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Brauchen wir das alles?
Ethik und Biomedizin
Gastbeitrag von Britta Cacioppo am 23. Januar 2003

Wollen wir Kinder oder genetische Erben? Und führt die gesellschaftliche Akzeptanz der modernen Fortpflanzungstechniken zu negativen Folgen wie Eugenik und Menschenzucht? Ein Vergleich der In-vitro-Fertilisation und des reproduktiven Klonens aus feministischer Perspektive.

Selten war der Entrüstungs-Aufschrei so einheitlich wie bei der Ankündigung der Raelianer-Sekte zum Jahreswechsel, dass ein Klonbaby geboren worden sei. Politik, christliche Kirchen, NGO's, alle waren sich einig: Klonen darf nicht sein. Wobei jedoch nur jenes Klonen gemeint war, bei dem Nachwuchs entsteht. So viel Einigkeit macht skeptisch. Dass (reproduktive) Klontechniken und In-vitro-Fertilisation (IVF) so unterschiedlich beurteilt werden, ist zumindest für Frauen einige Fragen wert.

Technische Unterschiede

Beim Klonen wird der Kern einer einfachen Körperzelle (zum Beispiel aus der Haut) mit einer Eizelle verschmolzen, deren Erbgut zuvor entfernt wurde. Dann wird diese Zelle meist mit elektrischen Impulsen stimuliert, und der sich daraus entwickelnde Embryo in eine (Leih-)Mutter implantiert. Um einen sich entwickelnden Embryo zu gewinnen, sind meist Hunderte von Versuchen notwendig. Bei der In-vitro-Fertilisation wird eine Eizelle außerhalb des Mutterleibes mit einer Samenzelle befruchtet und der Embryo in eine (Leih-)Mutter eingesetzt. Gemeinsam haben beide Verfahren, dass das Ei entnommen werden muss, im Labor künstlichen Handhabungen unterworfen und danach wieder eingepflanzt wird. Die Frauen müssen dabei mit hohen Hormongaben behandelt werden. Nur ein Bruchteil der Zellen gelangt zur Weiterentwicklung. Soweit gleichen sich die Schritte. Die Auslagerung der Entstehung neuen Lebens aus dem weiblichen Körper ist das eigentlich Kennzeichnende der neuen Reproduktionstechnologien. Die In-vitro-Fertilisation genießt eine hohe Akzeptanz und wird inzwischen routinemäßig durchgeführt, Klonen jedoch wird als moralisch verwerflich wahrgenommen.

Wer trägt die Risiken?

Welche Gesundheitsrisiken oder psychischen Belastungen für Frauen mit diesen Reproduktionstechniken verbunden sind, ist kaum zu hören. Das Risiko der In-vitro-Fertilisation und die damit verbundenen hohen Hormongaben sind bis jetzt nie in großen Studien untersucht worden (wie eigentlich bei jeder anderen Behandlung selbstverständlich) und wird alleine von den Frauen und von den Kindern getragen, obwohl Unfruchtbarkeit des Mannes inzwischen eine anerkannte Indikation für eine IVF ist. Wie weit IVF mit vermehrtem Auftreten von Erkrankungen im Leben der so entstandenen Kinder einhergeht, wird nicht systematisch erfasst, denn diesen Kindern wird der Anspruch auf Privatheit garantiert. Dennoch gibt es inzwischen erste Hinweise auf vermehrtes Auftreten bestimmter, seltener Tumoren (siehe Link unten). Während bei der In-vitro-Fertilisation Risiken kaum besprochen werden, werden die Gefahren des Klonens (wenn auch nur aus dem Tierreich) bildreich dargestellt, wird betont, wie viele Versuche notwendig sind, um EINEN gelungenen Klon zu ermöglichen. Es ist anzunehmen, dass alternative Ansätze zur Erfüllung des Kinderwunsches auf eine wesentlich breitere Akzeptanz stoßen könnten, wenn ähnlich kritische Auseinandersetzungen mit der In-vitro-Fertilisation geführt würden, wie sie heute um die Problematik des Klonens passiert. Kinder adoptieren, Wahlverwandtschaften, gemeinsame Verantwortung für Kinder in einer Gemeinschaft, sogar einfach mehr Offenheit gegenüber Kindern könnten alles Möglichkeiten sein. Die Repro-Technologien der modernen Medizin haben dazu geführt, dass dieser kleine "Zellklumpen", der eigentlich ein nicht-eigenständiger Teil des Mutterleibes ist und damit der ausschließlichen Verantwortlichkeit der Mutter unterliegt, durch die künstliche Zuweisung einer fiktiven Eigenständigkeit Vermarktungspotentiale erworben hat.

Gefahren in der Zukunft?

Wenn eine Technik erst einmal erfunden und durch meist restriktive Anwendungsgebiete eine Akzeptanz hergestellt wurde, erfolgt eine Verselbständigung im Wechselspiel gesellschaftlicher Kräfte (Industrie, Kirchen, Politik, Interessenvertretungen, Medien), die zu einer Ausweitungsdynamik ihrer Anwendungsbereiche führt. Die weitere Anwendung lässt sich über längere Zeitspannen gesellschaftlich nicht wirklich regeln oder verbieten. IVF, PID (Präimplantationsdiagnostik) und Klon-Techniken werden, wenn ihre gesellschaftliche Akzeptanz weiterhin forciert wird, über kurz oder lang auch zu gezielten Züchtungsversuchen und einer Eugenik führen.

Welche Forschung brauchen wir?

Die zunehmende Medikalisierung der Repro-Medizin wird als qualitative Lebensverbesserung dargestellt, aber nicht kritisch hinterfragt. Forschung gibt vor, sich an primären Bedürfnissen derjenigen zu orientieren, für die sie erfolgt und von denen sie - über Steuern - auch finanziert wird, bietet jedoch stark an Wirtschaftsfaktoren orientierte, vermarktbare und extrem komplexe Techniken an. Gebraucht wird m.E. eine Forschung, die nach einfachen, brauchbaren und nicht unbedingt spektakulären Lösungen forscht, ohne Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung, die also zu lebenswürdigen Gesellschaftskonzepten führt. Auch eine, die vielleicht erforscht, warum die Fertilität in unserer so hochzivilisierten Welt kontinuierlich abnimmt. Und warum der Wunsch nach einem Kind in unserer Gesellschaft als Wunsch nach einem genetischen Erben umgedeutet wurde.

Dr. Britta Cacioppo ist Biologin und Redakteurin der Zeitschrift "AUF - Eine Frauenzeitschrift".

Link: "Assisted Reproduction May Be Linked To Birth Defect Syndrome"

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