Die "neuen Alten" werden derzeit viel propagiert und als Konsumgruppe entdeckt, traditionelle Werbesujets wie der Opa auf der Parkbank haben ausgedient. "Doch es gibt auch die zurückgezogenen, passiven, nicht integrierten Alten", weiß Ass.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht vom Institut für Soziologie der Universität Wien, der das WHO-Demonstrationsprojekt "Investition in die Gesundheit älterer Menschen" leitet.
Aktivität fördern und Barrieren überwinden
Das Projekt zielt darauf ab, sozial isolierten Gruppen der älteren Bevölkerung Strategien der Gesundheitsförderung anzubieten. Ein "Demonstrationsprojekt" ist die Unternehmung deshalb, weil die Interventionen gleichzeitig in der Großstadt Wien, der mittleren deutschen Großstadt Hannover und der kleinen Stadtgemeinde Radevormwald im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen durchgeführt werden.
Christoph Reinprecht ist für die wissenschaftliche Begleitung in Wien zuständig. "Wir gehen in Übereinstimmung mit der WHO davon aus, dass Gesundheit von den Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt wird", so der Soziologe. "Dabei treten gewisse Hindernisse auf, einerseits auf der persönlichen Ebene, etwa in Form von Einsamkeit oder Depressionen, andererseits auf der systemischen Ebene, das heißt das Aktivitätsangebot ist nicht zugänglich oder nicht bekannt." Über Kontaktaufnahme mit der Zielgruppe will man "Erzeugung von Gesundheit" zum Thema machen, Barrieren identifizieren und versuchen, sie zu überwinden.
Kontakt über Hausbesuche
Die Zielgruppe, das sind 55- bis 80-Jährige, die zum Teil ein gravierendes Erlebnis hinter sich haben: die Pensionierung oder die Verwitwung. In Wien hat man mit der Per-Albin-Hansson-Siedlung als "Stadterweiterungsgebiet", Meidling als "traditionellem Arbeiterbezirk" und Rudolfsheim-Fünfhaus als "Gründerzeitviertel mit hohem Anteil an ausländischen BewohnerInnen" drei typische Siedlungsgebiete ausgewählt. Sieben Sozialarbeiterinnen bzw. Psychologinnen haben über Hausbesuche Kontakt zu 350 älteren Personen aufgenommen und sie zu Lebensqualität und aktiver Lebensführung befragt. Hinzu erging das Angebot, ein Jahr lang Kontakt zu halten und - falls erwünscht - den Aktivierungsprozess zu begleiten. Der Kontakt zu den älteren MigrantInnen wurde über eine türkischsprachige und eine Mitarbeiterin mit serbokroatischer Muttersprache hergestellt. "Aus Bedarf an Information wurde das Angebot gerne angenommen", schildert Reinprecht.
Was bedeutet Aktivität?
Ziel ist es, Potenziale für Selbsttätigkeit und Aktivität zu erkennen. Dabei wird Aktivität - laut Reinprecht eine "selbst verantwortete, selbst gesteuerte Tätigkeit jeder Art" - nicht von allen gleich verstanden: "Der Aktivitätsbegriff der in Österreich Geborenen ist mehr auf Freizeit im klassischen Sinn und das eigene Ich bezogen. Ältere MigrantInnen hingegen verstehen darunter vielmehr Existenzbewältigung, etwa zur Pensionsversicherungsanstalt zu gehen. Aktivität ist für sie wir-bezogen und familienzentriert." Wie auch immer Aktivität im Einzelnen definiert wird, fest steht: Eine aktive Lebensführung erhöht das subjektive Wohlbefinden. Da sich das Projekt auf wenig mobile, isolierte Personengruppen konzentriert, spielt das unmittelbare Wohnumfeld für das Aktivierungspotenzial eine wichtige Rolle.
Defizitäre Lebensqualität vor allem für MigrantInnen
Erste Ergebnisse zeigen, dass die umweltbezogene Lebensqualität ein wichtiger Bestandteil des Wohlbefindens im Alter ist und große Unterschiede in den einzelnen Stadtteilen bestehen. "Vor allem MigrantInnen leben in einer schlechten Wohnsituation und einer Umgebung mit häufig defizitärer Infrastruktur ", erläutert der Projektleiter. Vielfach fehlt aber auch die Information über bestehende Einrichtungen und Angebote. Deshalb hat man einen "Gesundheitswegweiser" für ältere MigrantInnen entwickelt, der wichtige Informationen in türkischer und serbokroatischer/bosnischer Sprache über Gesundheits- und Sozialeinrichtungen in der Wohnregion liefert.
Ausschlaggebend für die Lebensqualität sind auch die sozialen Kontakte - nicht umsonst steht soziale Geselligkeit auf Platz eins der Aktivitäten-Wunschliste der Befragten. "Soziale Kontakte sind besonders für ältere MigrantInnen von Bedeutung, auch wenn die Zahl der Kontakte nicht so groß ist, wie oft angenommen wird. Das Beziehungsnetz ist fast durchwegs auf Familie und Verwandtschaft beschränkt und stellt eine wichtige Stütze für Notfälle dar", so Reinprecht. Ein weiterer Faktor ist der Familienstand, mit durchaus überraschenden Ergebnissen: "Die Lebensqualität wird von Verwitweten etwas höher bewertet, das hat vor allem bei den weiblichen Befragten oft damit zu tun, dass eine Verwitwung auch eine Entlastung bedeuten kann."
Insgesamt ist vor allem die Situation der älteren MigrantInnen prekär: Nur 13 Prozent - im Gegensatz zu 63 Prozent der in Österreich Geborenen - bezeichnen sich im Hinblick auf ihre Lebenszufriedenheit als "glücklich", zur gesellschaftlichen Isolation und materiellen Belastung kommt der erschwerte Zugang zu sozialen Diensten.
Zugänge schaffen und Wertschätzung entgegenbringen
Die MitarbeiterInnen versuchen nun, die Personen zu informieren bzw. zu aktivieren, nach Informationen zu suchen. Erste Maßnahmen wurden bereits gesetzt, so wurde in Meidling ein mittlerweile rege besuchter Stammtisch im Kaffeehaus etabliert. Natürlich kann ein Kaffeehaustratsch nicht alle Probleme lösen. Wo sieht Reinprecht Handlungsbedarf?
"Wichtig wäre, die bestehende Infrastruktur transparenter und für unterschiedliche Zielgruppen und Milieus zugänglicher zu machen." Als Schlagwort nennt er "interkulturelle Öffnung": "Ein immer größerer Teil der älteren Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund - Einrichtungen wie Pensionistenheime müssen sich ihren speziellen Bedürfnissen anpassen." Potenzial sieht Reinprecht auch darin, Angehörige der zweiten und dritten Generation im Bereich der sozialen Dienste zu qualifizieren. Essenziell für das Wohlbefinden aller älteren Personen sei die Wertschätzung der Gesellschaft - "etwa, indem ältere Menschen Ehrenämter übernehmen und Funktionen ausüben, die ihnen Anerkennung bringen." (sk)
Das WHO-Demonstrationsprojekt "Investition in die Gesundheit älterer Menschen" wird von der Stadt Wien (MA 15 - Fonds Soziales Wien) und dem Verein Wiener Sozialdienste getragen und vom Institut für Soziologie der Universität Wien unter der Leitung von Ass.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht wissenschaftlich begleitet. Das 2003 begonnene Projekt wird im Juni 2005 mit einer Konferenz abgeschlossen. Parallelinterventionen gibt es in den deutschen Städten Hannover und Radevormwald. Weitere Infos: www.aktivinsalter.at |