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Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash beschäftigt sich mit Darwin und der Rezeption seiner Werke.


Institut für Geschichteder Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Charles Darwin zwischen Mythos und Realität
Darwin-Jahr 2009
Bernadette Ralser am 27. März 2009

Im inoffiziellen Darwin-Jahr hat plötzlich jeder etwas über den berühmten britischen Naturforscher zu sagen. Wirklich gelesen haben sein Werk nur die Wenigsten. Im Alltagsgebrauch darwinistischer Ideen haben sich daher im Laufe der Zeit viele Mythen, Gerüchte und Irrtümer eingenistet - "Darwin in Gänsefüßchen", nennt Mitchell Ash dieses Phänomen. Im Interview schließt der renommierte Wissenschaftshistoriker, der sich zurzeit auf einem Forschungssemester in den USA befindet, die gängigsten Wissenslücken.

Redaktion: Hat Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie das Weltbild seiner Zeit - bzw. die Wissenschaft - revolutioniert?
Mitchell Ash: In gewissem Sinne ja, aber man kann nicht alles auf Darwin zurückführen, wenn man die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts verstehen will. Zum Beispiel war man sich bereits vor Darwin einig, dass neue Arten entstehen und alte aussterben - er musste diese Kenntnis nicht neu erfinden oder erstmals nachweisen.

Redaktion: Darwin war also nicht der erste, der von Evolution gesprochen hat?
Ash: In dieser Form schon. Man wusste bereits, dass sich Arten entwickeln; über den Mechanismus der Evolution - also wie diese Entwicklung genau vor sich geht - gab es hingegen keinen Konsens. Jedoch ließ sich Darwin - wie jeder andere Wissenschafter auch - von verschiedenen Seiten beeinflussen bzw. inspirieren. So hat er zum Beispiel Gedanken des französischen Naturforschers Jean-Baptiste Lamarck übernommen, der ebenfalls eine - allerdings sehr umstrittene - Evolutionstheorie entworfen hat. Auch deutsche Forscher wie Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt sind als wichtige Vordenker zu nennen. Das soll nun gewiss nicht heißen, dass Darwin seine Ideen von anderen zusammengeklaubt hätte: Er war es, der die moderne Evolutionstheorie entwickelt und empirisch nachgewiesen hat.

Redaktion: Ist an dem Gerücht etwas Wahres dran, dass Darwin "Die Entstehung der Arten" viel früher als geplant publizierte, um seinem britischen Fachkollegen Alfred Russel Wallace, der eine ähnliche Idee hatte, zuvorzukommen?
Ash: Nein, das ist eine sehr verkürzte Darstellung der tatsächlichen Ereignisse, die Darwin unrecht tut. Lassen Sie mich kurz ausholen: Einer der Kerngedanken der Darwinschen Evolutionslehre stammt aus der Bevölkerungstheorie des britischen Nationalökonomen Thomas Robert Malthus, der - kurz gefasst - postulierte, dass es ein Missverhältnis zwischen dem menschlichen Bevölkerungswachstum und der Ernährungskapazität des Bodens gebe, was zwangsläufig zur Überbevölkerung und den damit zusammenhängenden Problemen führe. Darwin hatte die Idee, diesen Gedanken auf alle Lebewesen - nicht nur auf den Menschen - anzuwenden und den Mechanismus der Evolution u.a. auf Basis dieser Nahrungskonkurrenz zu erklären. Diese Theorie wollte Darwin aber zunächst mit Beweisen hieb- und stichfest untermauern und erst dann in einem mehrbändigen Werk publizieren.

