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Khaled Hakami ist Organisator des Symposiums "On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften", …


… das am 10. und 11. November 2009 an der Universität Wien und am Museum für Völkerkunde stattfindet.


Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft Museum für Völkerkunde Wien Symposium: On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften Website von Khaled Hakami Artikel: Darwin-Symposium: Was SozialwissenschafterInnen trennt und vereint
Das Darwin-Tabu
Darwin-Jahr 2009
Bernadette Ralser (Redaktion) am 28. Oktober 2009

Als 1959 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Charles Darwins Hauptwerk "On the Origin of Species" BiologInnen auf der ganzen Welt ihren Helden feierten, blieben auch die Sozialwissenschaften von der Euphorie nicht unberührt. Viele sahen die Gelegenheit gekommen, ihre Theorien zur Entstehung sozialer Systeme mit Hilfe darwinistischer Ansätze zu untermauern bzw. "gesellschaftsfähig" zu machen. "DieUniversitaet-online" sprach mit dem Ethnologen Khaled Hakami über Darwins bleibenden Eindruck - und warum man in den Sozialwissenschaften nicht gerne darüber spricht.

Redaktion: Die Diskussionen zum Darwin-Jahr 2009 werden hauptsächlich aus zwei Perspektiven geführt: einer naturwissenschaftlichen und einer theologisch-philosophischen. Wo bleiben da die Sozialwissenschaften?
Khaled Hakami: Leider sind die Sozialwissenschaften in dieser Diskussion stark unterrepräsentiert und auch medial kaum vertreten. Das ist einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, ein Symposium zum Thema "Darwin und die Sozialwissenschaften" zu veranstalten, das übrigens am 10. und 11. November 2009 an der Universität Wien und am Museum für Völkerkunde stattfindet. Die Organisation dieser Veranstaltung war allerdings gar nicht so einfach.

Redaktion: Warum?
Hakami: "Problematisch" war wohl das Wort, das ich in diesem Zusammenhang am häufigsten gehört habe. Wenn man die Begriffe "Darwinismus", "Evolution" und "Sozialwissenschaft" in einem Atemzug erwähnt, läuten bei vielen die Alarmglocken: Sie denken sofort an pseudo-wissenschaftliche Konzepte des 19. Jahrhunderts. Geschichtlich betrachtet natürlich verständlich, aber mit Theorien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das nur wenig zu tun. Ich trete hier für eine rein wissenschaftliche Kritik ein. Aber historische Urteile werden schnell zu modernen Vorurteilen, und so gibt es immer gewisse Tabuthemen …

Redaktion: … und Evolution ist eines davon?

Hakami: Damit sind vor allem in der Kultur- und Sozialanthropologie oftmals ganz bestimmte Assoziationsketten verbunden, wie beispielsweise die Einteilung der Menschheit in aufstrebende Entwicklungsstufen, die Betonung des Fortschrittsgedankens und so weiter. Auch bei soziobiologischen Theorien gab es ähnliche Bedenken: Sie würden direkt an sozialdarwinistische Konzepte anknüpfen, gesellschaftspolitisch nur den Status Quo unterstützen, etc. Aber, wie schon gesagt, moderne Evolutionstheorien in der Sozialwissenschaft haben rein gar nichts mit Progressivismus oder Sozialdarwinismus am Hut, mehr noch: Sie müssen nicht mal unbedingt etwas mit Darwin zu tun haben.

Redaktion: Aber Tatsache ist, dass Darwin die Sozialwissenschaften und damit auch die Kultur- und Sozialanthropologie beeinflusst hat?
Hakami: Er hatte sogar einen massiven Einfluss. Schon vor 1959, aber der Boom begann mit dem 100-jährigen Jubiläumsjahr. Da haben sich die BiologInnen - durchaus zu Recht - selbst gefeiert, so wie sie das heuer wieder tun. Und damals hatten viele SozialwissenschafterInnen das Gefühl: Das ist genau das, was wir brauchen, um die Sozialwissenschaft zu einer richtigen "Social Science" zu machen.

Redaktion: Was meinen Sie mit "Social Science"?
Hakami: Historisch gesehen gab es im anglo-amerikanischen Sprachraum eine Trennung zwischen den "Sciences" und den "Humanities", zwei erkenntnistheoretischen Ansätzen, die Evidenzen auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren. Bei einer als "Science" verstandenen Sozialwissenschaft stehen nicht die einzelnen historischen Phänomene, sondern die Suche nach allgemein gültigen und statistisch nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten im Vordergrund. Für VertreterInnen der "Humanities" gilt dementsprechend das Gegenteil, auch wenn die Grenzen zwischen diesen beiden Grundpositionen oftmals fließend sind.

