Land der Kontraste, Land im Wandel: Meist sind es Schlagzeilen wie diese, die versuchen, sich dem bevölkerungsreichsten Staat der Erde anzunähern. "DieUniversitaet-online.at" stellt in einer Schwerpunktwoche Themen, Projekte und WissenschafterInnen der Universität Wien vor, die sich mit Zhōngguó ? dem Reich der Mitte ? beschäftigen. |
China boomt. Nicht nur in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ? derzeit laufen allein in Österreich drei große Ausstellungen über chinesische Kunst ?, sondern auch in den Bereichen Forschung und Entwicklung.
Vor rund 1.000 Jahren war China die erste Wissensgesellschaft. Wissenschaft und Forschung erlebten einen enormen Aufschwung. An diese Tradition will das Land wieder anknüpfen, das zuletzt durch den Kommunismus in seiner Entwicklung gebremst wurde. In einigen Wissenschaften hat China in den letzten Jahren enorm aufgeholt, etwa in den Bereichen Ingenieurwesen, Computer Sciences und Biotechnologie. Und zum Aufholen gab es einiges: Während der Kulturrevolution (1966–976) wurde ein Großteil des kulturellen und intellektuellen Erbes unterdrückt, verboten oder zerstört, die Universitäten teilweise geschlossen. Am Beispiel der Kulturrevolution untersucht Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin an der Universität Wien, die offizielle und inoffizielle Geschichtsschreibung des Riesenstaates.
Förderungen von WissenschafterInnen
Kaum eine Regierung fördert derzeit die Wissenschaft so massiv wie die chinesische, die Zahl der StudentInnen soll sich in den nächsten Jahren vervielfachen. Die langjährige Abwanderung der AkademikerInnen (brain drain) schlägt langsam in einen brain gain um. ChinesInnen, die im Ausland ? vornehmlich in den USA ? studiert haben, kehren zurück. Ausländische SpitzenforscherInnen werden mit attraktiven Verträgen ins Land geholt. Chinesische WissenschafterInnen, die in Österreich arbeiten wollen, haben es hingegen nicht so leicht. Die Umweltgeowissenschafterin Yi Yang bekam nur mit großer Mühe ein Visum für Österreich. Sie untersucht gemeinsam mit Thilo Hofmann die Umweltverschmutzung und die Schadstoffe des Yangtze, des drittlängsten Flusses der Welt.
China im Blickpunkt der Online-Universitätszeitung
Eine Woche lang stellt die Online-Universitätszeitung China und den Fachbereich Sinologie in den Mittelpunkt der Berichterstattung und bietet einen Überblick über derzeit laufende Forschungsprojekte an der Universität Wien. Ein Projekt ? die Habilitation des Wirtschaftswissenschafters Jia-Ming Zhu ? versucht die Erklärung des chinesischen Wirtschaftswunders aus ökonomischer und historischer Sicht. Chinas Wirtschaft gehört zu den am schnellsten wachsenden, seit Deng Xiaoping 1979 nach Maos Tod marktwirtschaftlich orientierte Reformen einleitete. Die düsteren Prophezeiungen vor zehn Jahren, als am 1. Juli 1997 die frühere britische Kronkolonie Hongkong an China zurückgegeben wurde, bewahrheiteten sich nicht. Wirtschaftlich ist Hongkong nicht kommunistisch geworden, dafür ist China mittlerweile kapitalistischer geprägt. China habe eine große, quasi-marktwirtschaftliche Tradition, an die nun angeschlossen werden könne, so Jia-Ming Zhu.
Gesetze und Rechtssicherheit
Mit Beginn der Wirtschaftsreformen wurde bald offensichtlich, dass Rechtssicherheit für die marktwirtschaftliche Entwicklung grundlegend ist. Über die Geschichte und Gegenwart der chinesischen Rechtskultur, die in den letzten hundert Jahren durch die gesellschaftlichen Entwicklungen einen mehrfachen Wandel erlebte, forscht die Sinologin Agnes Schick-Chen.
Anpassungen in der Biomedizin
Noch hat China weltweit die liberalsten ethischen Standards in der Biomedizin. Doch seit einigen Jahren spricht sich das chinesische Gesundheitsministerium für ein Klonverbot und strengere Regeln in der biomedizinischen Forschung aus. Durch die Anpassung an internationale Standards erhoffen sich chinesische SpitzenforscherInnen Zugang zu 'westlichen' Forschungsjournalen und Netzwerken, erklärt der Politikwissenschafter Thomas Streitfellner. Er schreibt seine Dissertation an der Universität Wien im Rahmen des EU-Projekts "Bionet", in dem 21 ? auch chinesische ? Projektpartner gemeinsam ethische Richtlinien für die Biotechnologie ausarbeiten werden.
China-Bilder und ländliche Gesundheitsversorgung
Mit dem Wandel der Bilder und Stereotypen über China und "die Chinesen" beschäftigen sich Monika und Georg Lehner. Sie erforschen anhand unterschiedlicher Quellen, wie bestimmte China-Bilder ? z.B. "der grausame Chinese" ? in Europa entstanden sind und sich verändert haben. Weiters stellen wir ein Projekt von Sascha Klotzbücher und Susanne Weigelin-Schwiedrzik vor, dessen Empfehlungen die Gesundheitsversorgung von NomadInnen der Region Xinjiang verbessern soll.
Ergänzend bietet Richard Trappl eine Überblick über seine Tätigkeit. Als China-Beauftragter der Universität Wien stellt er seine Erfahrungen, seine kulturelle und seine Sprachkompetenz anderen Disziplinen und KollegInnen, die mit China kooperieren wollen, zur Verfügung. "Angewandte Sinologie" nennt er das. Zudem leitet er seit September 2006 das Konfuzius-Institut an der Universität Wien, das ab dem Wintersemester 2007/08 Chinesisch-Sprachkurse anbietet. In einem Interview gibt Trappl auch Einblick in die Besonderheiten des chinesischen Universitäts- und Bildungssystems und den Forschungsstandort China.
Mit den hier vorgestellten Beiträgen ist das Spektrum der China-Forschungen und -Aktivitäten an der Universität Wien aber noch lange nicht ausgeschöpft. Einige Themen und Projekte sollen in den nächsten Monaten ergänzend vorgestellt werden. Über Anregungen und Kritik freuen wir uns. (mh/red) |