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Monika und Georg Lehner erforschen, wie sich das China-Bild in Europa gewandelt hat. Foto u. Montage: T. Dirtl


Institut für Geschichteder Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Institut für Ostasienwissenschaften / Sinologieder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Homepage von Georg Lehner Homepage von Monika Lehner Monika und Georg Lehner arbeiten gemeinsam an der "Wiener Chinabibliographie"welche die China-Literatur in Wiener Bibliotheken bis zum Erscheinungsjahr 1939 erfasst.    
China-Bilder in Europa
China, Forschungsprojekte
Simone Kremsberger (Redaktion) am  3. Juli 2007

Der "grausame" Chinese, der "gelbe" Chinese - diese Klischees sind leicht als solche zu entlarven und halten sich doch beständig. Woher solche Stereotype stammen und wie sich das Bild von China in Europa entwickelt hat, untersuchen die Geschwister Lehner: Georg Lehner erforscht in einem FWF-Projekt den China-Diskurs in europäischen Enzyklopädien im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Monika Lehner beschäftigt sich in ihrem Habilitationsprojekt mit China-Karikaturen in der satirisch-humoristischen Publizistik Österreich-Ungarns.

Mag. Dr. Monika Lehner (Institut für Ostasienwissenschaften / Sinologie und Institut für Geschichte) und Privatdoz. Mag. Dr. Georg Lehner (Institut für Geschichte) haben - als Geschwister - nicht nur einen gemeinsamen Namen, sondern - als KollegInnen - auch einen gemeinsamen Forschungsschwerpunkt: China, und dabei vor allem den China-Diskurs in Europa. "Zufall", meint Monika Lehner, "das hat sich so ergeben." Beide interessieren sich dafür, wie bestimmte Bilder Chinas in Europa entstanden und sich im Lauf der Zeit veränderten, und erforschen dies anhand unterschiedlicher Quellen und Epochen.

China in Enzyklopädien

Georg Lehner beschäftigt sich in einem FWF-Projekt mit dem China-Diskurs in französischen, englischen und deutschsprachigen Enzyklopädien zwischen 1700 und 1850. "In dem Untersuchungszeitraum zeigt sich ein Wandel des China-Bildes", sagt Lehner. Seit dem 17. Jahrhundert berichteten Jesuiten-Missionare positiv über China, und ihre Darstellungen fanden auch Eingang in die Enzyklopädien.
Dieses positive Bild erfuhr eine erste Erschütterung, als es zu innerkirchlichen Streitereien kam. Im sogenannten "Ritenstreit", der von Anfang des 17. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dauerte, ging es darum, ob die Chinesen neben der Ausübung der christlichen Religion eigene religiöse Traditionen wie den Ahnenkult beibehalten dürften. "China wurde für die europäische Debatte instrumentalisiert, die Darstellung Chinas veränderte sich zum Negativen - auch in den Enzyklopädien", schildert der Historiker.

"Semi-Barbarians"

Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und mit den zunehmenden wirtschaftlichen Interessen der Europäer in Ostasien bildete sich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eine sinophobe Grundstimmung. "Die Chinesen haben sich als Zentrum der Welt gesehen: 'Zhōngguó' heißt 'Land der Mitte'. Darum war man in Europa der Meinung, die Chinesen würden sich für etwas Besseres halten, und hat nach Schlechtem gesucht", so Georg Lehner. In englischen Enzyklopädien wurden die Chinesen als "Semi-Barbarians" geführt. Da die Europäer bei der Verfolgung ökonomischer Ziele in China immer wieder Rückschläge einstecken mussten, entstanden Zuschreibungen wie die  des "betrügerischen" und "verschlagenen Chinesen".

