Was ist die Natur des Menschen? Sind wir biologisch gesteuert, und wenn nicht, was treibt uns an? Ist der Übergang vom Tier zum Menschen ein rein gradueller oder ein qualitativer? Die Frage, inwieweit man soziokulturelle Phänomene mit biologischen Prinzipien erklären kann, scheidet Geister, Fakultäten und Disziplinen. "Gleichzeitig trägt sie das Potenzial in sich, uns wieder zusammenzubringen, denn diese Frage müssen wohl alle Fächer, die sich wissenschaftlich mit dem Sozialen beschäftigen, für sich beantworten", sagt der Kultur- und Sozialanthropologe Khaled Hakami. Im Symposium "On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften" will er jene an einem gemeinsamen Tisch versammeln, die sich auf wissenschaftlicher Ebene nur selten begegnen: AnthropologInnen, ArchäologInnen, BiologInnen, EthnologInnen, HumanökologInnen, SoziologInnen und WissenschaftstheoretikerInnen.
Was ist Sozialwissenschaft?
Denn so unterschiedlich die jeweiligen theoretischen und methodischen Zugänge auch sein mögen: All diese Disziplinen wurden im Laufe der 150 Jahre, die seit der Veröffentlichung von "On the Origin of Species" vergangen sind, auf die eine oder andere Weise von Charles Darwins Evolutionstheorie beeinflusst. "Dennoch, die Zweifel sind geblieben", schreibt Hakami einleitend im Tagungsprogramm: "Sind die Theorien, Konzepte und Prinzipien Darwins und der modernen Biologie tatsächlich dazu geeignet, auch die Entstehung, Form und Funktion soziokultureller Phänomene zu erklären?"
Diese Frage steht im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung, die am Dienstag, 10. November und am Mittwoch, 11. November 2009 - jeweils ab 13.15 Uhr - über die Bühne geht. "Ziel ist es, die bisherige Wissenschaftsgeschichte aus verschiedenen fachlichen Perspektiven kritisch zu hinterfragen, die Diversität darwinistisch inspirierter Ansätze innerhalb der heutigen Sozialwissenschaften aufzuzeigen sowie Sinn und Unsinn dieser Anwendungen zu diskutieren", so der Organisator des Symposiums.
Zwei Nachmittage, vier Sessions
Auf dem Programm stehen zwei Nachmittage, eingeteilt in vier Sessions zu je drei Vorträgen und jeweils einer abschließenden Diskussion. Nach einer Begrüßung durch Rudolf Richter, Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften, und einleitenden Worten von Khaled Hakami, startet Session I am Dienstag im Kleinen Festsaal der Universität Wien mit Vorträgen rund um die Rezeption Darwins in den Sozialwissenschaften. Es moderiert Christian Feest vom Museum für Völkerkunde. Nach einer Kaffeepause geht es weiter mit Session II, durch die Andre Gingrich, Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, führt. Inhaltlich steht der biologische Blickwinkel im Mittelpunkt.
Am zweiten Nachmittag begrüßt Christian Feest die SymposiumsteilnehmerInnen im Vortragssaal des Museums für Völkerkunde. Nach einem kurzen Resümee des ersten Tags beleuchtet Session III - unter der Moderation von Thomas Fillitz vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie - das Thema Evolution aus anthropologischer, kulturanthropologischer und soziologischer Perspektive. Friedrich Stadler vom Institut für Zeitgeschichte moderiert den letzten Vortragsblock mit den drei Referatsthemen "Biologische und kulturelle Evolution: Von Darwin zu Luhmann", "Die soziokulturelle Organisation humaner Sozietäten" und "Der Darwinismus als Grundlage einer sozialwissenschaftlichen Archäologie". Abgeschlossen wird die zweitägige Veranstaltung mit der Möglichkeit zur weiteren Diskussion bei einem Buffet im Festsaal des Museums.
Spannende Diskussion
"Ziel der Veranstaltung ist es, ein wissenschaftliches Gespräch in Gang zu bringen", sagt Khaled Hakami. Das ist gleichzeitig die größte Herausforderung: "Die Vortragenden verfolgen die unterschiedlichsten Zugänge. Das große Fragezeichen ist, ob wir eine gemeinsame Gesprächsbasis finden. Hier kann ich als Organisator nur die Rahmenbedingungen schaffen, alles Weitere hängt von den Moderatoren, den Publikumsfragen und der Konfrontationsfreudigkeit der TeilnehmerInnen ab." Denn das Thema ist an sich kein einfaches: "Wenn man im Zusammenhang mit den Sozialwissenschaften über Darwin und Evolution spricht, läuten bei einigen die Alarmglocken. Die Schwierigkeit sind gewisse Assoziationsketten - viele denken dabei fälschlicherweise sofort an Biologismus oder Sozialdarwinismus", so Hakami: "Trotzdem - oder gerade deswegen - bin ich der Meinung, man kann in der Wissenschaft auch zunächst 'problematisch' erscheinende Theorien zur Diskussion stellen, solange man seine Ansichten nach den Standards der modernen Wissenschaft begründen kann." (br)
Lesen Sie hier den Artikel "Das Darwin-Tabu": Symposiums-Organisator Khaled Hakami im Gespräch mit "dieUniversitaet-online" über Darwins bleibenden Eindruck und warum man in den Sozialwissenschaften nicht gerne darüber spricht.
Zweitägiges Symposium: "On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften"
Termine und Orte: Dienstag, 10. November 2009, Beginn 13.15 Uhr Kleiner Festsaal der Universität Wien Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Mittwoch, 11. November 2009, Beginn 13.15 Uhr Vortragssaal, Museum für Völkerkunde Wien Heldenplatz, Neue Burg, 1010 Wien
Eintritt frei, keine Voranmeldung notwendig.
Nähere Informationen Programm (PDF) Abstracts zum Symposium (PDF) |