Redaktion: Welche Rolle spielt die Biologie für die Erklärung soziokultureller Phänomene?
Hakami: Das ist die klassische Frage nach "Nature" oder "Nurture". Da gibt es ein ganzes Spektrum an Paradigmen mit unterschiedlichen Antworten. Am radikalsten sind auf der einen Seite diejenigen, die behaupten, alles sei Natur und die Soziologie etc. nur eine Hilfswissenschaft der Biologie. Und auf der gegenüberliegenden Seite stehen jene, die sagen, alles sei Kultur und Biologie habe überhaupt keine Bedeutung. Dazwischen bewegen sich verschiedenste Zugänge, die sich graduell von der Biologie distanzieren - einige mehr, andere weniger. Die klassische Soziobiologie beispielsweise wollte grundlegende soziale Phänomene direkt mit biologischen Prinzipien erklären. Heute bezeichnen sich nur mehr wenige offen als SoziobiologInnen. Aber es gibt eine Reihe von rezenten Disziplinen, die im Grunde ähnlich ausgerichtet sind, etwa die "Evolutionary Psychology", die "Darwinian Social Science" oder auch die moderne Humanethologie.

Redaktion: Sind das nun SozialwissenschafterInnen oder nicht?
Hakami: Das kommt darauf an, ob man SozialwissenschafterInnen danach definiert, ob sie sich wissenschaftlich mit sozialen Phänomenen beschäftigen, oder danach, ob sie ihren Arbeitsplatz an einer Fakultät für Sozialwissenschaft haben. Für sinnvoller halte ich erstere Definition, auch wenn das nichts über die Sinnhaftigkeit der einzelnen Zugänge aussagt.

Redaktion: In den Medien sind die biologistisch ausgerichteten Social Scientists sehr erfolgreich …
Hakami: Das liegt daran, dass sie einen Marketingvorteil haben, und der heißt Charles Darwin. Seine Evolutionstheorie wird von der Öffentlichkeit anerkannt; es erscheint vielen Menschen plausibel, dass darwinistische Prinzipien direkt auch auf soziokulturelle Phänomene anwendbar sind. Ein gutes Beispiel dafür sind Untersuchungen, die physische Merkmale wie Körperproportionen in kausalen Zusammenhang mit Phänomenen wie Attraktivität und Verhalten zwischen Geschlechtern bringen. Solche Untersuchungen ziehen viel mediale Aufmerksamkeit auf sich. Ohne Zweifel betonen diese Forscher oftmals, dass soziokulturelle Phänomene dabei "auch eine Rolle spielen", aber natürlich würde es ein nicht-biologisch orientierter Sozialforscher genau umgekehrt sehen. Das Marketing-Problem dabei: Alternative Erklärungen, die nicht biologische, sondern rein gesellschaftliche Faktoren anführen, sind meist zu komplex, um eine Wirkung in der Öffentlichkeit zu erzielen.

Redaktion: Trotzdem ist der Mensch auch ein biologisches Wesen …
Hakami: Ich sage auch nicht, dass die Biologie keine Bedeutung hat. Sie bildet gewissermaßen eine Grundlage, auf der soziokulturelle Faktoren aufbauen. Die Biologie erklärt mir beispielsweise zwar, warum wir überhaupt die Möglichkeit haben zu sprechen, aber sie erklärt mir nicht, welche jeweilige Sprache wir sprechen. Mit der notwendigen Erklärung der Diversität kultureller und sozialer Erscheinungen steht und fällt dann auch das Erklärungspotenzial biologisch orientierter Theorien.

Mag. Khaled Hakami lehrt am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und ist Organisator des Symposiums "On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften", das am 10. und 11. November 2009 an der Universität Wien und am Museum für Völkerkunde stattfindet.

Veranstaltungstipp:
Zweitägiges Symposium: On the Origin of Societies? Darwin und die Sozialwissenschaften

Termine und Orte:
Dienstag, 10. November 2009, ab 13.15 Uhr
Kleiner Festsaal, Hauptgebäude Universität Wien
Dr. Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien

Mittwoch, 11. November 2009, Beginn 13.15 Uhr
Vortragssaal, Museum für Völkerkunde Wien
Heldenplatz, Neue Burg, 1010 Wien

Nähere Informationen
Programm (PDF)
Artikel "Darwin-Symposium: Was SozialwissenschafterInnen trennt und vereint"

Eintritt frei, keine Voranmeldung notwendig.

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