China in Karikaturen

Diese Tendenz verstärkte sich im späten 19. Jahrhundert, als der Kampf um Konzessionen in China einsetzte. "Jede europäische Großmacht wollte sich eine Kolonie, einen 'Platz an der Sonne' verschaffen, und im Rahmen dieser Streitigkeiten kam es zu regelrechten Feindbildprojektionen", erläutert Monika Lehner. Sie untersucht in ihrem Habilitationsprojekt den China-Diskurs in der satirisch-humoristischen Publizistik Österreich-Ungarns. Als zeitliche Begrenzung hat sie 1894 - den Beginn des Chinesisch-Japanischen Krieges - und 1917 - die Kriegserklärung Chinas an die Mittelmächte - gewählt. Obwohl Österreich-Ungarn keine groß angelegten außenpolitischen Interessen an China hatte, kam China als Thema von Karikaturen und satirischen Texten immer wieder vor.

Vom Opfer zum Täter und zurück

"1894 bis 1897/98 wurde China als Opfer von imperialistischen Mächten gesehen", berichtet Monika Lehner. Karikaturen stellten China als Torte dar, die von den Engländern aufgeschnitten und aufgeteilt wurde. Mit dem Boxeraufstand 1900 verschob sich das Bild Chinas vom Opfer zum Täter. "Durch Schreckensmeldungen in den Tagesmedien kam es zu extrem negativen Zuschreibungen. In den Karikaturen wurden die Gesichter der Chinesen verzerrt und fast affenartig dargestellt", so Lehner.
Dennoch sei man in Österreich-Ungarn auch kritisch damit umgegangen, wie die Europäer in China auftraten. "Man sah sich in einer moralisch sicheren Position, weil man selbst nicht beteiligt war." Österreich-Ungarn hatte während des Boxeraufstands zwar ein Stück Land besetzt, allerdings ein "sehr kleines Kolonialgebiet, etwa die Hälfte der Größe der Josefstadt", meint Lehner. "Da gab es Berichte wie: Man darf dort nicht mal Strudelteig ausziehen, sonst kommt es zu Grenzverwicklungen."
Das Bild Chinas wandelte sich also vom Opfer zum Täter wieder hin zum Opfer - und mit dem Ersten Weltkrieg kamen erneut negative Zuschreibungen auf.

Neue alte China-Bilder

"Die Bilder, die in den Karikaturen gezeichnet wurden, sind tief in den Köpfen verankert", fasst Monika Lehner zusammen. "Wenn man heute ein Kind bittet, einen Chinesen zu zeichnen, wird es ein zitronengelbes Mondgesicht mit einem dreieckigen Hut malen." Und manche Klischees seien heute wie damals anzutreffen, ergänzt Georg Lehner: "Nun hat man zwar die Möglichkeit, viel genauere Informationen über China einzuholen oder Stereotype durch einen Besuch des Landes zu entlarven. Doch landläufige Meinungen wie das Bild des 'grausamen Chinesen' halten sich bis heute." Auch die aktuelle Aufbruchsstimmung Europas nach China sei nicht neu, meint Monika Lehner: "Nach dem Boxeraufstand hieß es: China ist ein grenzenloser Markt, wo wir unsere Produkte absetzen können. Das könnte heutzutage auch im Wirtschaftsteil einer Zeitung stehen. Damals gab es eine große Euphorie, aber die Erwartungen sind natürlich nicht für alle aufgegangen. Man kann - damals wie heute - beobachten, dass sich die Phasen von Hoffnung, Investition und Einbruch abwechseln, und damit verändert sich das China-Bild: In der Zeit der Hoffnung ist es positiv, sobald die Bemühungen nicht erwartungsgemäß erfolgreich sind, kommen negative Bilder. Und momentan nähern wir uns dem Höhepunkt einer Hoffnungszeit." (sk)


Privatdoz. Mag. Dr. Georg Lehner führt am Institut für Geschichte das FWF-Projekt "Der China-Diskurs in europäischen Enzyklopädien, 1700–850" durch. Das Projekt startete am 1.7.2006 und soll am 30.6.2008 abgeschlossen sein.
Mag. Dr. Monika Lehner (Institut für Ostasienwissenschaften / Sinologie und Institut für Geschichte) untersucht in ihrem Habilitationsprojekt den "Chinadiskurs in der satirisch-humoristischen Publizistik Österreich-Ungarns 1894–917". Weiters beschäftigt sie sich mit China-Bildern in der Trivialliteratur.

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