Erhard Oeser, ehemaliger Vorstand des Instituts für Wissenschaftstheorie der Universität Wien, stellte einmal fest, dass "die gesamte Philosophie nach dem Auftreten der Evolutionstheorie niemals mehr das sein kann, was sie vorher war. Das betrifft alle Probleme und Grundbegriffe der Philosophie, nicht nur die erkenntnistheoretischen, sondern auch die praktischen Probleme der Moral und Ethik". Nun tun zwar viele Philosophen - zumal im deutschen Sprachraum - nach wie vor so, als ob es die Evolutionstheorie gar nicht gäbe, doch bei näherer, kritischer Hinsicht zeigt sich, dass viele philosophische Probleme ohne Rückgriff auf diese Theorie in der Tat nur unbefriedigend gelöst werden können oder letztlich ungelöst bleiben. Darwins Werk - vor allem seine Bücher "On the Origin of Species" (1859) und "The Descent of Man" (1871) - enthält eine ganze Reihe von philosophisch bedeutenden Ansätzen.
Evolution ohne Plan
Im Schlusskapitel der "Origin of Species" findet sich die folgende bemerkenswerte Feststellung: "Aus dem Kampf der Natur, aus Hunger und Tod geht also unmittelbar das Höchste hervor, das wir uns vorstellen können: die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen." Das bedeutet, mit anderen Worten: In der Natur gibt es keinen Plan und keine Absicht, allein durch den Mechanismus der natürlichen Auslese oder Selektion entwickelt sich die Komplexität und Vielfalt der Lebewesen. Damit verabschiedete Darwin die alte und altehrwürdige Idee der Teleologie, also den Glauben an eine universelle Zweckmäßigkeit.
Wie die Debatten um ein "intelligent design" zeigen, fällt es vielen Menschen schwer, sich eine Welt ohne vorgegebene Ordnung vorzustellen. Aber das ist ein psychologisches Problem. Die unzähligen ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten - ihre Zahl wird bis zu einer Milliarde geschätzt - lassen an einem intelligenten Planer in der Evolution starke Zweifel aufkommen. Die philosophische Eleganz der (Selektions-)Theorie Darwins liegt gerade darin, dass sie die Ordnung des Lebenden ohne jeglichen Rückgriff auf irgendwelche obskuren Entitäten zu erklären vermag. Mit dieser Theorie hat Darwin auch das tief in unserer Geistesgeschichte verwurzelte statische Weltbild endgültig durch ein dynamisches ersetzt.
Darwins Buch "The Descent of Man" ist in philosophischer Hinsicht besonders ergiebig. Es enthält ganze Kapitel über die Entstehung und Entwicklung der psychischen, geistigen, sozialen und moralischen Eigenschaften des Menschen. Damit hat Darwin die Evolutionstheorie konsequent auf alle Aspekte der menschlichen Daseinsform übertragen. Nimmt man die Tatsache ernst, dass Homo sapiens, wie alle anderen Organismenarten auch, ein Resultat der Evolution durch natürliche Auslese sei, dann sind auch seine "höheren" Eigenschaften "niedrigen" Ursprungs: Sie fügen sich ein in ein Kontinuum von Prozessen, das in den Jahrmilliarden der Geschichte des Lebens auf der Erde niemals unterbrochen wurde. Beispielsweise kann hier auf die moralischen Fähigkeiten unserer Spezies hingewiesen werden.
Natur und Moral
Der Mensch ist ein soziales Lebewesen, und wie bei allen "vergesellschafteten" Arten spielt bei ihm die Kooperation und gegenseitige Hilfe eine wichtige Rolle. Daraus entwickelten sich schließlich diejenigen Formen seines Verhaltens und Handelns, die als moralisch gut gelten. Die Natur selbst kennt keine Moral, die Evolution spielt sich jenseits von "gut" und "böse" ab, aber sie hat mit dem Menschen ein Lebewesen hervorgebracht, welches in diesen Kategorien zu denken und sein Handeln entsprechend zu hinterfragen imstande ist. Darwin legte den Grundstein für eine "evolutionäre Ethik", die dem Umstand Rechnung trägt, dass Moral nicht vom Himmel fiel, sondern analog zu anderen, zum Beispiel anatomischen Merkmalen oder Verhaltenseigenschaften, in ihren Ansätzen tief in unserer Evolutionsgeschichte verwurzelt ist.
In diesem Zusammenhang weniger bekannt, aber von großer (philosophischer) Tragweite und Aktualität ist Darwins "evolutionärer Humanismus", seine Vorstellung, dass der Mensch durch die Kultur seine "sozialen Instinkte" verstärken könne und so in nicht zu ferner Zukunft seine Sympathien auf alle Angehörigen seiner Art und schließlich auf andere Arten ausdehnen würde. Damit stellte Darwin den Solidaritätsgedanken auf ein evolutionstheoretisches Fundament. Im Gegensatz zu den "Sozialdarwinisten", die seine Gedanken gleichsam auf den Kopf stellten, verdeutlichte Darwin in seinem Werk - wie auch in seinem privaten Leben (er war ein entschiedener Gegner der Sklaverei) -, dass die Evolutionstheorie allen rassistischen und diskriminierenden Haltungen widerspricht. Somit steht er in der Tradition der Aufklärung. Und indem er nichtmenschlichen Tieren wie Hunden, Katzen, Pferden und so weiter (ganz zu schweigen von Affen) völlig richtig emotionale Fähigkeiten beiräumte, wurde er zu einem wichtigen Vorläufer der modernen "Tierethik".
Noch in manch anderer Hinsicht sind Darwin und die Evolutionstheorie philosophisch von großer Bedeutung. Aber schon diese wenigen Hinweise zeigen, dass Darwins Werk für jeden Philosophen eine Quelle der Inspiration darstellt. Es ist an der Zeit, dieses Werk systematisch in die Philosophie einzuordnen und eine "Darwinsche Wende" in der Philosophie zu vollziehen.
Doz. Prof. Dr. Franz Wuketits ist am Institut für Philosophie tätig.
Literaturhinweise:
Buskes, Ch. (2008): "Evolutionär denken. Darwins Einfluss auf unser Weltbild", Primus Verlag, Darmstadt
Sommer, V. (2007): "Darwinisch denken. Horizonte der Evolutionsbiologie", Hirzel Verlag, Stuttgart
Wuketits, F. M. (2009): "Darwins Kosmos. Sinnvolles Leben in einer sinnlosen Welt", Alibri Verlag, Aschaffenburg |