Eines Tages erreichte ihn jedoch ein Brief des Naturforsches Wallace, in dem dieser ihm mitteilte, er habe in einer Art Fiebertraum mitten in einem Malaria-Anfall die Idee geboren, Malthus Bevölkerungstheorie sei möglicherweise der Schlüssel zum Verständnis der Evolution, und Darwin um seine Meinung dazu bat. Dieser verhielt sich wie ein echter Gentleman, unterrichtete Wallace von der Richtigkeit seiner Schlussfolgerung und bot ihm eine gemeinsame Präsentation ihrer Papers vor der Linnean Society in London sowie eine gleichzeitige Veröffentlichung ihrer Kernthesen in der Zeitschrift der Gesellschaft an. Gesagt, getan. In späterer Korrespondenz mit Wallace hat Darwin die Evolutionstheorie sogar als "unser gemeinsames Kind" bezeichnet. Aber Tatsache ist, dass Darwin es war, der das  gesamte Gedankengebäude entworfen und die Nachweise zusammengetragen hat - viel früher als Wallace - und daher nicht nur als erster umfassend publizieren wollte sondern auch konnte.

Redaktion: Wie hat sich die Theorie verbreitet?
Ash: Über alle Wege der damaligen Zeit: Zeitschriften, Zeitungen, wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Literatur - der Gedanke verbreitete sich im Nu. Binnen weniger Wochen war die 550 Seiten starke Erstauflage der "Entstehung der Arten" ausverkauft. Man kann sagen, das Publikum - nicht nur das wissenschaftliche – hat sprichwörtlich auf so etwas gewartet.

Redaktion: Wurde Darwin angefeindet?
Ash: Persönlich sicher nicht. Er war ein ehrbarer Familienvater, der in der Öffentlichkeit nie etwas über oder gar gegen die Religion gesagt hat. Er wurde in der Westminster Abbey in London auf einem Ehrenplatz begraben. Seine Ideen wurden allerdings angefeindet, hauptsächlich von Seiten religiös überzeugter Menschen. Denn der Hauptgedanke der Evolutionstheorie - dass die Arten aus Zufall entstehen -, impliziert, dass es keine göttliche Einzelschöpfung aller Lebewesen gibt.

Redaktion: Im laufenden Darwin-Jahr stehen die Naturwissenschaften im Fokus des medialen Interesses. Darwins Einfluss auf die Kultur- und Sozialwissenschaften wird eher selten thematisiert ...
Ash: Dabei liegen diese ja, wie wir bereits gehört haben, am Anfang von Darwins Theorie: Schließlich war es der Beitrag von Malthus zur Politischen Ökonomie, der die Grundidee geliefert hat. Umgekehrt hat die Evolutionstheorie wesentlich auf die Sozialwissenschaften zurückgewirkt. Man könnte sogar die Meinung vertreten, dass es die meisten sozialwissenschaftlichen Disziplinen in ihrer heutigen Prägung ohne die Evolutionstheorie gar nicht geben würden. Das gilt insbesondere für die Psychologie. Zum Beispiel kann man die moderne Entwicklungspsychologie als Anwendung darwinscher Ideen auf den Menschen verstehen - im Sinne einer Entwicklung im Menschen in Analogie zur Entwicklung des Menschen. Dieser fruchtbare Gedanke von Darwin - die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und somit auch der Kultur - war z.B. auch für die Kultur- und Sozialanthropologie bedeutsam, vor allem für die Erkenntnis, dass auch Kulturen sich wandeln und nicht etwas Fixes, Statisches sind.

Redaktion: Aber Darwins Ideen wurden auch missbraucht …
Ash: Missbrauch ist ein schwieriges Wort. Es impliziert, dass man bereits über den richtigen Gebrauch Bescheid weiß. Und das halte ich in Bezug auf die Evolutionstheorie für sehr gewagt. Man muss diese Theorie als gedankliche Ressource verstehen, die in vielfacher Weise gebraucht wurde - und nach wie vor gebraucht wird. Mit Sicherheit war dieser "Gebrauch" nicht immer im Sinne Darwins: Man denke nur an die "Rassentheorie". Darwin hat zwar den Begriff "Rasse" verwendet, ist aber nie von einem "Rassentyp" als fixe Größe ausgegangen wie beispielsweise Gobineau - das stünde im Widerspruch zu den Grundideen seiner Evolutionstheorie. Die "Rassen" waren für Darwin so etwas wie Unterarten der einen Art Homo Sapiens.

