zu verdanken ist das nicht zuletzt den zahlreichen Hobby-OrnithologInnen. So sind von den bekannten, rund 10.000 Vogelarten weltweit 130 in den vergangenen 400 Jahren ausgestorben. Auch bei den Schmetterlingen haben WissenschafterInnen einen relativ guten Überblick über die Arten und Veränderungen. "Bei den Tagschmetterlingen sind europaweit knapp zehn Prozent der Arten gefährdet", so Martin Wiemers, Spezialist für Schmetterlinge am Department.
Generell gehen die Forscher davon aus, dass laufend Arten verschwinden, die noch nicht einmal beschrieben wurden. Derzeit gibt es kaum Stellen für derlei SpezialistInnen, dementsprechend drängt der BiologInnennachwuchs hauptsächlich in die Bereiche Genetik oder Molekularbiologie. "Laut übereinstimmender Aussagen vieler ArtenforscherInnen werden wir bald von vielen Tieren und Pflanzen den genetischen Plan, aber kaum mehr das genaue Aussehen der Organismen kennen", bedauert Fiedler. (APA) |