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Richard Trappl beschäftigt sich u.a. mit dem tertiären Bildungssektor der VR China. Foto: privat, Montage: T. Dirtl


Kooperationen mit den Regionaluniversitäten Shaoxing University ...


... und Ningxia University.


Zahl der Studierenden und AbsolventInnen an Universitäten (2005) StudentInnenzahl: 15,62 Mio.; Neuzulassungen: 5,05 Mio.; AbsolventInnen: 3,07 Mio. (Quelle: China Internet Information Center CIIC) Studierende und Postgraduates im Ausland: 430.000 (2002). Jährlich gehen ca. 25.000 chinesische Studierende zum Studium ins Ausland, v.a. in die USA, nach Großbritannien, Australien, Kanada, Deutschland, Frankreich und Japan. (Quelle: Institut für Asienkunde/China aktuell; Eastday) Ausgaben für Forschung und Entwicklung: 236,7 Mrd. Yuan (1,3 % des BIP), davon 13,5 Mrd. Yuan für Grundlagenforschung (2005) (Quelle: China Internet Information Center CIIC)   Institut für Ostasienwissenschaften / Sinologieder Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
China, akademisch: Ein Land, 1.700 Universitäten
China, Wissenschaft
Bernadette Ralser (Redaktion) am  3. Juli 2007

Chinas Eliteuniversitäten wie Peking Universität oder Renmin erfreuen sich internationaler Renommiertheit. Weniger bekannt sind die zahlreichen regionalen Hochschulen - auf die 1,3 Milliarden EinwohnerInnen im Land der Mitte kommen insgesamt 1.700 Universitäten. Die Online-Universitätszeitung Wien sprach mit dem Sinologen Richard Trappl über die Universitätslandschaft und den Forschungsstandort China.

Vor zehn Jahren wurde die erste Vollpartnerschaft zwischen der Universität Wien und einer chinesischen Hochschule - der Peking Universität - abgeschlossen. Dieser erfolgreichen Kooperation mit Chinas renommiertester Universität folgten Partnerschaftsabschlüsse mit den ebenfalls sehr bedeutenden Universitäten Renmin Daxue und Zhejiang Daxue.
Doch Chinas Hochschullandschaft besteht nicht nur aus den berühmten und international vernetzten Universitäten in Peking und Schanghai: Hunderte regionale Universitäten in der chinesischen "Peripherie" wetteifern mit bekannteren um Attraktivität in Forschung und Lehre. Obgleich international nahezu unbeachtet, fungieren diese regionalen Universitäten als wichtige lokale Think Tanks für die Fragen und Probleme der ländlichen und regionalen Entwicklung Chinas.

Um einen besseren Einblick in die florierende chinesische Universitätslandschaft abseits der hinlänglich bekannten Eliteuniversitäten zu gewinnen, initiierte Ao. Univ.-Prof. Dr. Richard Trappl vom Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie ein Kooperationsprojekt mit chinesischen Regionaluniversitäten: u.a. mit der Ningxia University, der Three-Gorges University, der Jishou University und der Shaoxing University. In seinem langfristig angelegten Forschungsprojekt "Chinese Higher Education in Transition" beschäftigt sich der Sinologe unter anderem mit der Internationalisierung des chinesischen Bildungssystems.

Redaktion:
Inwiefern unterscheidet sich das chinesische Universitätssystem von unserem?

Richard Trappl:
Es gibt Universitäten, die direkt der Zentralregierung, also dem Bildungsministerium, unterstehen, und andere, die von einer Provinz- oder Stadtregierung verwaltet werden. Das sagt zunächst nichts über ihre Qualität aus. Was die Ressourcen betrifft, gibt es allerdings gewisse Schwerpunkte: Besonders die Top-Unis in Peking werden von der Zentralregierung gefördert. Diese "Eliten-Förderung" wird auf Universitätsebene stark kritisiert. Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist, dass der Staat im Allgemeinen nur 40 bis 50 Prozent des Universitätsbetriebes finanziert. Über 50 Prozent müssen in Form von Drittmitteln selbst eingeworben werden. Interessant ist auch, dass die ProfessorInnen meist nicht an ihren Instituten anzutreffen sind - sie sind im Unterschied zu Österreich nicht mit Administration belastet und nur wenig mit Lehre betraut und können sich daher hauptsächlich ihrer Forschung widmen.

Redaktion:
Wie sieht es mit der Zulassung zum Studium aus?