Redaktion: Trotzdem ziehen viele eine direkte Linie vom Sozialdarwinismus zum Nationalsozialismus…
Ash: Das ist einer der Irrtümer im Alltagsgebrauch darwinscher Ideen, auch wenn man nicht leugnen kann, dass es Verbindungen gibt. Von Hitler weiß man, dass er zumindest in einem Werk gelesen bzw. dieses zitiert hat, das von Darwin beeinflusst war: Fritz Lenz' "Menschliche Erblehre". Auch die deutsche Ärzteschaft der Zwanziger- und Dreißigerjahre war nachweisbar stark von einer harten Fassung der Evolutionstheorie geprägt: Man vertrat die Auffassung, dass Umwelteinflüsse weniger wichtig sind als Erbfaktoren, und hat sich daher nicht gegen Zwangssterilisationen und andere eugenische Maßnahmen zur Wehr gesetzt, sondern diese aktiv betrieben.
Aber in Wahrheit haben sich alle möglichen politischen Richtungen Darwins Theorien zunutze gemacht. Zum Beispiel auch die Sozialisten - und davon hört man fast nie: Einige von ihnen vertraten eine Auffassung des Darwinismus, die von der Gruppe und nicht dem Individuum als Einheit ausgeht und behaupteten, dass das Überleben der Gruppe von der Gesundheit ihres schwächsten Mitglieds abhängt. Das ist ein Kerngedanke des modernen Sozialstaates - und ein darwinscher Gedanke.

Redaktion: Mit Darwin wird auch oft das menschliche Wettbewerbs- und Konkurrenzverhalten - etwa das "Recht des Stärkeren" in der freien Marktwirtschaft - erklärt bzw. gerechtfertigt ...
Ash: Darwin war ein Befürworter des freien Handels und ein Anhänger von Adam Smith, daher liegt diese Analogie nahe, aber auch sie greift eigentlich zu kurz. Denn Darwin hat den Begriff "Kampf ums Dasein" ursprünglich auf mehreren Ebenen verwendet: erstens als Kampf ums Überleben - also gegen Umweltbedingungen etc. -, zweitens als Konkurrenz unter den Arten um dieselbe Nahrungsquelle und erst auf dritter Ebene als Konkurrenz innerhalb einer Art. Den "Kampf ums Dasein" auf diese dritte Ebene zu reduzieren, wie es im 19. Jahrhundert häufig geschehen ist, stellt eine sehr große Verengung des Begriffs dar. Aber für politische Diskussionen war Darwin immer eine willkommene Ressource - allerdings auf mehreren Seiten.

Redaktion: Wir sollten also weniger über Darwin sprechen, sondern seine Bücher lesen?
Ash: Es ist wichtig, über Darwin zu sprechen - er kann als Kerndenker der modernen Wissenschaften nicht umgangen werden. Nur ist es sehr oft der Fall, dass eine Menge Leute von Darwin "in Gänsefüßchen" diskutieren. D.h., sie nutzen - je nach Gebrauchswert - die Argumente und Ideen eines Darwin, den sie vielleicht aus eigener Lektüre gar nicht kennen, und gehen davon aus, dass ohnehin alle wissen, was er gedacht und gesagt hat. Das ist natürlich für Menschen, die Darwin wirklich gelesen haben, sehr schmerzlich. (br)


O. Univ.-Prof. Dr. Mitchell Ash ist Professor für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät und befindet sich zurzeit auf einem Forschungssemester, das er an der Princeton University in den USA sowie am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin verbringt. Darwin und seine Rezeption aus wissenschafts-, kultur- und sozialhistorischer Perspektive stellt einen wichtigen Aspekt seiner Lehre dar.

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