Trappl:
Zur Zeit Maos konnte man sich weder sein Studium noch seinen Beruf aussuchen - sogar der Ehepartner wurde einem zugeteilt. Der Staat entschied über das Schicksal des Einzelnen. Heute gibt es eine zentrale Aufnahmeprüfung für den gesamten Hochschulbereich - quasi eine zentralisierte Matura. Diese Prüfung ist sehr schwer. Das Verfahren ist computerisiert und kennt keine Ausnahmen. Je nachdem, wie gut man die Prüfung abschließt, wird der Wunsch, an einer bestimmten Uni zu studieren, berücksichtigt. Die erforderliche Punkteanzahl für die Top-Unis ist natürlich sehr hoch. Unabhängig davon ist es auch möglich, als SelbstzahlerIn - also mit höheren Studiengebühren - einen Studienplatz zu erlangen. Die Studiengebühren sind in etwa so hoch wie bei uns, aber relativ gesprochen höher, weil in China ein viel niedrigeres Lohnniveau herrscht.

Redaktion:
Ist der Wunsch, an einer Eliteuniversität zu studieren, hoch?

Trappl:
Natürlich wollen viele an einer Top-Uni studieren. Deshalb bemühen sich die Regionaluniversitäten auch um Attraktivität, was übrigens von der Zentralregierung gefördert wird. Denn die Arbeitslosenquote unter AkademikerInnen ist in China sehr hoch, vor allem in den Metropolen. Wer sich jedoch an einer entlegenen Universität bewirbt, hat gute Chancen auf einen Arbeitsplatz.

Redaktion:
Wird sich die chinesische Universitätslandschaft in den nächsten Jahren stark verändern?

Trappl:
Ganz China befindet sich in einer dynamischen Entwicklung in Hinblick auf Internationalisierung. Man will mit westlichen Standards gleichziehen. Das involviert auch das Universitätssystem. Die chinesischen Universitäten haben hohes Potenzial, vor allem im Bereich Selbstorganisation. Auf der anderen Seite sind da die großen Probleme Chinas: Energie- und Wassermangel sowie starke regionale Unausgewogenheit in der wirtschaftlichen Entwicklung. Das führt letztlich zu sozialen Spannungen und Unruhen, denen man mit undemokratischen Maßnahmen begegnet. China muss deshalb soziale und ökonomische Ausgewogenheit anstreben. Daher ist es wichtig, im Bildungssystem Sozial- und Kulturwissenschaften zu fördern und diese nicht zu verdrängen. Ich gehe davon aus, dass die chinesische Bildungspolitik auf rationalen Analysen basiert, außerdem ist man an ausländischer, besonders auch europäischer Expertise äußerst interessiert, was die zahlreichen Delegationsbesuche bezeugen. Die Investitionen in die Infrastruktur bei den meisten Universitäten sind sehr eindrucksvoll. So bin ich ziemlich sicher, dass sich das Bildungssystem in China weiterhin positiv entwickeln kann.

Redaktion:
Stichwort "Forschungsstandort China"?

Trappl:
Man unternimmt von Seiten der Regierung sehr große Anstrengungen, dass sich China zu einem High-Tech-Land entwickelt. Allein der vor nicht allzu langer Zeit erfolgte  Abschuss eines chinesischen Wettersatelliten durch die chinesische Raumfahrtsbehörde hat gezeigt, dass China in der Weltraumtechnologie mit Riesenschritten voranschreitet. Außerdem ist man in den Ingenieurwissenschaften vorne mit dabei, man denke nur an die riesigen Hochhausbauten. Auch in den Computer Sciences und in der Biotechnologie hat China sehr aufgeholt. Wenn ich von "aufholen" spreche, muss man bedenken, dass der gesamte akademische Forschungsbetrieb durch die Kulturrevolution (1966–976) zum Stillstand gekommen war. Der Aufbau eines mit westlichen Standards vergleichbaren Universitäts- und Forschungsbetriebes begann erst nach Ende der Kulturrevolution mit der Reform- und Öffnungsphase.
Diese rasante Entwicklung, die in den letzten 20 Jahren in China vonstatten ging und auch außerhalb Chinas mit wachsendem Staunen und bisweilen mit Beunruhigung wahrgenommen wird, stellt eine ökonomische, soziale, politische und technologische Revolution dar, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht. Man darf natürlich die großen Probleme Chinas, z.B. das weitgehende Fehlen eines Sozial- und Pensionsversicherungssystems, nicht außer Acht lassen. Das schafft Gefahrenherde für eine negative soziale Entwicklung. Hier sind vor allem die Sozial- und Humanwissenschaften gefordert, damit sich China nicht nur in Naturwissenschaften und Technologie entwickelt, sondern eben auch in Bereichen, die für das vormoderne China so maßgebend waren: in der Kultivierung der Gesellschaft und überhaupt im Bereich der Kultur. (br)

Richard Trappl ist Außerordentlicher Universitätsprofessor für Sinologie, seine Forschungsschwerpunkte sind die klassische und moderne chinesische Literatur sowie Nachhaltigkeitskonzepte in China und der tertiäre Bildungssektor der VR China, den er im Forschungsprojekt "Chinese Higher Education in Transition" untersucht.

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